Joachim Kuhs

 

Schlechtes Wetter ist billiger

Egal, was die weiteren Koalitionsverhandlungen ergeben, eins steht jetzt schon fest: Ein Hoch namens Angie ist für 2006 nicht zu erwarten. Denn nach dem 1998 im Zuge der Gleichberechtigungsdebatte eingeführten Rotationsprinzip tragen im kommenden Jahr alle Tiefs weibliche, alle Hochdruckgebiete männliche Vornamen. Wer seiner Ex-Freundin eine kräftige Gewitterfront widmen, die zickige Schwiegermutter mit Graupelschauern ehren oder aber dem Geliebten für sein sonniges Gemüt danken möchte, hat seit Dienstag Gelegenheit, die klimatischen Höhe- und Tiefpunkte des WM-Jahres zu erwerben ( www.wetterpate.de ). Daß gutes Wetter mehr kostet als schlechtes, dürfte keinen Kapitalismuserfahrenen wundern: Tiefs sind schon für 199 Euro zu haben, für die selteneren Hochdruckeinflüsse (50 bis 60 pro Jahr), die dafür im Schnitt doppelt so lange anhalten, nämlich drei bis sieben Tage, muß ein Namenspate 299 Euro berappen. Restposten werden bei Ebay versteigert. Seit 1954 vergibt das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin – nach US-amerikanischem Vorbild und ansonsten weltweit einzigartig – zwecks besserer Verfolgung der Wettersysteme über Mitteleuropa Namen in alphabetischer Reihenfolge, die dann von Wetterdiensten und Medien genutzt werden. Nach Mittelkürzungen begann das Institut im März 2002 mit dem Verkauf von Patenschaften, um seine Wetterstation weiterhin rund um die Uhr besetzen zu können – ein durchaus ausbaufähiges Modell der Drittmittelbeschaffung. Denn bislang sind Firmennamen unzulässig. Während sich aber nicht jeder Hartz-IV-Empfänger ein eigenes Tiefdruckgebiet leisten kann, würde manches Unternehmen sicher einiges springen lassen, um die nächste frische Brise präsentieren zu dürfen.

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