Die Bundesempörungsbeauftragte

Sandra Maischberger hatte die Nase voll. Normalerweise schafft sie es in ihrer nt-v-Sendung, auch Langweilern wie Roland Koch, Christian Wulff oder Guido Westerwelle interessante Nuancen zu entlocken, doch gegen den autistischen Redeschwall der Grünen-Chefin Claudia Roth kam sie nicht an. Sie war einfach zu höflich, um auf den groben Klotz den scharfen Keil zu setzen. Roth hatte Jörg Haiders „Taferl“-Methode übernommen und eine Papptafel mit Terminangaben ins Studio gebracht, die beweisen sollten, daß „der Joschka“ mit dem mutmaßlichen Import von Zwangsprostituierten aus der Ukraine nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. „Der Joschka!“ sagte Claudia Roth immer wieder und wollte wohl ausdrücken: So menschlich, so familiär geht es bei den Grünen zu! Die Zuschauer dürften eher an den Satz von Karl Kraus gedacht haben, wonach das Wort „Familienbande“ den Beigeschmack von Wahrheit habe. „Wir müssen das jetzt abkürzen, denn gleich kommt Herr Glos“, sagte Sandra Maischberger. Man sah ihr an, daß sie sich auf den CSU-Mann freute. Claudia Roth ist die Co-Vorsitzende einer Regierungspartei, sie nimmt an den Koalitionsrunden im Kanzleramt teil, sitzt im Außenpolitischen Ausschuß des Bundestags, redet im Plenum und verbreitet ihre Meinung in Talkshows und Interviews. Zwar ist sie nur die „Untervorsitzende“ unter Übervater Joschka, doch zugleich ist sie für dessen System eine unverzichtbare Stütze. Denn Joschka gilt selbst in den eigenen Reihen als Egomaniak, Claudia Roth aber ist eine Königin der Herzen. Die Attribute, die man ihr zuschreibt, lauten: authentisch, unmittelbar, unverbogen, emotional, mitfühlend, spontan. Selber nennt sie sich „menschlich, direkt und kompromißlos“ – das heißt, mit diesen Worten hat sie Jesus Christus charakterisiert, was aber praktisch auf dasselbe hinausläuft. In der Partei und der Öffentlichkeit beansprucht sie den Platz, der seit dem Tod von Petra Kelly verwaist ist. Zwischen beiden liegen jedoch Welten: Kelly war hochintelligent, ihre Emotionalität enervierend, aber nie berechnend. Roth ist bauernschlau statt klug, ihre Stimme klingt absichtlich aufgeregter, als die Sache, über die sie spricht, das rechtfertigt. Sie profiliert sich als allseits betroffene Persönlichkeit. Der FAZ-Journalist Thomas Schmid, ein Kenner der grünen Pappenheimer, nannte sie eine „Quietschente“, was heißen soll: innen hohl, außen niedlich, im Grunde harmlos. Doch harmlos ist es eben nicht, wenn eine Person wie Roth die deutsche Politik mitbestimmt. Sie wurde 1955 in Ulm geboren, studierte Theaterwissenschaften, war danach an kleinen Bühnen und später als Managerin der Rockband „Ton Steine Scherben“ tätig. Die Band ging 1985 pleite, Roth sagt, sie löste sich nach „demokratischen Beschluß“ auf. Danach war der Sänger Rio Reiser als „König von Deutschland“ erfolgreich – ohne Roth. Unter dem taz-Artikel, der das Ende der Gruppe vermeldete, stand eine Anzeige der Grünen, die eine Pressesprecherin suchten. Da entschloß sich Claudia Roth, Politikerin zu werden. Ihre Karriere verlief steil: Von 1989 bis 1998 war sie Abgeordnete im Europa-Parlament, seit 1998 sitzt sie – mit Unterbrechung von März 2001 bis Dezember 2002 – im Bundestag. Sie war Menschenrechtsbeauftragte im Auswärtigen Amt, zweimal wurde sie zur Parteivorsitzenden gewählt. Seit zwanzig Jahren gehört sie zum politischen Apparat dieser Republik. Eine schöne Pension ist ihr damit schon einmal sicher. Claudia Roth ist die deutsche Lisa Simpson Wer in ihren Reden und Artikeln nach geistiger Substanz sucht, stößt auf Wortmüll wie „postmoderne Gesellschaften“ und „multikulturelle Demokratie“. Im übrigen befleißigt sie sich einer infantilen Bildersprache, die dem transportierten Inhalt adäquat ist. Ihren Traum einer Zukunftsgesellschaft stellte sie auf einem Parteitag folgendermaßen dar: Sie radelt mit dem Fahrrad über die Autobahn, links grüßen Windräder, rechts küßt sich ein Schwulenpärchen, dem sie zuwinkt, und das Ziel ist ein multikulturelles Straßenfest. Wer die Chose bezahlen soll, sagte sie nicht. Lieber redet sie von „Betroffenen“, für die sie „permanent Druck“ macht und „eine Menge erreicht hat“. Sie schwärmt von der „frischen Politik“ und den „wahnsinnig tollen Programmen“ der Grünen und zürnt über diejenigen, die nicht begriffen, „wie sich die Gesellschaft verändert hat“. Am Aschermittwoch 2002 rief sie aus: „Für die Frau gilt nicht mehr Kirche, Küche und Kinder, wir Grünen wollen für die Frauen Karriere, Kinder und andere Kerle.“ Roth ist ledig und kinderlos. Einer türkischen Zeitung erklärte sie, daß sie nichts gegen die Heirat mit einen türkischen Mann hätte. Prompt trafen Heiratsanträge bei ihr ein, die aber nicht verfingen. Wie schade! Diesen Kampf der Kulturen hätte man gern erlebt. So verbringt sie weiter ihre Zeit damit, Unsinn zu verbreiten. „Der Volmer-Erlaß war absolut richtig“, findet sie, denn er habe „Härtefälle“ bei „Familienzusammenführungen“ verhindert. „Die Verfahren, die mit großer krimineller Energie zu Schleusungen ausgenutzt wurden, waren nicht Teil des Volmer-Erlasses.“ So ist es immer bei Roth & Co.: Wir sind die Guten! Die Verantwortung für Risiken und Nebenwirkungen unserer Handlungen weisen wir daher schärfstens zurück! Wenn sie in Talkshows sitzt und die Kamera auf sich gerichtet weiß, reißt sie die Augen weit auf: Die Augen, das hat sie beim Studium gelernt, sind der Spiegel der Seele – und Claudia will, daß alle ihre edle Seele sehen können. Ihr Mund ist halboffen, und zwar aus Zorn über die Ungerechtigkeit in der Welt. Es heißt, daß sie italienische Brecht-Inszenierungen mag. Noch mehr mag sie Fellinis Film „La strada“, was freilich ein riesiges Mißverständnis ist: In den angstvoll geweiteten Augen der kleinen Gelsomina (Giulietta Masina) wird ein Schmerz sichtbar, dessen existentielle Tiefe am Ende durch den Tod beglaubigt wird. Roths Schmerzensausdruck ist dagegen ein kalkulierter. Sie will sich nicht opfern, sondern bloß Mehrheiten sammeln. Ihr Blick ist denn auch trübe und stumpf vor Berechnung, selbst wenn die Augen feucht werden – und sie werden oft feucht. Giulietta Masina hatte in ihrem Gesicht ein existentielles Drama zur Anschauung gebracht, Roth versucht ihre persönlichen Affekte künstlich zum Existenzdrama hochzustemmen. In Wahrheit steht sie in der Tradition von Maria Schell, dem verheulten „Seelchen“ des deutschen Nachkriegsfilms. Wegen Roth postfeministischer Camouflage fällt das nicht weiter auf. Sie spielt die Frau, die sich ihre Weiblichkeit bewahrt, die aber „ihren eigenen Weg geht“, die sich „einmischt“, „engagiert“, die „aktiv“ ist, die ihre innere Bewegung nicht versteckt, sondern „einbringt“. Dieses Einbringen erfolgt – neben dem halboffenen Mund – durch ein konsequentes Wimpernklimpern, das ihren schrillen Wortkaskaden vorausgeht. Das ist der Moment der Wahrheit: Claudia Roth ist die deutsche Lisa Simpson, eine fleischgewordene Wiedergängerin der ewigen Nervensäge aus der amerikanischen Trickfilmserie. Nur, die kleine Lisa ist erst acht und kann sich noch entwickeln. Claudia Roth wird bald fünfzig und spielt sich immer noch als frischverliebter Backfisch auf. Ob sie nun gutgelaunt durch eine Nostalgie-Show von RTL tänzelt oder an der Seite von SPD-Chef Franz Müntefering zur Pressekonferenz erscheint, macht keinen Unterschied. Winke-winke, pelzbesetzter Blazer, albernes Lachen hier, freudiges Wiedererkennen da, fehlt nur noch das Kußhändchen. Claudia Roth, eine Kindfrau mit erfahrungslosem Apfelwangengesicht, forever young, Petra Pan, eine Kitschfigur aus der Retorte der Popkultur. Roth steht emblematisch für den diskursiven Alarmismus Sie würde gut in einen naiven Märchenfilm passen. Statt dessen untersteht sie sich, bei Erwachsenenthemen mitzureden, unter anderem beim EU-Beitritt der Türkei. Man dürfe die Türkei nicht „ausgrenzen“, keift sie bei jeder Gelegenheit. Ausgrenzen – das gehört sich bloß bei Neonazis. Was ist das für ein primitiver, manichäischer Ansatz von Außenpolitik! Spätestens da beginnt das Versagen der anderen Politiker. Warum stürmt Angela Merkel nach einem Roth-Auftritt nicht an das Mikrophon des Bundestags und gibt ihr – frei nach Friedrich dem Großen – Bescheid: „Frau, lerne erst denken, bevor Du zu reden beginnst!“ Und Friedbert Pflüger könnte Wilhelm Busch zitieren: „Oft vereinigt ein Gemüte / Dämlichkeit mit Herzensgüte!“ Roths Aufstieg in der Politik ist Indikator einer politischen Regression, die in den achtziger Jahren einsetzte. Damals wurde die Bundesrepublik zum „Puppenhaus im Wohlstandstango, bevölkert von Märchenprinzen, Quotenfrauen und Peaceniks, in (dem) sich die notorisch von schlechtem Gewissen geplagte Mittelschicht auf der Suche nach Sinn in aberwitzige Zukunftsszenarien hineinsteigerte“ (Cora Stephan). Die deutsche Selbstthematisierung im Schatten des Dritten Reiches führte zu einem primitiven Moralismus und dieser zu einem politischen Manichäismus, dessen negativer Bezugspunkt die „deutsche Gefahr“ war. Deutsche Politik sollte jetzt „weich“ sein, wichtiger als Fachwissen wurde die „Glaubwürdigkeit“, und am „glaubwürdigsten“ erschien, wer „authentisch“ war, wer „Gefühle“, respektive „Betroffenheit“ zeigte. Das war die Chance einer mediokeren Figur wie Roth. Wohlwollende Beobachter sehen im Erfolg der Grünen die gelungene Resozialisierung eines halbintellektuellen Subproletatariats. In Wahrheit hat sich die Asozialisierung der deutschen Politik vollzogen. Der diskursive Alarmismus, eine Abart des politischen Ausnahmezustandes, ist das Lebenselixier der Politikszene, für die Roth emblematisch steht. Sie kann gar nicht anders, als ihn immer weiter eskalieren zu lassen. Gegen Möllemann und Hohmann fuchtelte Roth mit dem Volksverhetzungsparagraphen herum und stellte Strafanzeige. Kardinal Meisner warf sie vor, er würde die „existentiellen Nöte“ der abtreibenden Frauen ignorieren. Der Schwangerschaftsabbruch ist für die Frauen ernst, existentiell ist er hingegen für den Fötus – ein Unterschied, den Roth nicht begreifen kann. Natürlich schwant ihr, daß, würde man Meisners Verstand gleichmäßig auf fünf Personen verteilen, jede einzelne ihr intellektuell immer noch überlegen wäre. Auf eine Diskussion, die den Namen verdiente, kann sie sich also nicht einlassen. Die Maischberger-Sendung war in dieser Hinsicht aufschlußreicher, als es der Moderatorin bewußt war. Maischbergers unerschütterliches, spöttisches Lächeln zeigte Roth, daß ihre gutmenschelnde Frauenpower ins Leere ging. Das war für sie neu, für diese Situation stand ihr weder ein verbales noch mimisches Repertoire zur Verfügung. Ihre Rede lief Amok, und das penetrant naive Apfelwangengesicht zerfloß ins Konturenlose. Übergangslos war aus Petra Pan eine keifende Vettel geworden. Politisch ist Claudia Roth eine Frucht, die nie reif, sondern vor der Reife faul geworden ist. Wohin faule Früchte gehören, ist bekannt. Foto: Grünen-Vorsitzende Claudia Roth: „Wie eine ‚Quietschente‘ – innen hohl, außen niedlich, im Grunde harmlos“ Stichwort: Grünen-Vorstand Das politische Tagesgeschäft von Bündnis 90 / Die Grünen wird durch den sechsköpfigen Bundesvorstand bestritten, der aus einer Doppelspitze, der politischen Geschäftsführerin (Steffi Lemke), dem Bundesschatzmeister (Dietmar Strehl) und zwei Beisitzern besteht. Bei der Neuwahl des Vorstandes im Dezember 2002 konnten die damaligen Vorsitzenden Claudia Roth und Fritz Kuhn nicht mehr antreten, nachdem die Parteibasis einen Antrag auf Abschaffung der Trennung von Amt und Mandat abgelehnt hatte und beide auf ihr Bundestagsmandat nicht verzichten wollten. Erst eine Urabstimmung lockerte die strikte Regelung und ermöglichte auch Parlamentariern die Wahrnehmung von Vorstandsämtern. Roth konnte so im Oktober 2004 erneut, dieses Mal zusammen mit Reinhard Bütikofer, den grünen Parteivorsitz übernehmen.

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