Zum Tod von Franz Handlos
 

Der erste Republikaner

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Franz Handlos (1939–2013) Foto: Picture-Alliance/dpa

Ohne Franz Handlos würde es die JUNGE FREIHEIT wohl nicht geben. Doch dazu später mehr. Wie jetzt bekannt wurde, verstarb der niederbayerische Politiker, Verleger und Schriftsteller am 10. Juni nach langer Krankheit im Alter von 73 Jahren.

Just vor 30 Jahren, am 8. Juli 1983, machte Handlos deutschlandweit Schlagzeilen, als er aus der CSU und der Bundestagsfraktion von CDU/CSU austrat. Mit dem höchsten Erststimmenergebnis von 73,6 Prozent hatte der 1939 in Rusel bei Deggendorf Geborene erst vier Monate zuvor bei der Bundestagswahl ein Direktmandat errungen.

Handlos verließ die CSU, weil der damalige Parteivorsitzende und bayerische Ministerpräsident, Franz Josef Strauß, überraschend einen Milliardenkredit an die DDR eingefädelt hatte, ohne Gegenleistungen vom SED-Regime dafür zu verlangen.

Die versprochene Wende wurde von Kohl nicht eingelöst

Der Milliardenkredit war für viele Konservative in der Union der schockierende Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Erst im Oktober 1982 war durch den Wechsel der FDP unter Hans-Dietrich Genscher und durch ein konstruktives Mißtrauensvotum der Sturz von Helmut Schmidt (SPD) als Bundeskanzler gelungen.

Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl wurde durch eine neugebildete schwarz-gelbe Koalition zum neuen Kanzler gewählt. Kohl kündigte an, mit seiner Regierung eine „geistig-moralische Wende“ durchsetzen zu wollen, zu der auch eine andere Deutschlandpolitik gehöre.

Bei den Neuwahlen vom 6. März 1983 bestätigten die Wähler die Regierung Kohl-Genscher. Es wurde aber schnell klar, daß Kohl die versprochene Wende nicht einlöste. In der Deutschlandpolitik wurde dies am deutlichsten. Der Spiegel höhnte über den wendigen Strauß und dessen Ausflüge in eine neue Ostpolitik: „Wer im Grunde prinzipienfrei lebt, kann eigene Prinzipien nicht verraten, man mag die Vorgängerregierung auch noch so wortstark des Ausverkaufs deutscher Interessen, der Pflichtvergessenheit geziehen haben.“

Am Anfang stand eine typische Parteikarriere

Franz Handlos durchlief zunächst eine typische Parteikarriere. Nach dem Eintritt in die Junge Union und die CSU wurde er 1967 im Alter von 27 Jahren Pressesprecher der CSU-Landtagsfraktion im bayerischen Landtag. Der Journalist (Volontariat beim Münchner Merkur) gründete später einen politischen Hintergrunddienst, aber auch die Zeitschrift Schöner Bayerischer Wald.

Von 1970 bis 1972 Landtags- und von 1972 bis 1987 Bundestagsabgeordneter, war der Reserveoffizier von 1973 bis 1979 Vorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU (heute Arbeitskreis Außen- und Sicherheitspolitik).

Seit 1979 war sein Bundestagskollege Ekkehard Voigt Vorsitzender dieses als Sammelbecken von CSU-Rechten bekannten Arbeitskreises. Voigt folgte Handlos ein weiteres Mal und verließ die CSU im Oktober 1983. Gemeinsam mit dem ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, Franz Schönhuber, gründeten sie als „Troika“ am 27. November 1983 eine neue Partei, „Die Republikaner“. Handlos wurde ihr erster Vorsitzender.

Für Strauß betrieb Handlos die Ausdehnung der CSU

Voigt weist heute im Gespräch darauf hin, daß Handlos bei der Parteigründung nicht vor einem weißen Blatt Papier saß. Er sei von Franz Josef Strauß in den siebziger Jahren mit der Aufgabe betraut worden, für die zeitweise betriebene Ausdehnung der CSU bundesweit Kontakte zu knüpfen. Strauß trieb diese Idee 1975 mit der Gründung der „Aktion Vierte Partei“ (AVP) voran.

Dem diente auch die Schaffung von CSU-Freundeskreisen außerhalb Bayerns. Handlos, so Voigt, sei von Strauß enttäuscht gewesen, als dieser das Projekt AVP aufgegeben habe. 1999 an die Öffentlichkeit gelangte Protokolle belegten, daß Handlos es war, der in der CSU-Landesgruppe den Antrag des Kreuther Trennungsbeschluß vom November 1976 stellte, bei dem die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU aufgekündigt wurde.

Die Republikaner wurden der lange Zeit aussichtsreichste Versuch, eine demokratische Partei rechts der Union zu etablieren. Wichtigste Programmpunkte waren eine aktive Wiedervereinigungspolitik, eine ökologische Energiepolitik und direktdemokratische Elemente. Die Republikaner waren das Spaltprodukt einer Union, die unter Führung von Kohl, Geißler, Süssmuth und Strauß an den Zeitgeist angepaßt wurde.

Dem großen Anfangsenthusiasmus folgte bald die Ernüchterung

Ich selbst war als 15jähriger 1982 Mitglied der Jungen Union geworden, hatte begeistert für Helmut Kohl in meinem Heimatort Wahlkampfzettel verteilt und auf eine konservative politische Wende gehofft – und wurde enttäuscht. Als über den Austritt von Handlos aus der CSU und seine Pläne zur Gründung einer neuen Partei berichtet wurde, schrieb ich sofort mit meiner Schreibmaschine an seine Bundestagsadresse und bat um Informationen. Internet und E-Mails gab es damals nicht, Mobilisierung und spontane Kontaktaufnahmen waren noch mit höheren Hürden verbunden.

Als die Republikaner gegründet worden waren, trat ich wenig später im März 1984 aus der Jungen Union aus und in die neue Partei ein. Aus der Perspektive eines einfachen Parteimitglieds im südbadischen Kreisverband Freiburg erlebte ich die typischen Anlaufschwierigkeiten einer neuen Kleinpartei mit. Dem großen Anfangsenthusiasmus folgte bald die Ernüchterung.

Mit Handlos und Schönhuber standen an der Spitze der Republikaner zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Es war wohl absehbar, daß Schönhuber es nicht lange ertragen würde, als begnadeter Volksredner, ehemaliger Schauspieler und populärer Fernsehmoderator neben dem von ihm als hinterwäldlerisch verspotteten Handlos in der zweiten Reihe zu stehen.

Streit mit Schönhuber führte zum Bruch

1985 kam es so zum Ausbruch des Konfliktes: Auslöser wurde der Streit um die von Schönhuber befürwortete Übernahme von Ex-NPD-Mitgliedern in die Partei und einen „Ruck nach rechts“. In einem Interview mit der JF erklärte Handlos später, es sei sein „größter Fehler“ gewesen, Schönhuber mit ins Boot geholt zu haben: „Ich wollte nicht das bürgerliche Aushängeschild eines Rechtsaußenvereins sein.“ Handlos verließ seine Partei, und ihm folgte ein Teil der Anhängerschaft, um am 4. Mai 1985 eine weitere Partei zu gründen, die „Freiheitliche Volkspartei“ (FVP).

In Freiburg kam es zur Initiierung der Jugendorganisation unter dem Namen Freiheitliche Jugend. In einer Grillhütte im Garten eines Freiburger FVP-Mitgliedes wurde schließlich der Plan geboren, eine Zeitschrift für die Parteijugend herauszugeben. Naheliegender Name: JUNGE FREIHEIT. Die erste Ausgabe erschien Anfang Juni 1986.

Der Ausgang des parteipolitischen Projektes FVP war – wie so viele andere – enttäuschend. Bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober 1986 ging die FVP mit 0,4 Prozent neben den Republikanern (drei Prozent) in der Bedeutungslosigkeit unter. Handlos scheiterte im März 1987 mit dem Versuch, sein Direktmandat zu verteidigen, und holte 17,2 Prozent der Erststimmen. Die Gründungsmannschaft der JF verließ 1987 die FVP. Was blieb, war eine kleine Zeitschrift, aus der einmal eine überregionale Wochenzeitung werden sollte.

„Liebenswerter Liberal-Konservativer“

Handlos trat 1987 zur FDP über und zog sich danach völlig aus der Politik zurück. Längere Zeit lebte er halbjährlich in Spanien, wo er als Schriftsteller tätig war. Bis zuletzt widmete er sich dem von ihm 1973 gegründeten Bauernhausmuseum Lindberg bei Zwiesel. Manfred Brunner, in den achtziger Jahren Vorsitzender der bayerischen FDP und 1994 selbst Gründer des Euro-kritischen Bunds Freier Bürger, erinnert sich an einen liebenswerten Liberal-Konservativen, „der seinem Gewissen folgte“. Hätte er dies nicht getan, hätte ihm die Karriereleiter in der CSU nach oben offengestanden.

Franz Handlos wird am 21. Juni in Regen beigesetzt. Seine Familie bittet anstelle von Kränzen um Spenden für die niederbayerischen Flutopfer.

JF 26/13

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