Egoismen schaden nur

Nachdem in der Bundesrepublik Deutschland während der vergangenen Jahrzehnte die strukturelle Arbeitslosigkeit auf immer neue Rekordhöhen gestiegen ist und sich zugleich die strukturelle Wachstumsschwäche des Landes immer mehr verfestigt hat, sprechen sich die tonangebenden Wirtschaftswissenschaftler beinahe unisono für eine spürbare Lohnsenkung aus. Zugleich empfehlen sie der Bundesregierung, nach dem Vorbild der Konzertierten Aktion mit Unternehmern und Arbeitnehmern einen Solidarpakt zum Zwecke einer ökonomischen Revitalisierung des Landes zu schmieden. Senkte man in der Bundesrepublik Deutschland – dem Ratschlag der tonangebenden Wirtschaftswissenschaft- ler folgend – das Lohnniveau, so gewänne das Land seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zurück; freilich zu dem Preis eines sehr viel niedrigeren Wohlstandes. Ohne Frage wäre die mit einer Anpassung der Produktionsstruktur an die Faktorstruktur verbundene Beseitigung des deutschen Industriemuseums für die in den dem Schrumpfungsdruck ausgesetzten Branchen tätigen Menschen ein höchst schmerzhafter Vorgang. Doch wäre dies nur die eine – aufs Ganze gesehen weniger wichtige – Seite der Medaille. Zwar mag sein, daß sich ein durch eine immer massivere Protektion aufge-bauter Anpassungsstau auf rasche Weise nicht ohne große – auch gesamtwirtschaftlich problematische – Friktionen auflösen ließe, doch führte die Einbeziehung der wirtschaftlich zurückgebliebenen Länder in die internationale Arbeitsteilung auf mittlere und längere Sicht nicht zu einer Minderung, sondern zu einer Mehrung des Wohlstands in den hochentwickelten Ländern. Indem die Intensivierung des internationalen Handels die arbeitsintensiven Wirtschaftszweige in den hochentwickelten Ländern einem vermehrten Schrumpfungsdruck aussetzte, eröffnete sie den bis dahin diskriminierten hu-mankapital- und technologieintensiven Branchen neue Wachstumsmöglichkeiten. Die liberalisierungsbedingte Intensivierung des internationalen Handels bewirkte, daß sich in den hochentwickelten Ländern die Produktionsstruktur an die Struktur der komparativen Vorteile auf eine für diese Länder vorteilhafte Weise anpaßte: Unter dem Druck des sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs wanderten die Produktionsfaktoren aus Wirtschaftszweigen mit geringer Produktivität zunehmend in solche mit hoher Produktivität ab. Die Einbeziehung der wirtschaftlich zurückgebliebenen Länder in die internationale Arbeitsteilung führte in hu-mankapitalreichen Ländern auch nicht zwangsläufig zu einem trendmäßigen Rückgang des Faktorpreises für einfache Arbeit; eher wäre das Gegenteil der Fall. Solange sich der relative Knappheitsgrad des Faktors einfache Arbeit in diesen Ländern nicht ändert, ändert sich auch nicht ihr relativer Faktorpreis. In der Vergangenheit war es in hochentwickelten Ländern, die sich gegen die Zuwanderung ungelernter Arbeitskräfte sperrten, sogar so, daß der relative Faktorpreis für einfache Arbeit im Zuge einer zunehmenden Verknappung trendmäßig anstieg. Der Lohnsatz für einfache Arbeit war nicht durch das Lohnniveau in den wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern, sondern allein durch seine Produktivität in den hochentwickelten Ländern determiniert. Kommt die einfache Arbeit als knapper Faktor in den hochentwickelten Ländern nicht in arbeits- und sachka-pitalintensiven, sondern in humankapital- und technologieintensiven Branchen zum Einsatz, so ist seine Produktivität sehr viel höher als in den wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern. Die globalen Knappheitsrelationen bei einfacher Arbeit schlagen in den hochentwickelten Ländern nur auf die Wettbewerbsfähigkeit der arbeits- und sach-kapitalintensiven und nicht der humankapital- und technologieintensiven Branchen durch. Lassen die humankapitalintensiven Länder es zu, daß sich ihre Produktionsstruktur an die Struktur ihrer Faktorausstattung anpaßt, so ist in ihnen die Produktivität des (knappen) Faktors einfache Arbeit höher als in der übrigen Welt. Entspricht in den humankapital- und technologieinten-siven Branchen der Lohnsatz für einfache Arbeit ihrer Produktivität, so beeinträchtigt er die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Wirtschaftszweige nicht, obwohl er wesentlich höher liegt als in der übrigen Welt. Käme es zu einem neuerlichen massiven Zustrom schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte, so fiele Deutschland unausweichlich noch weiter in der internationalen Produktivitäts- und Einkommenshierarchie zurück. Freihandel auf Produktmärkten und Freizügigkeit auf Faktormärkten haben insofern eine fundamentale Gemeinsamkeit, als sie auf den internationalen Faktorpreisausgleich hinwirken. Nicht weniger fundamental ist aber auch der Unterschied in den Auswirkungen auf die Struktur der internationalen Arbeitsteilung. Im Fall des Freihandels paßt sich die internationale Produktionsstruktur an die bestehende Struktur der komparativen Vorteile an, ohne diese zu verändern. Im Fall der Freizügigkeit verändert sich mit der Veränderung der Faktorproportionen auch die Struktur der komparativen Vorteile. Im Ganzen dürfte es so sein, daß die Faktorwanderung über eine Angleichung der Faktorproportionen zu einem Abbau komparativer Vorteile und zu einer Verminderung der internationalen Arbeitsteilung führt. Es käme zur Herausbildung einer gänzlich anderen Produktions- und Handelsstruktur als bei Freihandel. Die unterschiedlichen Auswirkungen von Freihandel und Freizügigkeit auf die internationale Struktur der komparativen Vorteile implizieren weitreichende Konsequenzen für die internationale Verteilung des Wohlstands. Ein umfassender Freihandel vermehrte den Wohlstand sowohl in den hochentwickelten als auch in den wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern. Wie sich diese allseitige Wohlstandsmehrung auf das internationale Wohlstandsgefälle auswirkte, ist eine empirische Frage. Grundsätzlich ist aber zu sagen, daß Freihandel das internationale Wohlstandsgefälle auch dann nicht substantiell veränderte, wenn es zum vollkommenen Faktorpreisausgleich käme. Grundlegend anders lägen die Dinge im Fall einer umfassenden Freizügigkeit. Diese würde sehr wahrscheinlich den Wohlstand (die Pro-Kopf-Einkommen) in den wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern vermehren und in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern vermindern. Im Zuge dieser Entwicklung, in der sich die Länder immer mehr einander anglichen, bildete sich das internationale Wohlstandsgefälle drastisch zurück. Den Nachteil hiervon hätten vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten in den einstmals reichen Ländern. Protektion auf Gütermärkten und Freizügigkeit auf dem Faktormarkt für einfache Arbeit haben gemeinsam, daß sie in hochentwickelten Ländern den Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität und der Pro-Kopf-Einkommen bremsen. Ein grundlegender Unterschied zwischen Protektion auf Gütermärkten und Protektion auf Faktormärkten besteht freilich darin, daß Schutzmaßnahmen für heimische Produzenten auf den Gütermärkten sowohl das Einkommen des Inlands als auch der Welt insgesamt vermindern, während Schutzmaßnahmen für die einfache Arbeit die Arbeitsproduktivität und das Pro-Kopf-Einkommen des Inlandes auf Kosten der Welt insgesamt erhöhen. Theoretiker des Wirtschaftsliberalismus und Wirtschaftspolitiker ziehen aus diesem Sachverhalt zumeist unterschiedliche Schlußfolgerungen. Die Theoretiker des Wirtschaftsliberalismus, die primär die Maximierung des Welteinkommens im Auge haben, wenden sich sowohl gegen Schutzmaßnahmen auf den heimischen Gütermärkten als auch gegen Schutzmaßnahmen auf den heimischen Faktormärkten. Im Unterschied dazu neigen die Wirtschaftspolitiker – auch wenn sie sich zum Wirtschaftsliberalismus bekennen – dazu, die heimischen Einkommen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung zu stellen. Dies erklärt, warum sie offene Gütermärkte prinzipiell befürworten und auf den Faktormärkten nur insoweit für Offenheit sind, wie dies der heimischen Beschäftigung dient und das heimische Einkommen erhöht. Die tonangebenden Wirtschaftswissenschaftler schwimmen mit ihrer Auffassung, das Ende der Anwerbung von Gastarbeitern habe für die Bundesrepublik Deutschland erhebliche Einbußen an Wachstumspotential zur Folge gehabt, sicherlich im breiten Strom des hierzulande von der Politischen Klasse und ihren Helfern vertretenen Standpunkts. Doch richtig ist sie nicht. Käme es zu einer neuerlichen Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts und einem neuerlichen massiven Zustrom schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte, so fiele das Land unausweichlich noch weiter in der internationalen Produktivitäts- und Einkommenshierarchie zurück. Mit Hilfe theoretischer und empirischer Analysen läßt sich zeigen, daß in der Bundesrepublik Deutschland und anderen sich dem Zustrom schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte öffnenden Ländern während der vergangenen Jahrzehnte im Vergleich zur Entwicklung sonst eine weniger kapitalintensive Produktionsstruktur entstanden ist und im Gefolge davon auch die Arbeitsproduktivität und das Pro-Kopf-Einkommen niedriger ausgefallen sind, als sonst der Fall gewesen wäre. Ein noch sehr viel düsteres Bild ergibt sich, wenn man die – im Gefolge der Zuwanderung von Gastarbeitern (und Armutsflüchtlingen) entstandenen – externen Effekte in die Betrachtung einbezieht, die ein zum Teil beträchtliches Ausmaß haben. So ist in der Bundesrepublik, wie in allen von einer starken Migration betroffenen westlichen Zuwanderungsländern, eine – vor allem durch eine spürbare Zunahme der Kriminalität hervorgerufene – Verminderung der Inneren Sicherheit zu verzeichnen, und dies trotz eines massiven Anstiegs der Kosten für Polizei, Justiz und Strafvollzug. Des weiteren war mit der Arbeitsmigration in den Zuwanderungsländern eine zusätzliche, zum Teil gravierende Belastung der Umwelt verbunden. Vor allem in dicht besiedelten Ländern wie Deutschland zog die Zuwanderung von Hilfsarbeitern eine massive Schädigung der Umwelt nach sich, die vor allem darauf beruhte, daß sie durch den Erhalt umweltintensiver Industriezweige der Konservierung einer wirtschaftlich überlebten Produktionsstruktur diente. Das Bild über Nutzen und Frommen der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte verdunkelt sich weiter, wenn man auch die nachteiligen Auswirkungen der Zuwanderung von Ausländern auf den Bildungsstand der heimischen Bevölkerung in das Urteil über den Nutzen der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte einbezieht. Es ist unstrittig, daß in Schulen mit einem hohem Anteil von ausländischen Schülern mit unzureichenden deutschen Sprachkenntnissen das Wissen der deutschen Schüler häufig weit hinter dem zurückbleibt, was sonst möglich wäre. Bezieht man die – im Gefolge der Zuwanderung von Gastarbeitern (und Armutsflüchtlingen) in der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Zuwanderungsländern entstandenen – Anpassungs- und Eingliederungskosten sowie die Kosten für die Benutzung der Infrastruktur und die Inanspruchnahme der sozialen Systeme in die Betrachtung ein, so fällt das Urteil über den Nutzen der Zuwanderung von Gastarbeitern für Länder wie die Bundesrepublik Deutschland noch sehr viel negativer aus. In einem System, in dem die mächtigsten Interessengruppen am ehesten das Gehör der Regierung finden, lassen sich die spezifischen Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen nicht auf adäquate Weise befriedigen. Schmiedete man in der Bundesrepublik Deutschland – dem Ratschlag der tonangebenden Wirtschaftswissenschaftler folgend – unter Führung der Bundesregierung einen Solidarpakt zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern, so wäre vermutlich mit einem ähnlichen Mißerfolg zu rechnen wie bei der in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren betriebenen Konzertierten Aktion. Daß das erneut in die Diskussion gebrachte und auf den ersten Blick bestechend wirkende Konzept der Konzertierten Aktion in der politischen Praxis, zumal unter den Bedingungen einer Parteiendemokratie, wenig erfolgversprechend ist, beruht darauf, daß sich in den modernen Staaten der westlichen Welt mächtige Interessenorganisationen vom Staat nicht so leicht zum Wohl des Ganzen in die Pflicht nehmen lassen und auch nicht so leicht davon zu überzeugen sind, daß ein (zunächst) einseitiger Einkommensverzicht ihrer Mitglieder auch für sie der richtige Weg ist, um aus einer wirtschaftlichen Krisensituation herauszufinden. Es ist eine Illusion zu glauben, einzelne Interessengruppen ließen sich in einer korporatistisch verfaßten Gesellschaft im Rahmen von Gesprächen mit der Regierung unter der Vertröstung auf späteren Nutzen tatsächlich auf einen am Gesamtwohl orientierten Kurs verpflichten. Gerade in einem korporatistischen System streben die Interessengruppen Vorteile für ihre Mitglieder und nicht das Wohl des Ganzen an. Ebenfalls illusionär ist anzunehmen, im Widerstreit der gegensätzlichen Gruppeninteressen werde sich aufgrund eines systemimmanenten Koordinationsmechanismus cum grano salis eine für alle zuträgliche Wirtschafts- und Sozialpolitik herausbilden. Die von den Protagonisten korporatistischer Positionen vertretene gesamtgesellschaftliche Harmonielehre ist ein der Tarnung dienender Mantel, zumindest handelt es sich bei der These vom gesamtgesellschaftlich vorteilhaften Zusammenspiel zwischen Regierung und organisiertem Gruppenegoismus um einen naiven Harmonieglauben. Geradezu absurd ist die in diesem Zusammenhang nicht selten vorgebrachte Auffassung, die Lobbys seien eine Bereicherung für die Demokratie und unentbehrlich für den demokratischen Willensbildungs-Prozeß. Es liegt in der Natur der Sache, daß in einem System, in dem die mächtigsten Interessengruppen am ehesten das Gehör der Regierung finden, sich die spezifischen Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen nicht auf adäquate Weise befriedigen lassen. Alle Erfahrung zeigt, daß sich in einem korporatistischen System die Regierung und die einflußreichen Interessengruppen in ihren „Konsensgesprächen“ ohne viel Federlesen zu Lasten der einflußschwachen Bevölkerungsgruppen verständigen. In der Praxis wird die Regierung bei der Konsenssuche nur auf solche Interessengruppen Rücksicht nehmen, die für ihr Machtkalkül wichtig sind. Schlecht organisierte und wenig einflußreiche Interessengruppen werden in einem korporatistischen System für die Konsenssuche nicht benötigt und stehen deshalb bei den Politikern zumeist vor verschlossener Tür. Die Folge hiervon ist dann, daß von den an der Konsensfindung beteiligten Gruppierungen – den am „Runden Tisch“ Sitzenden oder den an den „Bündnissen“ Teilhabenden – Vereinbarungen zu Lasten der Familien, der Steuerzahler, der Verbraucher sowie anderer Gruppierungen getroffen werden, die aufgrund ihrer organisatorischen Schwäche und ihres geringen politischen Einflusses von der Konsenssuche ausgeschlossen sind. Dieses in der Bundesrepublik Deutschland geltende – und in Gegenüberstellung zum angelsächsischen Kapitalismus auch als Rheinischer Kapitalismus bezeichnete – System stellt keineswegs eine an gemeinschaftlichen Prinzipien orientierte Soziale Marktwirtschaft, sondern ein im Dienst des organisierten Gruppenegoismus stehendes korporatistisches System dar. Haben sich – wie das in Deutschland mittlerweile der Fall ist – die gut organisierten Interessenverbände erst einmal als parakonstitutionelle Institutionen etabliert, so neigen sie dazu, ihren Einfluß auf immer mehr Felder der Politik auszudehnen. Es ist ein Trugschluß, die Regierung verfügte dann noch über die Mittel, den Vertretern des organisierten Gruppenegoismus entgegenzutreten. Hat sie sich erst einmal auf die Konsenssuche im Rahmen korporatistischer Bündnisse eingelassen, so hat sie zumindest ein Stück weit den Staat zur Beute des Gruppenegoismus gemacht. Die Vertreter dieser Organisationen werden sich nach einem solchen Zugewinn an politischer Macht nicht so leicht wieder zügeln lassen. Je mehr die staatliche Politik zum Spielball des organisierten Gruppenegoismus wird und so die politische Macht mit demokratisch nicht legitimierten Gruppen teilt, um so mehr höhlt sie die innere Autorität des Staates und die Zustimmung der Menschen zum politischen System aus. Prof. Dr. Horst Rodemer lehrte an der Hochschule Offenburg bis August 2004 Volkswirtschaftslehre. Reinhold Renz studiert an der Hochschule Offenburg Wirtschaftsingenieurwesen und wird Ende des Sommersemesters sein Studium beenden. Foto: Studentischer Protest gegen Hochschulreform in Leipzig (2004): Einfache Arbeit als knapper Faktor in hochentwickelten Ländern

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