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Russische Spionage: Aperol Spitzel für Moskau

Russische Spionage: Aperol Spitzel für Moskau

Russische Spionage: Aperol Spitzel für Moskau

Das Bild zeigt den Kreml, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, eine Frau mit Fernglas und den Bundestag. Es ist ein Symbolbild für einen Text über eine Frau, die für Moskau in Deutschland spioniert haben soll.
Das Bild zeigt den Kreml, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, eine Frau mit Fernglas und den Bundestag. Es ist ein Symbolbild für einen Text über eine Frau, die für Moskau in Deutschland spioniert haben soll.
Der Kreml, Rußlands Präsident Wladimir Putin, eine Frau mit Fernglas und der Bundestag: Gut vernetzte Unternehmerin soll für Moskau spioniert haben. Fotos: picture alliance/dpa | Ulf Mauder / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Kremlin Pool / picture alliance / dts-Agentur | – Grafik: JF
Russische Spionage
 

Aperol Spitzel für Moskau

Mitte Januar wird Ilona W. in Berlin verhaftet. Der Vorwurf: Spionage für Moskau. Besonders brisant ist, daß die 56jährige bestens vernetzt war und intensive Kontakte in hohe politische Kreise pflegte.
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Sergej J. Netschajew war vermutlich nicht begeistert. Am Donnerstag vergangener Woche war der russische Botschafter in Berlin ins Auswärtige Amt einbestellt worden, wo ihm mitgeteilt wurde, daß er künftig auf einen wichtigen Mitarbeiter verzichten muß. Denn die Bundesregierung hat den stellvertretenden Militärattaché der Botschaft, Andrej M., zur Persona non grata, zur unerwünschten Person, erklärt und des Landes verwiesen. Der Vorwurf: Spionage. Öffentlich wollte sich ein Sprecher des Auswärtigen Amts nicht zur Identität der ausgewiesenen Person und auch nicht zu weiteren Details der Ausweisung äußern.

Die russische Botschaft weist zwar alle Spionagevorwürfe vehement zurück. Dabei handle es sich um eine „dumme, eilig zusammengestrickte Provokation“, heißt es in einer Stellungnahme der Botschaft. Diese solle „vor dem Hintergrund der aktiv hochgedrehten Angstmacherei um Spione“ die russische diplomatische Vertretung „diskreditieren“. Allerdings gibt es einen konkreten Anlaß für den Vorwurf der Spionage: Einen Tag zuvor war in Berlin auf Veranlassung der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die deutsch-ukrainische Staatsbürgerin Ilona W. wegen des Vorwurfs, für Rußland spioniert zu haben, verhaftet worden.

Die Vorwürfe wiegen schwer

Der 56 Jahre alten PR-Unternehmerin wird von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen, „spätestens seit November 2023 nachrichtendienstliche Kontakte in die Russische Botschaft in Berlin“ zu unterhalten. Ihr Kontaktmann, bei dem es sich um den stellvertretenden Militärattaché Andrej M. handeln soll, soll für einen russischen Geheimdienst tätig sein. „Ihm verschaffte die Beschuldigte bei diversen Gelegenheiten unter anderem Informationen mit Bezug zu dem Krieg zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine“, lautet der Vorwurf aus Karlsruhe.

So habe Ilona W. Hintergrundinformationen über Teilnehmer hochkarätiger politischer Veranstaltungen zusammengestellt und Erkundigungen über Standorte der Rüstungsindustrie, Drohnentests und geplante Lieferungen von Drohnen an die Ukraine eingeholt. „Für ihre Zwecke wandte sich Ilona W. zum Teil auch an ehemalige Mitarbeiter aus dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung, mit denen sie persönlich bekannt war“, sind die Ermittler überzeugt. Bisweilen habe die Beschuldigte ihrem Kontaktmann aus der russischen Botschaft dabei geholfen, unter falschem Namen selbst politische Veranstaltungen in Berlin aufzusuchen, um dort für den Geheimdienst relevante Kontakte aufzubauen.

Insbesondere die Verbindungen der mutmaßlichen Spionin zu zwei ehemaligen Bundeswehrangehörigen hat die deutschen Sicherheitsbehörden alarmiert. Am Mittwoch vergangener Woche wurden auch die Wohnungen der beiden Männer durchsucht und dabei Handys, Computer und anderes Beweismaterial beschlagnahmt. Festgenommen wurden die Betreffenden jedoch nicht. Nach Recherchen der Welt war einer der beiden Mitverdächtigen zuletzt für die Bundesakademie für Sicherheitspolitik tätig, wo er sich mit Verteidigungspolitik und internationaler Kooperation befaßte.

In sensible Planungen involviert

Die Position gilt als sensibel, da es dort auch um konkrete Planungen der Nato geht. Zuvor hatte er in der Protokollabteilung des Verteidigungsministeriums gearbeitet und gehörte zum Leitungsstab. In seiner aktiven Bundeswehr-Laufbahn soll er unter anderem der Luftwaffe am Fliegerhorst Büchel gedient haben, wo amerikanische Atomwaffen stationiert sind, die im Ernstfall von deutschen Tornado-Kampfflugzeugen – Stichwort: nukleare Teilhabe – ins Ziel gebracht werden sollen.

Zusätzliche Brisanz bekommt dieser Fall durch die Ehefrau des Mannes, die nach Informationen der Welt ebenfalls im Bundesverteidigungsministerium eine wichtige Rolle einnimmt. Demnach wurde sie im vergangenen Jahr nach wenigen Monaten in der Protokollabteilung des Ministeriums völlig überraschend in ein Referat versetzt, das sich mit dem Aufwuchs und der Strategie der Bundeswehr befaßt. Intern gelte das Referat als äußerst sensibler Bereich, schreibt die Welt. Bei dem anderen Mann handelt es sich laut Spiegel um einen mittlerweile 81 Jahre alten Ingenieur, der durch seine frühere Tätigkeit bei der Wehrtechnischen Dienststelle 61 mit Sitz in Manching über intime Kenntnisse über Militärflugzeuge und Drohnen verfüge. Über Jahre sei er regelmäßig mit W. auf Militärempfängen und Veranstaltungen der Rüstungsindustrie aufgetaucht.

Moskaus Spionin war bestens vernetzt

Ilona W. war offenbar im Berliner Politikbetrieb, insbesondere auch in verteidigungs- und rüstungspolitischen Kreisen, bestens vernetzt. Die Frau besuchte über Jahre hinweg zahlreiche politische Veranstaltungen und Empfänge in Berlin und ließ sich immer wieder mit prominenten Politikern fotografieren. Mit den wohl hochrangingsten ist die auf einem Bild zu sehen, das die ukrainische Präsidialkanzlei ins Netz gestellt hatte. Darauf ist W. halbverdeckt zu sehen, wie sie bei einer deutsch-ukrainischen Wirtschaftskonferenz in unmittelbarer Nähe zu Kiews Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sitzt.

Das Bild zeigt unter anderem dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz von der CDU und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einer Veranstaltung. Im Hintergrund ist Ilona W. zu sehen. Ihr wird vorgeworfen, für Moskau spioniert zu haben.
Ilona W. im roten Kreis: Gut vernetzt und informiert. Foto: President of Ukraine/president.gov.ua Bearbeitung: JF

Im Netz finden sich zudem zahlreiche Fotos, die W. auf Veranstaltungen im politischen Berlin zeigen. Mal auf einem Sommerempfang der österreichischen Botschaft in Berlin, mal 2017 bei der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft. Dort sieht man die umtriebige Marketing-Expertin und Diplomingenieurin lächelnd mal mit der früheren Bundestagspräsidentin und Ex-Familienministerin Rita Süssmuth (CDU) oder der ehemaligen Staatsministerin im Auswärtigen Amt Cornelia Pieper (FDP).

„Protokollarisches Know-how“ angeboten

Mit dabei auf dieser Veranstaltung an jenem Abend vor über acht Jahren in der Ungarischen Botschaft in Berlin – und gemeinsam mit W. und Süßmuth fotografiert – war auch der mittlerweile verstorbene Unternehmer und spätere AfD-Kommunalpolitiker Henning Zoz. Er besuchte 2020 gemeinsam mit einem Parteikollegen von der Ukraine abtrünnige Gebiete im Donbas, wo er unter anderem den Präsidenten der selbsternannten „Volksrepublik“ Donezk traf.

Möglicherweise gehörte Zoz zu den Kunden der PR-Beraterin W. Ihre Firma bietet laut Selbstdarstellung „integrierte Kommunikation im Bereich Politik“. Dabei biete man Hilfe „beim Kontaktaufbau und Pflege mit Politik und Administration, sowie Informationsvermittlung zwischen Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Medien“ an. „Wir bieten protokollarisches Know-how und Erfahrungen für Parlamentarische Abende, Symposien, Hintergrundgespräche, repräsentative Events“, heißt es auf der Firmenseite der nun Inhaftierten.

Häufig zu Gast, so erfuhr die JUNGE FREIHEIT, war W. auch bei Veranstaltungen des Forums Mittelstand in Berlin, einem „überparteilich, transatlantisch und bürgerlich-ordnungspolitisch“ orientierten Zusammenschluß. Unter anderem bei einer Veranstaltung mit dem Publizisten und früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin habe W. „eifrig mitgeschrieben und fotografiert“, so schildert es einer der Verantwortlichen des Forums gegenüber der JF. Ihm sei die Frau bereits vorher aufgefallen, weil sie – trotz ihrer ukrainischen Staatsangehörigkeit – auffallend oft dezidiert russische Narrative vertreten habe. Bei besagter Veranstaltung hatte Sarrazin unter anderem deutlich für eine verstärkte militärische Untertstützung der von Rußland angegriffenen Ukraine plädiert. Zu Gast beim Forum waren auch hochrangige ehemalige Bundeswehroffiziere.

Namhafte Mitglieder im Verein

Zudem interessieren sich die Ermittler der deutschen Sicherheitsbehörden auch für die Bundesvereinigung Binationaler Gesellschaften, einen eingetragenen Verein, dessen Vorsitzende Ilona W. seit mehreren Jahren war. Der Verband hat sich ausweislich seines Internetauftritts „Brückenbauen und Völkerverständigung“ verschrieben und wurde von der Herbert-Quandt-Stiftung gefördert. Dem Kuratorium gehörten oder gehören namhafte Unternehmer wie Claus Hipp an, genauso wie die ehemaligen Europaabgeordneten Gabriele Groneberg (SPD) und Christoph Konrad (CDU) oder der Stellvertretende Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Wilfried Bergmann.

Die Ermittler sichten nun die beschlagnahmten Beweismittel und versuchen, das Netzwerk von Illona W. und ihrem mutmaßlichen Führungsoffizier Andrej M. zu rekonstruieren, um die entscheidende Frage zu klären: Welche sicherheitsrelevanten Informationen sind tatsächlich über diesen Kanal nach Rußland abgeflossen?

Ganz bürokratisch korrekt ist die Bundesvereinigung Binationaler Gesellschaften übrigens seit 2022 im Lobbyregister des Bundestags registriert. Als vertretungsberechtigt an erster Stelle: Dipl.-Ing. Ilona W. Zur Arbeit des Vereins heißt es: „Wir thematisieren Verbesserungspotentiale und fördern den Dialog zwischen den Nationen und dienen der Völkerverständigung.“ Die „jährlichen finanziellen Aufwendungen im Bereich der Interessenvertretung“ sind denkbar gering: 0 Euro. Möglicherweise weil die Arbeit von jemand anderem finanziert wird.

Aus der JF-Ausgabe 6/26.

Der Kreml, Rußlands Präsident Wladimir Putin, eine Frau mit Fernglas und der Bundestag: Gut vernetzte Unternehmerin soll für Moskau spioniert haben. Fotos: picture alliance/dpa | Ulf Mauder / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Kremlin Pool / picture alliance / dts-Agentur | – Grafik: JF
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