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Französische Polizei
Französische Polizei: Zwischen den Fronten russischer und englischer Fans Foto: dpa

EM 2016
 

Nach Hooligan-Ausschreitungen: Zwischen Verurteilung und Verständnis

Rußland im Schock: Am Dienstag hat die UEFA-Disziplinarkommission gegen den russischen Fußball-Landesverband einen Turnierausschluß auf Bewährung ausgesprochen. Gegen Ende des EM-Treffens Rußland-England am Samstag war es in Marseille zu schweren Ausschreitungen zwischen russischen und englischen Hooligans gekommen. Mindestens 35 Personen wurden verletzt; ein Engländer befindet sich weiterhin in kritischem Zustand. Die Hauptverantwortung tragen nach Ansicht der UEFA russische Ultras, die nach Abpfiff des Spiels Engländer im benachbarten Stadion-Block angegriffen hatten.

Die dunkelgelbe Karte gilt bis zum Finale. Wenn vergleichbare Übergriffe sich wiederholen, kann die russische Nationalmannschaft nach Hause fahren. Außerdem wurde der Verband zu einer Geldstrafe von 150.000 Euro verurteilt. In der britischen Presse wurden die russischen Ultras als „Banditen“ bezeichnet, die nicht einmal vor Angriffen auf Invaliden in Rollstühlen zurückgeschreckt seien. Die Aussage des Chefs des englischen Fußballverbands Martin Glenn, er habe „solche Szenen seit Jahrzehnten nicht erlebt“, weckt allerdings nicht nur in Rußland Zweifel.

Auch englische Fans keine Engel

Sicherlich haben die Briten dank des harten Durchgreifens ihrer Polizei – bis hin zu Ausreisesperren während internationaler Turniere – die professionelle Hooliganszene seit den neunziger Jahren unter Kontrolle bekommen. Daß England für europäische Hooligans dennoch das unerreichte Vorbild ist, beweist die Namenswahl der russischen Ultras für ihre Hardcore-Clubs: Firmen – in Anlehnung an die berüchtigten „Firms“ der britischen Vereine.

In Rußland wird die UEFA-Entscheidung weithin als unfair und als Beleg für russophobe Tendenzen in Westeuropa interpretiert. Nationalstürmer Artjom Dsjuba sagte, die englischen Fans seien auch „keine Engel“. Er glaube nicht, daß nur die Russen für die Gewalt verantwortlich gewesen seien. Im Übrigen könne er die Reaktion der britischen Medien nicht nachvollziehen. Fans benähmen sich mehr oder weniger überall gleich. Die Mehrzahl komme, um Fußball zu sehen, einige wenige suchten Krawall.

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Proteste blieben wirkungslos

Dsjubas Kommentar kam, nachdem französische Spezialeinheiten einen Bus mit Anhängern der russischen Mannschaft, darunter dem Präsidenten des nationalen Fan-Verbands Alexander Schprygin, angehalten und samt Insassen konfisziert hatten. Im russischen Fernsehen beklagte Schprygin, die russischen Fans hätten in hochsommerlicher Hitze stundenlang ohne Wasser, Nahrung und ärztliche Versorgung ausharren müssen. Sogar der Gang zur Toilette sei ihnen verwehrt gewesen. Ihr Bus war unterwegs nach Lille, wo Rußland am Mittwoch sein nächstes EM-Spiel gegen die Slowakei bestreitet.

Bereits am Montag hatten französische Sicherheitskräfte im Marseiller Hotel der russischen Fan-Vereinigung eine Razzia durchgeführt. Vierzig mit Maschinenpistolen bewaffnete Uniformierte protokollierten die Personalien der russischen Gäste und fotografierten sie. Proteste blieben wirkungslos. Am späten Dienstagnachmittag hieß es, dem zwischenzeitlich eingetroffenen russischen Konsul sei es gelungen, die Freilassung einiger Frauen zu bewirken. 29 Mitglieder der russischen Gruppe würden jedoch des Landes verwiesen.

Wie aus dem Film „Taxi“

Im russischen Fernsehen sagte ein Fan-Experte, der Verband des Alexander Schprygin sei bereits vor vielen Jahren „domestiziert“ worden und habe mit den Ausschreitungen nichts zu tun. Postings im Internet stützen die Aussage. Wütende Ultras verkünden, man habe die „falschen Russen“ ausgewiesen. Ein Vadim Fjodorowski schreibt: „Die haben Leute deportiert, die gar nicht teilgenommen haben. Und die, die teilgenommen haben, werden Lille und Toulouse auseinandernehmen. Fröhliches Zuschauen.“ In Toulouse spielt die russische Mannschaft am 20. Juni gegen Wales.

Ein hochrangiger Vertreter der russischen Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin, fühlt sich angesichts der Vorkommnisse an den französischen Film „Taxi“ (1998) erinnert. Im russischen TV sagte er, die Hauptverantwortung liege bei den französischen Behörden und dem EM-Veranstalter: „Mein Eindruck von der Marseiller Polizei ist der gleiche wie im Film ‘Taxi‘.“ Warum, so fragt Markin, habe die Polizei drei Tage lang nichts gegen die Übergriffe der zahlenmäßig weit überlegenen, betrunkenen englischen Fans unternommen?

Kremlsprecher mahnt zur Ruhe

Zu den in Rußland kolportierten Anlässen für aggressive Reaktionen russischer Fans gehören Schmähungen des russischen Präsidenten. Markin dazu: „Wenn ich in einem Stadion säße, wo man meinen Präsidenten und mein Land beleidigte, hätte ich wahrscheinlich auch Schwierigkeiten, meine Reaktion zu kontrollieren.“

Sportminister Witali Mutko reagierte vergleichsweise gelassen auf die UEFA-Entscheidung. Er sprach zwar von einer „exzessiven“ Strafe, sagte jedoch, Rußland werde keinen Einspruch einlegen: „Wir warten auf die offizielle Mitteilung und werden die Entscheidung akzeptieren.“ In Moskau habe man Verständnis, wenn der EM-Gastgeber Frankreich problematische russische Fans abschiebe: „Sie werden deportiert, weil sie nicht gekommen sind, um Fußball zu sehen. Es wird Zeit, daß Ruhe einkehrt. Es läuft eine EM, das ist ein Feiertag für den Fußball, aber alle reden nur über Schlägereien und Strafen.“

Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow rief die russischen Fans auf, sich an die Gesetze zu halten. Die Ausschreitungen seien „völlig inakzeptabel“. Man könne nur an die russischen Fans appellieren, auf Provokationen nicht zu reagieren, sagte er am Dienstag.

Französische Polizei: Zwischen den Fronten russischer und englischer Fans Foto: dpa
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