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JF-Reportage: Flucht vor dem Ukraine-Krieg: „Wie in einem schlechten Traum“

JF-Reportage: Flucht vor dem Ukraine-Krieg: „Wie in einem schlechten Traum“

JF-Reportage: Flucht vor dem Ukraine-Krieg: „Wie in einem schlechten Traum“

Kriegsfreiwillige überschreiten die Grenze zur Ukraine Foto: JF
Kriegsfreiwillige überschreiten die Grenze zur Ukraine Foto: JF
Kriegsfreiwillige überschreiten die Grenze zur Ukraine Foto: JF
JF-Reportage
 

Flucht vor dem Ukraine-Krieg: „Wie in einem schlechten Traum“

Sie kommen mit Rollkoffern, Tragetaschen und Kinderwagen. Ukrainische Frauen, die gemeinsam mit ihren Töchtern und Söhnen die Grenze nach Polen passieren. Schleusenartig werden sie in kleinen Gruppen durch den Grenzposten nahe des Ortes Medyka abgefertigt, dessen Gebäude nur einzeln über ein metallenes Drehkreuz zu betreten ist. Davor: Schwer bewaffnete ukrainische Soldaten in Tarnfleckuniform. Ein käfigartiger Gang führt mehrere hundert Meter hinüber vom Krieg in den Frieden. Stacheldraht thront links und rechts auf den Metallzäunen, an denen die Flüchtlinge mit ausdrucksloser Miene entlanggehen.

Als die Metallzäune enden ist es geschafft. Die Ausdruckslosigkeit weicht, Erleichterung macht sich auf den meisten Gesichtern jener Menschen breit, die in kleinen Gruppen unentwegt aus dem vergitterten Gang herauskommen. Erleichterung darüber, daß sie soeben den Krieg hinter sich gelassen haben. Die Bomben. Die Raketeneinschläge. Die zermürbenden Luftschutzsirenen, die seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar in Städten wie Kiew oder Charkiw immer wieder aufheulten. Die quälende Ungewißheit darüber bleibt, was als nächstes passieren und wie es weitergehen wird.

Ukraine-Flüchtlinge warten im überfüllten Bahnhof von Przemysl in Polen Foto: JF
Ukraine-Flüchtlinge warten im überfüllten Bahnhof von Przemysl in Polen Foto: JF

„Es ist wie in einem ganz, ganz schlechten Traum“, erzählt der JUNGEN FREIHEIT eine etwa 30 Jahre alte Mutter, die gerade mit ihren beiden Kindern in einer dieser zahllosen kleinen Gruppen aus dem umzäunten Gang herauskommt und polnisches Staatsgebiet betritt.

„Putin hat meine Tochter getötet“

Als sie beschreiben will, was in ihrer Heimatstadt Kiew geschehen ist, ringt sie nach Worten. Ihr Mund öffnet sich. Doch kein Ton kommt heraus. Der Mund schließt sich. Öffnet sich wieder und schließt sich erneut. Die Lippen zittern. Die Worte, die sie eigentlich herausbringen möchte, sie kommen nicht.

Schließlich reißt sie die Hände vor ihr Gesicht, beginnt zu schluchzen. Mehrere Sekunden vergehen so. Sie fühlen sich an wie Minuten. Dann wird aus dem Schluchzen Verzweiflung, zuletzt nackte Wut. „Putin hat meine Tochter getötet“, schreit sie ihren Schmerz aus der Seele. „Warum tut niemand was gegen diesen Mörder, warum?“

Ihre erst drei Jahre alte Tochter sei bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt ums Leben gekommen. Von ihrem Mann mußte sie sich an der Grenze verabschieden. Er muß kämpfen. Kämpfen gegen Putin, dessen Überfall auf ihr Land zum Tod ihrer Tochter geführt hatte. „Jetzt verliere ich vielleicht auch noch meinen Mann“, bringt sie in brüchigen Worten und im Ringen um Fassung hervor.

Der Krieg hat alle überrascht

Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren wurden von der ukrainischen Regierung zur Verteidigung des Landes einberufen. Sie bringen ihre Frau und ihre Kinder bis zur Grenze. Dann heißt es Abschied nehmen. Tränen. Umarmungen. Kinder rufen: „Papa, Papa.“ Doch Papa geht weg. Er muß es tun. In der Schlange vor dem Grenzübergang klingeln unentwegt die Mobiltelefone. Anrufe von Freunden, Nachbarn, Verwandten. „Ist alles gut gegangen?“ „Wo bist du jetzt?“ „Paß auf dich auf.“ „Wir lieben dich“, übersetzt eine in der Schlange mit wartende Frau auf Bitten der JF ins Englische.

Helfer bringen Nahrung und Wasser für die ukrainischen Flüchtlinge zur Grenze Foto: JF
Helfer bringen Nahrung und Wasser für die ukrainischen Flüchtlinge zur Grenze Foto: JF

Doch nicht nur die Ukrainer wurden von dem Krieg überrascht. „Wir schätzen, daß sich etwa 3.000 bis 4.000 Landsleute von uns zum Zeitpunkt des Angriffs in der Ukraine aufgehalten haben“, erzählt ein indischer Diplomat. Unmittelbar hinter dem Grenzübergang nach Polen hat er einen Stand aufgebaut, an dem er Geflüchteten Wasser und Lebensmittel anbietet. „Die meisten haben wir inzwischen aus dem Land herausbekommen, aber es sind noch immer Leute in Richtung Grenze unterwegs.“

 Inzwischen werde die Lage jedoch immer unübersichtlicher. Besonders für sein Land. „Unsere Beziehungen zur Ukraine sind angespannt und das bekommen wir auch zu spüren.“ Der Hintergrund: Indien zählte zu den wenigen Ländern, die vor den Vereinten Nationen Putins Bombenterror nicht mit verurteilt, sondern sich stattdessen enthalten hatte.

Am Bahnhof kommen Ukraine-Flüchtlinge an

„Wir hatten versucht, Studenten aus dem Land zu bringen, wurden aber an der Grenze abgewiesen.“ Selbst das Vorzeigen seines Diplomatenpasses habe nichts genützt. Die Flucht sei schließlich über einen weniger stark frequentierten Grenzübergang geglückt. 15.000 Ausländer seien in den vergangenen Tagen aus der Ukraine geflohen, zu 80 Prozent Studenten, sagt der Diplomat.

Zu ihnen zählt auch Faris Mohammed. Der 23 Jahre alte Sudanese studierte in Charkiw Architektur, als ihn russische Bombenangriffe aus seinem bisherigen Leben rissen. „Wir hörten in unserer Wohngemeinschaft die Einschläge und wollten nur noch weg.“ Das Taxi stand schon vor der Tür, als erneut Luftangriffe in unmittelbarer Nähe erfolgten. „Alle fingen an zu rennen, auch der Taxifahrer rannte weg. Hinter mir hörte ich nur die Explosionen.“ Faris schlug sich Richtung ukrainisch-polnischer Grenze durch. Jetzt steht er vor dem Bahnhof der polnischen Kleinstadt Przemysl, wird von einem Mitarbeiter der sudanesischen Botschaft in Warschau begleitet.

Der sudanesische Student Mohammed floh vor dem russischen Angriff aus Charkiw Foto: JF
Der sudanesische Student Mohammed floh vor dem russischen Angriff aus Charkiw Foto: JF

Am Bahnhof herrschen chaotische Zustände. Überfüllte Bahnsteige, Menschen, die auf Schlafsäcken und Isomatten in der Bahnhofshalle liegen. Unentwegt halten Taxis, Busse und Kleintransporter vor dem Eingang, um weitere Flüchtlinge zu den Zügen zu bringen. Helfer eilen mit Wasserflaschen in Einkaufswagen herbei, um die Ankommenden zu versorgen. Andere Helfer haben Pizza besorgt, die sie an Familien verteilen. Wieder andere halten Pappschilder mit Fahrzielen in die Höhe. „Vienna“, „Italien“, „Deutschland“ . „Ich bringe zwei ukrainische Flüchtlingsfamilien nach Litauen“, verrät der Fahrer eines Kleinbusses. Im Wageninneren hat er eine Fahne seines Landes ausgebreitet.

Ian zieht in den Krieg

Auch der sudanesische Botschaftsmitarbeiter wird mit Faris bald fahren. Nach Warschau. Sie haben sich an einen Taxistand begeben, warten auf das nächste freie Fahrzeug. Faris möchte später zurück in den Sudan. „Ich werde mein Studium dort wieder aufnehmen“, versichert er. Vorher hat er jedoch noch ein anderes Ziel: Deutschland.

Geschafft: Ukrainische Flüchtlinge überschreiten die Grenze nach Polen Foto: JF
Geschafft: Ukrainische Flüchtlinge überschreiten die Grenze nach Polen Foto: JF

Unterdessen kommen an der Grenze von Medyka auch immer wieder Menschen an, die den umgekehrten Weg wählen. Freiwillige in Militärkleidung mit Marschgepäck, die in die Ukraine gehen, um für die Freiheit dieses Landes zu kämpfen. Einer von ihnen ist Ian, ein Engländer aus Liverpool. Gemeinsam mit weiteren Freiwilligen macht er sich auf zu den Metallzäunen des Grenzübergangs. „Ich fühle mich verpflichtet, zu helfen“, sagt er, während er vor der Tür mit dem Drehkreuz steht, durch das es in die Ukraine geht. Ein kurzer Blick zurück in Richtung Frieden. Dann ist der Engländer an der Reihe, einzutreten. Ein entschlossener Schritt, hinein ins Drehkreuz. Dann schließt sich die Tür. Ian befindet sich jetzt im Krieg.

Was sich auf der ukrainischen Seite abspielt und wie es für die Geflüchteten weitergeht, lesen Sie in der kommenden Print-Ausgabe der JF.

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