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Landesverteidigung: Noch nicht vollzählig angetreten – womit die Bundeswehr zu kämpfen hat

Landesverteidigung: Noch nicht vollzählig angetreten – womit die Bundeswehr zu kämpfen hat

Landesverteidigung: Noch nicht vollzählig angetreten – womit die Bundeswehr zu kämpfen hat

Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung, geht nach dem Nato-Manöver Steadfast Dart auf dem Truppenübungsplatz an der Ostseeküste zu einem Hubschrauber. Mit dem großangelegten Manöver Steadfast Dart wollen sich Nato-Partner auf mögliche künftige Bedrohungslagen in der Ostsee vorbereiten. Bestritten wird das Großmanöver von der sogenannten Allied Reaction Force (ARF) der Nato, einer schnellen rund 40.000 Soldaten starken Eingreiftruppe, die ständig in Bereitschaft ist. Die Bundeswehr rekrutiert aktuell intensiv.
Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung, geht nach dem Nato-Manöver Steadfast Dart auf dem Truppenübungsplatz an der Ostseeküste zu einem Hubschrauber. Mit dem großangelegten Manöver Steadfast Dart wollen sich Nato-Partner auf mögliche künftige Bedrohungslagen in der Ostsee vorbereiten. Bestritten wird das Großmanöver von der sogenannten Allied Reaction Force (ARF) der Nato, einer schnellen rund 40.000 Soldaten starken Eingreiftruppe, die ständig in Bereitschaft ist. Die Bundeswehr rekrutiert aktuell intensiv.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD): Die Bundeswehr leidet unter struktuellen Mängeln. Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
Landesverteidigung
 

Noch nicht vollzählig angetreten – womit die Bundeswehr zu kämpfen hat

Kann die Bundeswehr wachsen? Zwischen ehrgeizigen Nato-Zielen und schwachem Nachwuchs gerät das aktuelle Freiwilligenmodell zunehmend in die Kritik. Doch nicht nur die Menge an Soldaten ist ein Problem.
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Die modernsten Kampfpanzer und die schlagkräftigsten Fregatten sind wertlos, wenn die Soldaten fehlen, um sie zu bedienen. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht kämpft die Bundeswehr darum, ausreichend Freiwillige zu gewinnen – mit mäßigem Erfolg. Seit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) das Ziel ausgegeben hat, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen und ein umfangreiches Rüstungsprogramm angelaufen ist, droht sich die Personallage dramatisch zu verschärfen. Derzeit plant Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) mit einer Truppengröße von 260.000 Soldaten (derzeit 184.000) und 200.000 Reservisten. Doch das ist nur die unterste Grenze. Mit Blick auf die militärischen Planungen der Nato stehen weitaus größere Zahlen im Raum.

„Das Thema Personal und sein Aufwuchs bleiben die zentralen Herausforderungen für die Bundeswehr, um ihre militärischen Fähigkeiten weiter zu stärken“, heißt es denn auch im Bericht des Wehrbeauftragten des Bundestages, Henning Otte (CDU), der in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. „Die demographische Entwicklung, die Konkurrenz um Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt, die nach wie vor zu hohen Abbruchquoten sowie strukturelle Defizite sind dabei limitierende Faktoren.“

Ohne eine konsequente Personalstrategie drohe „eine Diskrepanz zwischen politischen Ambitionen und militärischer Realität“, warnt Otte, der gleichzeitig „Zweifel an der Erfolgsaussicht des Freiwilligkeitsprinzips“ des im vergangenen Jahr vom Bundestag beschlossenen Wehrdienstgesetzes hegt. Er mahnt daher bereits jetzt an, organisatorische Vorbereitungen für eine Rückkehr zur Wehrpflicht zu treffen, sollte der geplante Aufwuchs der Truppe allein mit Freiwilligen nicht erreicht werden. Bereits jetzt müsse „die Bundeswehr dafür Sorge tragen, eine ausreichende Anzahl an Ausbildern nebst notwendiger Infrastruktur für die absehbar steigende Anzahl an Rekruten sicherzustellen“.

Fragebögen der Bundeswehr zeigen wenig Wirkung

Unweit des Bendlerblocks in Berlin konnte sich Pistorius am Freitag vergangener Woche ein Bild davon machen, wie seine Personalpläne bei der Zielgruppe ankommen. Auf dem Potsdamer Platz hatten sich nach Angaben der Polizei gut 3.000 Schüler während der Unterrichtszeit versammelt, um gegen den neuen Freiwilligendienst und eine mögliche Wehrpflicht zu demonstrieren. „Sterben steht nicht auf dem Stundenplan“ und „Ein kluger Kopf passt unter keinen Stahlhelm“ war unter anderem auf den Transparenten zu lesen. Zu dem „Schulstreik“, an dem sich deutschlandweit rund 50.000 Schüler beteiligt haben sollen, hatte ein Bündnis linker Organisationen aufgerufen.

Unterdessen berichten Medien unter Berufung auf Koalitionskreise, dass der Rücklauf der Fragebögen für den neuen freiwilligen Wehrdienst, den seit Anfang des Jahres alle 18ährigen Männer ausfüllen müssen (Frauen freiwillig), bislang äußerst bescheiden ist. Demnach haben bislang nur rund die Hälfte aller 18jährigen Männer in Deutschland den verpflichtenden Fragebogen beantwortet und zurückgeschickt, bei den Frauen waren es nur sechs Prozent. Das Verteidigungsministerium verweist indes darauf, dass es noch zu früh für repräsentative Ergebnisse oder Prognosen sei.

Quantität allein reicht nicht

Aber die Bundeswehr hat noch ein anderes Problem, das zeigt, dass es bei den Rekruten nicht alleine auf die Quantität ankommt. So berichtet der Wehrbeauftragte von Klagen der Ausbilder über Rekruten, „die gesundheitlich gar nicht für den Dienst in der Truppe geeignet seien“, zum Beispiel wegen massiven Übergewichts, Taubheit oder Bluthochdrucks. Otte mahnt daher an, dass die Bundeswehr bei der Einstellung auf die Erfüllung „bestimmter gesundheitlicher Voraussetzungen“ achten müsse, damit die Rekruten „den hohen physischen und psychischen Anforderungen des Militärdienstes gerecht werden können“.

Bei den rund 25.230 abgeschlossenen wehrmedizinischen Begutachtungen für eine Einstellung als Zeitsoldat seien 2025 rund 2.090 Bewerber „als nicht dienstfähig eingestuft“ worden. Das entspreche einem Anteil von ungefähr 8,3 Prozent gegenüber einem Anteil von 6,3 Prozent im Jahr 2024 und 5,5 Prozent im Jahr 2023.

Doch nicht nur die Nachwuchsgewinnung für die aktive Truppe macht Otte Sorgen, auch um die Reserve ist es seiner Ansicht nach nicht gut bestellt. Die in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigte Reserve gewinnt quantitativ an Bedeutung, bleibt aber strukturell und personell hinter den sicherheitspolitischen Anforderungen zurück. Um den von den Bundeswehrplanern angestrebten Aufwuchs auf 200.000 Reservisten zu erreichen, müsse die Bundeswehr nach Meinung Ottes vermehrt Anreize schaffen, sich auch nach dem aktiven Dienst in der Truppe zu engagieren.

Der Wehrbeauftragte fordert, dass vor allem bürokratische Hürden, die bereits die Bewerbung für den Reservistendienst erschweren, „sofort beseitigt werden“ müssten. Besonders junge Menschen sollten für eine „zweite Karriere“ neben dem Zivilberuf gewonnen werden. Es sei außerdem an der Zeit, dass der Gesetzgeber „die nicht mehr zeitgemäße starre Altersgrenze von 65 Lebensjahren“ für Reservisten flexibilisiert. So gelte in Schweden etwa die Vollendung des 70. Lebensjahres als Grenze.

Aus der JF-Ausgabe 12/26.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD): Die Bundeswehr leidet unter struktuellen Mängeln. Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
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