Neues Denken in Rußland?

Voll war der Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, als vorigen Mittwoch dort über die Chancen von „Rußlands Modernisierung unter dem Tandem Medwedjew–Putin“ diskutiert wurde. Geschuldet war der enorme Zulauf dem mutmaßlich politischen Mordanschlag in Moskau, dem zwei Tage zuvor der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die aus Sewastopol stammende Journalistikstudentin Anastassija Baburowa zum Opfer fielen. Die 25jährige Anarchistin hatte für die Nowaja Gaseta gearbeitet, welche wegen ihres investigativen Journalismus ebenso gerühmt wie gefürchtet wird. Es ist der vierte Mord an einem Mitarbeiter des Blattes (zu dessen Eignern auch Ex-Sowjetpräsdent Michail Gorbatschow zählt), für das auch die 2006 erschossene Anna Politkowskaja gearbeitet hatte. Besondere Aufmerksamkeit galt so Chefredakteur Dimitri Muratow, der trotz allem seine Teilnahme nicht abgesagt hatte. So war es nur folgerichtig, daß der Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt, Andreas Schockenhoff (CDU) in seiner Einführung auf das Attentat zu sprechen kam. Der Unionsfraktionsvize sah darin einen Beleg für „jenen Rechtsnihilismus, den der Präsident vorgeblich bekämpfen will“. Dabei scheiden sich die Geister schon an der Frage, wer der tatsächliche Präsident sei. Denn nicht zufällig stand der Abend unter dem Titel „Der gefangene Präsident?“ Wie zutreffend das hinter Dmitrij Medwedjew zu setzende Fragezeichen offenbar ist, demonstrierte anschaulich Harald Schmidt am folgenden Tag in seiner abendlichen Satiresendung, als er von der ersten Begegnung des amerikanischen und russischen Präsidenten spricht – dem Aufeinandertreffen zwischen Barack Obama und Wladimir Putin. Dem späteren Lachen vor dem Bildschirm stand in Berlin eine Schweigeminute gegenüber, für die sich der Saal erhob: In der linken und rechten Hand hält Muratow zwei große Schwarzweißfotos mit den Porträts der Ermordeten. Bewußt vorsichtig erklärt er später gegenüber der JUNGEN FREIHEIT, hinter dem Mord sei eine „tschetschenische Spur“ zu vermuten. Andere Teilnehmer sprechen indes ganz offen vom tschetschenischen Präsidenten Ramson Kadyrow als Drahtzieher. „Dubiose Militärkreise“ hingegen sieht Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der kürzlich den vielsagenden Buchtitel „Putin nach Putin“ vorgelegt hat. Verdeutlicht wurde die Fragwürdigkeit der Machtrochade vom Moskauer Focus-Korrespondenten Boris Reitschuster. Er erinnerte an das erste Fernsehbild nach der Amtsübernahme: In der rituellen Zusammenkunft von Präsident und Premier saß Putin auf seinem alten Platz, während Medwedjew als Untergebener erschien. Wie fatal die unter Putin revitalisierte „Vertikale der Macht“ sei, betonte Schockenhoff, als er Rußland attestierte, es brauche einmal mehr in seiner Geschichte „Perestroika“ und „Neues Denken“ – nicht nur wegen der ausgebrochenen Wirtschaftskrise. Entmündigung, Apathie und Zynismus, schließt der bekennende Atlantiker, hätten „schon die Sowjet­union zu Fall gebracht“. Muratow, augenscheinlich aus dem Sarkasmus Kraft schöpfend, illustrierte die Gegenwart mit einem Witz: Würden die Zehn Gebote als Gesetzestext ins russische Parlament gebracht, scheiterten sie auch nach zweiter Lesung. Der Grund? Das – nach orthodoxer Zählung – achte sowie sechste Gebot: „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht töten“.

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