Der Altstadt eine Chance

Görlitz ist die schönste Stadt Deutschlands. Gottfried Kiesow, Vorsitzender der deutschen Stiftung Denkmalschutz, wird nicht müde, die Werbetrommel für die Schönheiten der an der Neiße gelegenen Stadt zu rühren. Trotzdem hat das größte Flächendenkmal Deutschlands mit seiner einzigartigen Vielfalt an Gebäuden aus Renaissance, Barock und Jugendstil ein Problem: 5.000 Wohnungen im historischen Zentrum stehen leer. Schuld ist die Abwanderung seit 1990. Die älteren Görlitzer haben sich dagegen in den zu DDR-Zeiten an der Peripherie entstandenen Plattenbauten eingerichtet. Zurück in die sanierte Innenstadt wollen sie meist nicht. Das hat die Stadtverwaltung deutlich zu spüren bekommen, als sie vor zwei Jahren in einer Postkartenaktion für den Umzug aus der Platte in die historische Bausubstanz warb. Erstmals seit dem Herbst 1989 regte sich in der schlesischen Metropole Widerstand. Empörte Bürger warfen dem Oberbürgermeister vor, sie erneut vertreiben zu wollen. Der Protest war so groß, daß die Marketingaktion gegen den Leerstand in der Innenstadt abgeblasen werden mußte. Es sei nicht gelungen, die Vorbehalte gegen das Wohnen im Gründerzeitviertel zu entkräften, räumte Baubürgermeister Stefan Holthaus (SPD) ein. Der Ruf der Gründerzeitwohnungen ist seit ihrem Verfall während der SED-Herrschaft ruiniert. Damals seien die Görlitzer froh gewesen, wenn sie aus den kalten, dunklen Wohnungen mit Toiletten auf halber Treppe ausziehen konnten, weil sie eine Zuweisung in eine ferngeheizte Neubauwohnung erhalten hatten, erinnert sich Stadtplaner Lutz Penske. Daß die Wohnungen aus der Gründerzeit vorbildlich saniert wurden, werde einfach nicht zur Kenntnis genommen. Warum das so ist, versucht Architektur-Professor Jürg Sulzer herauszufinden. Der Schweizer ist Leiter des Instituts für revitalisierenden Städtebau der Technischen Universität Dresden, das in Görlitz seinen Sitz hat. „Wir möchten, daß die Menschen selbst erkunden, was ihnen für eine gute Wohnqualität wichtig ist“, sagt Sulzer. Das deutschlandweit einmalige Modellprojekt heißt „Schau doch mal rein. Probewohnen“. Seit September konnten Interessierte eine Woche kostenlos in einer Wohnung leben und das innerstädtische Leben testen. Zwei Gründerzeit-Wohnungen wurden dafür ausgesucht. 120 Bewerber meldeten sich, ein Dutzend wurde ausgewählt. Von diesem zeigten sich die meisten von den kurzen Wege und den guten Einkaufsmöglichkeiten angetan. Kritik gab es für das zu wenige Grün und fehlende Parkplätze. Einige Testpersonen planen inzwischen tatsächlich, ins Stadtzentrum zu ziehen. Umfaßte die Zielgruppe im Herbst 2008 vor allem Görlitzer Familien, die am Stadtrand wohnten, werden in der Anfang Mai beginnenden zweiten Staffel des Wohnprojekts Menschen aus ganz Deutschland angesprochen. Bisher haben sich schon 284 Bewerber gemeldet. Das Angebot stieß auch in Polen auf Interesse. Das entspricht dem Trend, daß immer mehr Polen aus den heute zu Polen gehörenden Stadtteilen östlich der Neiße, wo der Wohnraum knapp ist, nach Görlitz ziehen. Perspektivisch werde es in Deutschland einen Trend zur Rückkehr in die Städte geben, sagt Sulzer. Insbesondere gut erschlossene, mittelgroße Kommunen wie das an der Autobahn Dresden-Breslau gelegene Görlitz hätten dabei gute Chancen. Das haben viele westdeutsche Rentner auch ohne Wohnprojekt entdeckt. Knapp tausend haben sich bei Besuchen in die Neißestadt mit ihrem reichen Kulturangebot verliebt und sind umgezogen. Wer in Görlitz lebt, kann sich zudem für seine Renten mehr leisten. Und weil sich das herumspricht, steigt die auf 56.000 gesunkene Einwohnerzahl wieder leicht an.

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