Illegale Einwanderer kurz vor dem Grenzübertritt nach Ungarn
Illegale Einwanderer kurz vor dem Grenzübertritt nach Ungarn
Asylzustrom

Die legale Einreise dauert länger als die illegale

Die Angst ist da bei den 30 Einwanderern, die sich im Buschwerk versteckt halten. Eben noch war die Wandergruppe auf der serbischen Landstraße in Richtung Ungarn unterwegs – nur 1,6 Kilometer vor dem lokalen Grenzübergang Röszke. Unvermittelt drehen sie nach links ab – schnurstracks in ein Sichtschutz bietendes Maisfeld. So, als verfügte der Schwarm über eine in sich ordnende Kraft.

Illegale Wander-Gruppen sind schnell gefunden

Große Augen blicken sich um. Stille. Ein Mann um die Vierzig antwortet auf die Frage, ob sie Syrer seien, mit „ja“, bevor er voranschreitet. Der Rest folgt zügig – unter ihnen auch einige Kopftuch-Frauen und Kinder, wahlweise an der Hand beider Geschlechter. Arabisch scheint von ihnen niemand zu verstehen. Eine der Frauen wird später in gutem Englisch bestätigen: „Wir sind aus Afghanistan.“ Ihnen und Pakistanern gegenüber haben Einheimische besondere Vorbehalte: „Die fliehen nicht vor Krieg, das sind islamische Schläfer“, so zwei Taxifahrer, die sich vor allem darüber aufregen, nicht mehr vom Geschäft profitieren zu dürfen. Seit Mai verfolge die Polizei private Schleuser. Mit öffentlichen Zügen und Bussen sind die Einwanderer dennoch unterwegs, die letzten Kilometer wandern sie. Das Gepäck – klein. Die Kleidung – erstaunlich sauber.

Diesen Weg nahmen die Einwanderer
Diesen Weg nahmen die Einwanderer  Foto: Screenshot Google Maps/Billy Six

Mit dem Auto geht es vom serbischen Dorf Horgoš 1,2 Kilometer hinterher. Die letzten 1,5 Kilometer rüber nach Közet, der ersten Siedlung in Ungarn, zu Fuß. 40 Minuten für alles. Es wird sich zeigen: Hier braucht niemand einen Schleuser zu bezahlen – der Marsch über die grüne Grenze ist selbst mit Sandalen, Ausgehhosen und Stoffbeutel in der Hand machbar. Die Übergabe von Wasserflaschen löst weitere Spannungen auf. Keiner stört sich an dem Reporter, der die illegale Einreise in die EU dokumentiert.

Hinterher über die grüne Grenze

Unter der sengenden Nachmittagssonne wandern die Menschen über jene Brücke, welche die E-75 in Richtung Griechenland überführt. Unten staut sich der Verkehr über Hunderte Meter – vor der internationalen Grenzstation Röszke, der größten Ungarns. Die Reisenden aus allen Teilen Europas werden länger für ihren legalen EU-Eintritt brauchen als die künftigen Asylbewerber, deren Ziel ein wirtschaftlich besseres Leben in Deutschland ist.

Auf serbischer Seite setzt sich der Troß in Bewegung
Auf serbischer Seite setzt sich der Troß in Bewegung  Fotos (4): Billy Six

Am Ende der Landstraße, eingekeilt zwischen Maisfeldern, geht es weiter über Stock und Stein durch Robinienwälder, Trampelpfade und Schilf. Der viele Müll entlang der Passage dokumentiert die emsige Nutzung. Im Schatten massiver Bäume, geschützt durch dichtes Gestrüpp, döst eine andere Gruppe vor sich hin. Einzelne Ausländer verstecken sich im Röhricht – der anmarschierende Menschenauflauf ist ihnen offenbar suspekt. Es ist ein Wunder, daß kriminelles Gesindel – anders als bei anderen Grenzen üblich – hier offenbar nicht nach Opfern Ausschau hält.

Auf dem freien Gipfel eines ringsum bewaldeten Hügels gönnt sich die zügige Läuferschar eine kurze Verschnaufpause. Jetzt ist es ein junger Mann, der sich an die Spitze des Umzugs setzt – und mit wilden Handzeichen in mir unbekannter Sprache den Weg weist. Die spontane Vermutung, es handle sich um einen Schlepper, wird sich als falsch herausstellen.

Militärs dürfen nur die Polizei rufen

Und wie auf Kommando rennen sie alle los über eine Sandtrasse hinweg, die wie eine Galopprennbahn aussieht. Es ist die Grenze! Einige hundert Meter weiter sind ungarische Soldaten zu erkennen, die mit dem Bau des neuen Grenzzauns beschäftigt sind. Ab und an wirbeln vorbeifahrende Militärlaster Staub auf. Doch selbst in Zeiten der Feindschaft von Warschauer Pakt und Jugoslawiens Marschall Tito gab es hier keine Absperrung. Daß die Armee illegale Grenzübertreter heutzutage weder erschießt noch Tränengas einsetzt, sie nicht einmal verhaftet, scheinen diese Einwanderer nicht zu wissen und behalten ihr hohes Tempo bei.

Jetzt geht es durch das Maisfeld
Jetzt geht es durch das Maisfeld

Das erste Anzeichen von Besiedlung ist ein schrottreifer Lastwagen auf einer Pusteblumenwiese. „Sind wir in Europa?“, fragen die Migranten in den Raum und sind sich unsicher über den weiteren Weg. Beinahe latschen sie in Richtung Militärlager, entscheiden sich dann aber doch, auf die Wohnhäuser zuzugehen. „Wo Bahnhof?“, fragen sie. Der erste Einwohner weist nach rechts in die Landstraße. Der Nachhut füllt er die Wasserflaschen auf. Weitere Familienangehörige und Freunde stoßen hinzu und blicken den Neuankömmlingen emotionslos hinterher. „Hier kommen ständig Leute rüber“, so ein junger Ungar auf dem Fahrrad.

Geschafft: Die Grenzgänger sind in Ungarn angekommen
Geschafft: Die Grenzgänger sind in Ungarn angekommen

Doch man komme mit ihnen aus. Ebenso wie mit merkwürdigen Fahrzeughaltern, die sich in jüngster Zeit ebenfalls hier wiederfänden. „Audi A4, Minibus, Renault Traffic“ mit Kennzeichen aus Budapest, Serbien und sogar Österreich seien gesichtet worden. „Einmal sogar ein Türke.“ Die nächste Polizeistation sei sechs Kilometer entfernt, Patrouillen gäbe es so gut wie keine. Mit ihnen jedoch stehe und falle das Sperrzaun-Projekt der Regierung Orbán.

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