HRW-Berich

Libyen
 

Untersuchung: Gaddafi wurde ermordet

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Bericht von Human Rights Watch: Die neuen Machthaber sind nicht interessiert Foto: HRW/JF

BEIRUT. Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi wurde ermordet. Zu diesem Schluß kommt ein Untersuchungsbericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), der am Dienstag veröffentlicht wurde. Bisher beteuert die libysche Regierung, Gaddafi sei mit seinen Anhängern in einem Gefecht in Sirte am 20. Oktober vergangenen Jahres gefallen.

Mitarbeiter von HRW kommen zu einem anderen Ergebnis. Demzufolge hätten Milizen aus Misrata bereits die Kontrolle ausgeübt und die Kämpfer Gaddafis entwaffnet, als es zu massenhaften Folterungen und Hinrichtungen gekommen ist. Alleine auf dem Gefechtsfeld fanden Mitarbeiter über hundert Leichen. Zahlreiche weitere Leichen wurden zwei Tage später im nahegelegenen Hotel Mahari entdeckt.

Mindestens 66 Menschen hingerichtet

„Wir stießen auf immer neue Fälle, in denen Menschen von den oppositionellen Kämpfern, die sie gefangen hielten, lebend gefilmt wurden und nur Stunden später tot aufgefunden wurden“, sagte der Leiter der Abteilung für Krisenregionen, Peter Bouckaert. „Die Beweislage deutet darauf hin, daß oppositionelle Milizen mindestens 66 Mitglieder von Daddafis Konvoi standrechtlich hingerichtet haben.“

Videoaufnahmen belegen, daß Gaddafi bei seiner Gefangennahme zwar stark aus einer Kopfwunde blutete, jedoch lebte und bei Bewußtsein war. Die Verletzung soll von einer fehldetonierten Handgranate stammen. Weitere Aufnahmen zeigen, wie Gaddafi geschlagen und mit Bajonetten gefoltert wird um dann reglos und halb entkleidet in einen Krankenwagen geladen zu werden.

Schwerste dokumentierte Menschenrechtsverletzung

Auch sein Sohn Mutassim Gaddafi ist auf Aufnahmen zu sehen, wie er bei dem Versuch, den Belagerungsring zu durchbrechen, ebenfalls lebend gefangen genommen wird. Ein Video zeigt ihn leicht verletzt mit Bewachern in einer Gefängniszelle. Später wird seine Leiche öffentlich in Misrata ausgestellt werden. Eine dort zu erkennende Halsverletzung zeigt dieses Video noch nicht.

Laut HRW handelt es sich bei den Vorfällen um „die schwerste bislang dokumentierte Menschenrechtsverletzung der Oppositionstruppen“. Trotz der zahlreichen Beweise, welche die Menschenrechtsorganisation den neuen Machthabern zukommen ließ und die Ankündigung offizieller Untersuchungen durch hochrangige libyscher Politiker seien bisher keine Anzeichen zu erkennen, daß ermittelt wurde und wird.

Blutrache statt Ermittlungen?

Auch heute ist die Lage in Libyen unsicher. Nach einem Angriff von Milizen auf Bani Walid, 170 Kilometer von Tripolis entfernt, sind nach Angaben von Behörden und Ärzten mindestens elf Menschen umgekommen und 75 weitere verletzt worden. Unter den Toten befindet sich auch ein vierzehnjähriges Mädchen.

Anlaß für den Angriff soll die Verschleppung, Folterung und Ermordung eines Rebellen sein, der an dem Überfall auf den Konvoi beteiligt gewesen sein soll. Die neuen Machthaber hatten daraufhin verlangt, die Verantwortlichen „wenn nötig mit Gewalt“ ausfindig zu machen. Bani Walid gilt auch heute noch als Hochburg der Gaddafi-Treuen. (FA)

> Der Untersuchungsbericht von Human Rights Watch im Internet

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