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Massengrab
 

Opfer von Marienburg werden beigesetzt

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Menschliche Überreste aus dem Massengrab in Marienburg Foto: JF

BERLIN. Die sterblichen Überreste von 2.116 Personen, die von Oktober 2008 bis April 2009 in einem Massengrab in Marienburg (Malbork) gefunden wurden, werden am 14. August während einer öffentlichen Gedenkfeier auf der Kriegsgräberstätte in Neumark (Stare Czarnowo), Ortsteil Glien (Glinna), bei Stettin (Szczecin) bestattet.

Das hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der die Anlage unterhält, im Juni entschieden, nachdem die Untersuchung ausgewählter Gebeine durch die Danziger Gerichtsmedizin offiziell abgeschlossen worden war.

An der Feierlichkeit nehmen der Präsident des Volksbundes, Reinhard Führer, und Repräsentanten der Stadt Marienburg, der Woiwodschaft Stettin und von Vertriebenenverbänden teil. Für den Bund der Vertriebenen reist dessen Generalsekretärin Michaela Hriberski an. Geistliche aus Deutschland und Polen, darunter der emeritierte Weihbischof Gerhard Pieschl aus Limburg, begehen eine ökumenische Trauerfeier. Bischof Pieschl ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die katholische Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge.

Unmut unter heimatvertriebenen Marienburgern

Der deutsche Botschafter in Polen, Michael Gerdts, und der Generalkonsul in Danzig, Joachim Bleicker, hätten ihr Kommen zugesagt. Der Volksbund sprach die Erwartung aus, daß zahlreiche Deutsche und Polen den Toten ein letztes Geleit erweisen würden.

Von der Teilnahme bundesdeutscher Regierungsvertreter ist indessen nichts bekannt. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, hatte in einem Beitrag für die Bild am Sonntag gefordert, daß Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) „persönlich teilnehmen sollte“. Es reiche nicht, zu dem Begräbnis den deutschen Botschafter zu schicken. „Sonst stellt sich die Frage: Sind deutsche Opfer unwichtige Opfer?“ Das Außenministerium lasse es „bei zahlreichen Einweihungen von Gedenkstätten für deutsche Opfer“ an der nötigen Anteilnahme fehlen, so Steinbach.

Großen Unmut gibt es einstweilen unter heimatvertriebenen Marienburgern. Auf dem 33. Bundestreffen des Heimatkreises Marienburg Ende Juli in Magdeburg gaben viele Angehörige des Heimatkreises der Befürchtung Ausdruck, ihre Teilnahme an der Beisetzung könnte als „stillschweigendes Einverständnis mit denen ausgelegt werden, die für die Fortschaffung“ der sterblichen Überreste aus Marienburg „und die Wahrheitsvermeidung eintreten“. >>

Sie wollen deshalb der Bestattung fernbleiben und „zu gegebener Zeit in einer eigenen Veranstaltung feierlich der Toten von Marienburg gedenken“. Immer wieder hatte der Heimatkreis Marienburg gegenüber der Stadt Marienburg darauf gedrungen, die Toten, die ganz offensichtlich deutsche Marienburger waren, auch in ihrer Heimat zu beerdigen – ohne Erfolg. Es sei „unfaßbar“, daß offizielle Institutionen beider Staaten „die Wahrheit über die Toten nicht ans Tageslicht bringen“, heißt es auf der Netzseite des Heimatkreises.

Das vom polnischen Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Auftrag gegebene Gutachten liegt der JUNGEN FREIHEIT in Übersetzung vor. Wie bereits eine zusammenfassende Wiedergabe durch den Volksbund erkennen ließ, war die Frage nach der Herkunft der Opfer, ihre Nationalität und ihr Todeszeitpunkt gar nicht Gegenstand der Untersuchung.

Das Gutachten, das bereits vom 18. Mai datiert, schließt nicht aus, daß „während der Arbeiten nicht alle Oberschenkelknochen und Schädel identifiziert worden sind“. Das sei „durch bedeutende Knochenzerstückelung sowie Verschmutzung mit Erde verursacht“. Weiter heißt es, „ein ziemlich großer Teil der Schädel“ sei „zerstückelt, was deren Geschlechts- und Altersklassifikation ausschließt“. Wie berichtet, war der überwiegende Teil der Knochen mit Baggern aus der Erde gerissen worden.

„Keine direkten Kriegshandlungen“

Das Gutachten kommt zu dem Schluß, daß als Todesursache der etwa 2.120 Personen, die nackt verscharrt worden waren, „keine direkten Kriegshandlungen“ in Frage kommen, sondern „höchstwahrscheinlich (…) mehrere Faktoren: Krankheiten, Hunger, Kälte“. Trotzdem nimmt das Gutachten ohne Begründung an, daß die Toten zwischen Januar und März 1945, das heißt während der Eroberung Marienburgs durch die Rote Armee, umgekommen sein sollen. Nur wenige Gebeine und Knochenteile wiesen Merkmale eines gewaltsamen Todes durch Waffeneinsatz oder infolge von Kampfhandlungen auf.

Bei der Ausfertigung des Gutachten-Protokolls war der für den Volksbund arbeitende Umbetter Wolfgang Dietrich vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge anwesend, der durch eine Dolmetscherin mit dem Inhalt des Gutachtens vertraut gemacht wurde und „keine Einwände vorgebracht“ hatte.

„Erforderliche Untersuchungen werden offenbar bewußt unterlassen, damit die Wahrheit im dunkeln bleibt“, sagte Hans Joachim Borchert vom Heimatkreis Marienburg der JUNGEN FREIHEIT. „Die Toten können genausogut auch Verbrechensopfer aus der Zeit nach Mai 1945 sein.“ Borchert gab zu bedenken, schließlich hätten die Toten vollständig nackt, ohne Eheringe und ohne irgendwelche Gegenstände, teilweise in den verschütteten Kellergewölben des seinerzeitigen Hotels „Drei Kronen“ gelegen. „Einzig und allein eine Brille hat man gefunden.“ >>

Der Heimatkreis wolle daran festhalten, daß Versöhnung auf Wahrheit gegründet sein muß. Hoffnung gäben vor allem junge Polen, die Vertuschungsversuche aufmerksam verhindert haben und sich für die Bestattung in Marienburg aussprachen.

Inszenierung für die Presse

Der wiedergewählte Vertreter des Heimatkreises, Bodo Rückert, will an der Beerdigung in Neumark teilnehmen. Das bedeute aber nicht, daß der Heimatkreis der Fortschaffung der Toten aus Marienburg zustimmt.

Die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach erwartet, daß zukünftig noch mehr Massengräber in Polen gefunden werden. Das Grab in Marienburg lenke den Blick auf das Nachkriegsgeschehen in Polen und den polnisch verwalteten Gebieten. „Flucht, Vertreibung, aber auch Lagerhaft forderten viele Opfer unter der deutschen Bevölkerung in Schlesien, Pommern, Ost-Brandenburg und Ostpreußen.

Das Bundesarchiv ermittelte bereits in den siebziger Jahren über 2.000 Lager“, sagte Steinbach. Vorrangige Aufgabe deutscher Politiker müsse es sein, für ein angemessenes und würdevolles Gedenken über den Tag hinaus zu sorgen.

Der JUNGEN FREIHEIT wurde unterdessen ein pikantes Detail aus Marienburg zugespielt: die feierliche Beerdigung der ersten Knochen von 67 Toten aus dem Massengrab Ende Oktober 2008 auf dem kommunalen Friedhof in Marienburg-Willenberg soll eine Inszenierung für die Presse gewesen sein.

Die Knochen wurden ursprünglich ohne Aufhebens am Rande des Friedhofes in einer Kiste begraben. Erst als das öffentliche Interesse an dem Massengrab unterhalb der Marienburg erwachte, soll die Beerdigung im katholischen Ritus im Beisein von Vertretern der Stadtverwaltung nachgeholt und für die Presse fotografisch festgehalten worden sein. 

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