Joachim Kuhs

 

Bischof von Galen

Am kommenden Sonntag, den 9. Oktober, wird Clemens August Graf von Galen vom Papst seliggesprochen. Damit wird knapp sechzig Jahre nach seinem Tode eine der beeindruckendsten Gestalten des konservativ-katholischen Widerstands im Dritten Reich in Erinnerung gerufen. Dieser kernige Westfale, elftes von dreizehn Kindern einer alteingesessenen Adelsfamilie aus dem Münsterland, die viele Offiziere und Priester hervorgebracht hat, ist eines der markantesten Beispiele für eine ethische Haltung, die der totalitären Versuchung der Moderne nicht erlag – weder im Nationalsozialismus noch im Kommunismus. Wie die Angehörigen der Verschwörung um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der mit seinem Anschlag auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 den ernsthaftesten Versuch machte, den Diktator zu stoppen, der Deutschland moralisch und politisch zugrunde richtete, so hat Galen zu seiner Zeit vorgelebt, daß Glaube, Tradition und Ehre sich auch nicht von totalitärer Macht das Rückgrat brechen lassen. Galen machte Front gegen die atheistische Rassenideologie der Nationalsozialisten und rüttelte in Predigten und Hirtenbriefen eine desorientierte Öffentlichkeit über Maßnahmen gegen kirchliche Einrichtungen und die Mordaktionen im Rahmen des „Euthanasie“-Programms auf, so daß diese schließlich dank seiner Proteste gestoppt werden mußten. Andererseits war Galen ein national gesinnter Patriot. Soldaten pilgerten zu seinen Predigten und verteilten diese in der Armee. Zu diesen Bewunderern Galens zählte auch der populäre Jagdflieger Werner Mölders, der durch sein demonstratives Christentum, das moralische Skrupel bei der Kriegführung einschloß, bei der NS-Führung Verärgerung auslöste. Bischof von Galen entspricht so gar nicht dem weitverbreiteten Klischee des nationalkonservativen Bürgertums, das Hitler und seinen Genossen die Steigbügel gehalten haben soll. Auch entspricht er nicht dem Bild des Bürgers, der den alliierten Besatzern 1945 mit derselben Servilität begegnete, die er den gestürzten Machthabern entgegengebracht hatte. Galen setzte mit seinem scharfen Protest gegen Kollektivschuld-Vorwürfe und den Vertreibungsterror Marksteine. Warum nun spielt die Seligsprechung Galens in den Medien keine Rolle? Warum veranstaltet die Nachfolgepartei des Zentrums, dem Galen angehörte, also die CDU/CSU, aus diesem Anlaß beispielsweise kein großes Symposion, das Galen und den national-konservativen und kirchlichen Widerstand würdigt? Warum wird dem wieder salonfähigen und den Diskurs beherrschenden „Antifaschismus“, der in Wahrheit in Diensten des kommunistischen Totalitarismus steht, nicht eine geschichtspolitische Alternative entgegengesetzt? Weil dem tonangebenden Teil des bürgerlichen Lagers dieser in einer unerschütterlichen Ethik wurzelnde Widerstands- und Kampfgeist eines Grafen Galen abhanden gekommen ist. Die Erde hätte von Galens Predigt gebebt, hätte er miterleben müssen, wie seine Partei jahrzehntelang unter dem Namen des „Lebensschutz“-Paragraphen 218 eine Politik mitträgt, der jährlich einschließlich Dunkelziffer rund 250.000 ungeborene Kinder zum Opfer fallen!

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