„Neues Hambacher Fest“: Initiator Max Otte spricht Foto: JF
„Neues Hambacher Fest“

Einigkeit, Freiheit und Volkssouveränität

Es begann am 27. Mai 1832 um 8 Uhr in der Früh: Auf Ladung der Journalisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth trafen sich Patrioten und Liberale auf dem Marktplatz zu Neustadt an der Haardt, dem heutigen Neustadt an der Weinstraße. Von dort aus zogen sie los, begleitet von Glockengeläut und Böllerschüssen, zur vier Kilometer entfernt gelegenen Hambacher Schloßruine. 20.000 bis 30.000 Menschen sollen es gewesen sein, die sich gegen 11 Uhr an dem hoch über Weinbergen gelegenen Bauwerk einfanden.

Die Teilnehmer stammten aus allen Bevölkerungsschichten: von jung bis alt, von Studenten bis Abgeordneten, von Franzosen und Polen bis hin zu Bürgern aus den 15 deutschen Kleinstaaten jener Zeit. Ihr Ziel: ein „deutsches Nationalfest“,  frei nach den Worten von Initiator Siebenpfeiffer, dessen Zeitung Westbote wie alle oppositionellen Medien jener Zeit von den Herrschenden schikaniert wurde.

Die bayerische Zentralregierung, zu deren Herrschaftsgebiet die damalige Rheinpfalz zählte, versuchte, das Fest zu verhindern. Vergeblich. Zu stark war das Verlangen der Bürger nach Einigkeit, Freiheit und Volkssouveränität. Mit dem Hambacher Fest begann der Vormärz, die Phase vor der Märzrevolution 1848.

„Es lebe das freie, das einige Deutschland!“

Fast 200 Jahre später, am 5. Mai 2018, weht wieder ein bürgerlich-revolutionärer Geist durch die idyllischen Weinberge rund um Neustadt und den mittlerweile eingemeindeten Ortsteil Hambach. Wieder treffen sich deutsche Patrioten um 8 Uhr in der Früh zum Fußmarsch Richtung Hambacher Schloß. Und wieder kämpfen die Initiatoren der Veranstaltung gegen Repressalien durch einen großen Teil der Herrschenden. Das „Neue Hambacher Fest“, wie es sein Initiator, Ökonom und langjähriges CDU-Mitglied Max Otte, taufte, mißbrauche das historische Ereignis für seinen „Rechtspopulismus“, werfen ihm die sogenannten Leitmedien vor.

Gar „Nationalismus“ und „Rassismus“ wittern einige dutzend linke Gegendemonstranten, die sich am Zugang zur Schloßruine versammelt haben. In der Nacht zuvor hatten linke Aktivisten die Straße zum Hambacher Schloß mit Parolen beschmiert: „Ihr habt Nazis dabei“, ist dort zu lesen. Oder noch plumper: „Haut ab“. Schmierereien, die unfreiwillig bestätigen, daß bürgerliche Ideale auch heute wieder von Schikane betroffen sind.

„Neues Hambacher Fest“: Gegendemonstranten Foto: JF

Die gut 1.200 Teilnehmer schreckt das nicht ab. Im Gegenteil: Initiator Otte wären noch deutlich mehr Bürger zur Schloßruine gefolgt, einzig die beschränkte Aufnahmekapazität des Veranstaltungsortes ließ das nicht zu. Vor dem Schloß nutzen die Besucher die Pausen, um bei bestem Frühsommerwetter regionale Köstlichkeiten  zu genießen. Spät am Abend steht noch ein gemeinsames Liedersingen an – ganz in der Tradition des Originals von 1832.

In seiner Begrüßungsrede macht Otte mit dem Vorwurf des Mißbrauchs jenes historischen Festes kurzen Prozeß, indem er aus der Originalrede von Philipp Jakob Siebenpfeiffer aus dem Jahre 1832  zitiert: „Es ist dies der Gedanke des heutigen Festes. Der Gedanke, der deutsche Bürger auf dieser Höhe versammelt und den Millionen andere Deutsche mitempfinden. Der Gedanke der Wiedergeburt des Vaterlandes. (…) Es lebe das freie, das einige Deutschland!“ Eine Haltung, für die linke Demonstranten wie solche vor der Schloßruine ebenso wenig stehen, wie weite Teile der heutigen Eliten in Medien und Politik.

„Menschen, die Deutschland zerstören wollen“

Auf Ottes Einleitung folgt eine Rede des ehemaligen Berliner Finanzsenators, Bundesbankvorstands und SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin, dessen 2010 publizierter Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ rückwirkend betrachtet wie die Geburtsurkunde jener bürgerlichen Revolte anmutet, die nun in Hambach einen neuerlichen Höhepunkt erlebt. Gleich zu Beginn kommt Sarrazin auf die „Gemeinsame Erklärung 2018“ zu sprechen, zu deren Erstunterzeichnern er zählte, und die er hier im Innenraum der Schloßruine noch einmal wiedergibt.

Thilo Sarrazin spricht auf dem „Neuen Hambacher Fest“ Foto: JF

Diese kurze Erklärung enthalte zwei unbestreitbare Tatsachen, so Sarrazin: „Nämlich erstens, die Massenzuwanderung seit 2015 war und ist illegal. Und zweitens, sie schadet  Deutschland gesellschaftlich und wirtschaftlich“. In einer „normalen, funktionierenden Demokratie“ sei eine derartige Erklärung „gar nicht nötig gewesen“, so Sarrazin weiter.

„Das Interessante ist, daß diese Erklärung bei uns in Deutschland für große Empörung sorgte.“ Als Beleg zitiert Sarrazin einige Kritiker der Erklärung 2018, zum Beispiel Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein, der den Text zum Anlaß nahm, den Unterzeichnern vorzuwerfen, sie kämpften für ein „muslimreines Deutschland“. Und Sarrazin schlußfolgert: „Gezielt schuf Augstein damit eine Parallele zur Nazi-Zeit“.

Oder Arno Widmann, aus dessen Kommentar in der Berliner Zeitung Sarrazin zitiert, die Erklärung 2018 habe Deutschland „mehr beschädigt, als die illegalen Einwanderer“. Denn, so Widmann wörtlich: „Die Zuwanderung hat das Deutschland, in dem ich nach dem Krieg aufwuchs, nicht beschädigt – sie half, es zu zerstören. Zu unser aller Glück.“

Gegenüber JF-TV sagt Sarrazin später: „Wenn wir sagen, daß es Menschen in Deutschland gibt, die Deutschland zerstören wollen, dann ist das kein leerer Wahn. Leute wie Augstein und Widmann haben exakt das Programm und verkünden es auch. Und oft habe ich das Gefühl, daß unsere Bundeskanzlerin bewußt oder unbewußt dieses Programm exekutiert.“

„Frau Merkel ist der Horror für dieses Land“

Es sind die Sorgen vor diesem Programm und seinen Folgen sowie der Unmut über jene Politikerin, die zur Ikone dieses Programms wurde, die das „Neue Hambacher Fest“ begründen. „Merkel muß weg“, ist auf Aufklebern zu lesen, ist immer wieder in Gesprächen unter Veranstaltungsteilnehmern zu hören.

„Neues Hambacher Fest“: Via Leinwand wird die Rede Lengsfelds nach draußen übertragen Foto: JF

Auch Organisator Otte nimmt diesbezüglich gegenüber der JUNGEN FREIHEIT kein Blatt vor den Mund: „Frau Merkel ist der Horror für dieses Land“. Man wolle offenbar eine „destruktive Politik weiterbetreiben, koste es, was es wolle“, deswegen habe man sich wieder in eine große Koalition geflüchtet. Für Otte, der auch die CDU-Mitgliederinitiative „Werte Union“ unterstützt, sollte sich die Union hingegen zukünftig ganz anders aufstellen: „Es kann nur gehen mit einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und AfD.“

Tatsächlich wirkt es ein wenig so, als sei das „Neue Hambacher Fest“ der Versuch, den Weg zu einer solchen Koalition zu ebnen. Gegen Ende der Veranstaltung wird auch AfD-Chef Jörg Meuthen eine Rede halten, zahlreiche AfD-Bundestagsabgeordnete sind unter den Besuchern. Eine reine AfD-Veranstaltung ist das Fest deshalb allerdings nicht. Auf CDU-Mann Otte und SPD-Politiker Sarrazin folgen Redebeiträge des Islamkritikers Imad Karim, des Ökonomen Joachim Starbatty (ehemals AfD, heute LKR) und der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin sowie früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld.

Auf der Internetseite des Festes sind Grußworte diverser CDU-Politiker zu lesen, zum Beispiel von Agrarministerin Julia Klöckner und Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich, die zwar ein gewisses Mißtrauen durch Fernbleiben zum Ausdruck bringen, gleichwohl aber zu spüren scheinen, daß sie sich den Veränderungen im bürgerlichen Lager nicht ewig werden entziehen können.

Besucher des „Neuen Hambacher Fests“ Foto: JF

Die Mauer in den Köpfen der Herrschenden

Die Gründe für diesen Wandel bringen die Redner in Hambach in all ihren Facetten zum Ausdruck: Kritik an der Masseneinwanderung und deren Folgen, am gescheiterten Euro und einer übertriebenen Europäisierung sowie – über alledem – einer allzu links dominierten Medienzunft. All das treibt in wachsendem Maße auch bürgerliche Kreise jenseits der AfD und ihrer Anhängerschaft um.

Und was ist das Ziel des Ganzen? Geht es nach Vera Lengsfeld, dann braucht es erneut eine „friedliche Revolution“ wie jene, die anno 1989 zum Fall der Berliner Mauer führte. Nur, daß es dieses Mal eine Mauer in den Köpfen der Herrschenden sei, die zu Fall gebracht werden müsse. Wie damals, 1832, als die Mauer in den Köpfen von Fürsten und Königen dem Wunsch der Bürger nach Einigkeit, Freiheit und Volkssouveränität im Wege stand.

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> Eine Filmreportage der Veranstaltung erscheint am Sonntag abend auf JF-TV.

> Eine ausführliche Reportage lesen Sie in der kommenden Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT 20/18.

„Neues Hambacher Fest“: Initiator Max Otte spricht Foto: JF

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