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Gleichgewicht des Schreckens

Damit hat Irans Präsident Mahmud Ahmadi-Nedschad wohl nicht gerechnet. Seine jüngsten Äußerungen zum Thema Israel, der Judenstaat gehöre von der Landkarte gestrichen, haben nicht nur im Ausland heftige Kritik hervorgerufen, sondern nun sogar im eigenen Land: Solche Parolen manövrierten Iran in die Isolation, kritisierte ausgerechnet Ahmadi-Nedschads Vorgänger Mohammed Chatami. Dabei hat sich Chatami einst selbst inhaltlich ähnlich geäußert. Damals hat man das hierzulande kaum zur Kenntnis genommen, zum einen, weil Chatami als Gemäßigter aus Überzeugung galt, zum anderen, weil die Frage der atomaren Bewaffnung, die als einziges iranisches Machtmittel das Potential hätte, eine solche Drohung wahrzumachen, noch nicht akut war. Freilich hätte sich Ahmadi-Nedschad denken können, daß die Äußerung in diesem Tonfall, aus seinem Munde und vor diesem Hintergrund eine ganz andere Aufmerksamkeit erregen würde. Doch Ahmadi-Nedschad ist ein „Überzeugungstäter“ und ohne außenpolitische Erfahrung. Vor allem aber war seine Botschaft, die im Ausland soviel Aufmerksamkeit gefunden hat, eigentlich ans Inland gerichtet. Ahmadi-Nedschad – tiefreligiös, aber antiklerikal – verkörpert nämlich jenen alten sozialrevolutionären Geist der islamischen Revolution von 1978, der sich im Iran unter dem etablierten Regime der Mullahs über die Jahre beinahe völlig verflüchtigt hat. Wie Khomeini setzt er auf das Entfachen der revolutionären Flamme und den Appell an die Mustazafin, die Enterbten und Entrechteten. Ob er damit reüssieren kann, ist die Frage, da ein großer Teil der iranischen Jugend unter der islamischen Oberfläche inzwischen auch hedonistisch ausgerichtet ist. Wie bedroht ist also Israel und damit der relative Friede im Nahen Osten wirklich? So sehr die Rhetorik gegen Israel im Iran zum guten Ton gehört, die tatsächliche Sympathie für die Palästinenser ist trotz gegenteiliger Beteuerungen sehr gering. Zwischen ihnen steht der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Andererseits, so unangenehm uns die Vorstellung eines atomar gerüsteten Iran sein mag, ist es den Persern wohl nicht zu vermitteln, daß ihre Todfeinde solche Waffen besitzen dürfen, sie selbst aber nicht. Zumal der gemeine Mann auf den Straßen Teherans ehrlichen Herzens daran glaubt, daß es sich um reine Instrumente der Abschreckung handelt. Daß seine Sorgen nicht ganz unbegründet sind, dafür sorgt nicht zuletzt die Tatsache, daß der US-Kongreß jedes Jahr ein Budget bewilligt, um mit Hilfe von Exil-Iranern einen Umsturz ins Werk zu setzen. Man kann gewiß sein, daß – natürlich verdeckt – auch die CIA in Teheran stets mitmischt. Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld brachte es unlängst auf den Punkt, als er zu bedenken gab: „Wäre ich Perser, müßte ich doch verrückt sein, mir nicht auch Atomwaffen zuzulegen!“ Letztlich sind aber all diese Fragen irrelevant, denn ohne einen Krieg gegen den Iran zu entfesseln und die Irak-Katastrophe damit in vergrößertem Maßstab zu wiederholen, wird der Westen das Atomprogramm des Iran langfristig kaum unterbinden können. Dieses findet vermutlich in tiefen Felsstollen der iranischen Berge statt und wäre damit unerreichbar auch für die hochspezialisierten Waffen der US-Luftwaffe.

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