Immun gegen die sozialistische Verführung

Seine preußische Herkunft hat der Politikwissenschaftler Klaus Motsch­mann nie verleugnet. Als 1981 in West-Berlin die große Preußen-Ausstellung die Besucher in Scharen anlockte und eine regelrechte Preußen-Renaissance auslöste, steuerte er für einen von der Berliner Morgenpost herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Sie prägten Preußen“ zwei Biographien bei: die des Theologen und Kirchenlieddichters Paul Gerhardt und die des Verfassers des „Kapitals“, Karl Marx. Damit hatte Motschmann, der am 4. März seinen 75. Geburtstag begeht, ein Themenfeld umrissen, das ihn über Jahrzehnte beschäftigte: die Rolle der Evangelischen Kirche in Deutschland im Hinblick auf die „spätmarxistische“ Versuchung der damaligen Zeit. Mit diesem Thema hatte er sich schon in seiner Dissertation und der daraus erwachsenen Veröffentlichung „Evangelische Kirche und preußischer Staat in den Anfängen der Weimarer Republik“ 1969 auseinandergesetzt.

Geboren wurde Motschmann 1934 in Berlin, 1943 verschlug es die Familie jedoch nach dem Tod des Vaters nach Petershagen in der Altmark. Dort ist Klaus Motschmann mit seinen beiden jüngeren Brüdern aufgewachsen und zur Schule gegangen. Die verwitwete Mutter heiratete 1946 einen evangelischen Pfarrer. Nach dem Abitur im Jahr 1952 war Klaus Motschmann zunächst an der Ostberliner Humboldt-Universität immatrikuliert, 1954 wechselte er jedoch nicht zuletzt auch unter dem Eindruck des 17. Juni 1953 an die Freie Universität in den Westen der Stadt und verschob den Schwerpunkt seines Studiums von der Theologie zur Politikwissenschaft.

Forschung und Lehre blieb er auch nach Abschluß seines Studiums verbunden. Seit 1971 lehrte er an der Westberliner Hochschule der Künste (HdK) Politikwissenschaft. Die Achtundsechziger-Revolte und die gerade für konservative Professoren schwierige Zeit erlebte er an dieser Hochschule. Dabei vertrat er stets unbeirrt seinen Standpunkt – und wurde dafür von Studenten und Kollegen respektiert, auch wenn Anfeindungen nicht ausblieben. In zwei Veröffentlichungen aus dieser Zeit beschäftigte er sich eingehend mit dem Phänomen des Sozialismus in Ost und West. 1979 erschienen bei Langen-Müller die Bände „Sozialismus und Nation. Wie deutsch ist die DDR?“ und „Sozialismus. Das Geschäft mit der Lüge“. Letztlich hat ihn sein christlicher Glaube immun gemacht gegen die sozialistische Verführung, der viele in dieser Zeit zeitgeistkonform verfallen sind.

Inzwischen hatte sich auch die Lage in der Evangelischen Kirche zugespitzt: Breite christliche Kreise akzeptierten die deutsche Teilung als „Gottesgericht“. Dazu trug entscheidend die Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 1965 bei. Vor dem Hintergrund einer sogenannten „modernen Theologie“ wurden Aussagen der Bibel „umfunktioniert“. Damit waren die Grundlagen der Kirche, Bibel und Bekenntnis, in Frage gestellt. Dies sollte sich auch auf die politische Ethik auswirken. Kirchgelder etwa zur „humanitären Unterstützung“ von Terroristen im südlichen Afrika führten zu Kirchenaustritten.

Dagegen formierte sich in West-Berlin der Widerstand bibel- und bekenntnistreuer Kreise. Mit den Superintendanten Wulf Thiel und Reinhold George gehörte Klaus Motschmann zu den Gründern und Sprechern der Evangelischen Sammlung Berlin. Für Motsch­mann war dieser Schritt nur konsequent: Er kannte das kirchliche Leben von der Pike auf an. Jahrelang hatte er unter anderem im Gemeindekirchenrat und in der Synode mitgearbeitet.

Auch außerhalb der Kirche stellte sich Motschmann, der von 1961 bis 1987 Mitglied der CDU war, den Herausforderungen der Zeit und zeigte konservatives Profil. Ab 1970 boten in der Bundesrepublik Deutschland gleich zwei publizistische Organe den Achtundsechzigern Paroli: Neben dem christlich-konservativen Monatsblatt Konservativ heute erschien die von dem Ende Januar verstorbenen Caspar von Schrenck-Notzing herausgegebene Zeitschrift Criticón.

Im November 1971 hatte Klaus Motschmann die Schriftleitung von Konservativ heute von seinem Bruder Jens übernommen. 1979 schließlich fusionierte das Blatt mit Criticón. Klaus Motschmann war jetzt mit Caspar von Schrenck-Notzing Mitherausgeber und Autor zahlreicher Beiträge.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner publizistischen Tätigkeit hatte der Politikwissenschaftler von 1986 bis 2001 als Redakteur der Zeitschrift Erneuerung und Abwehr, des Organs der Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland. Es gelang ihm, dieses ursprünglich bescheidene Monatsblatt zur führenden Publikation im evangelikalen Lager zu machen. Als Beihefte erschienen die Referate der Studientagungen der Notgemeinschaft zu grundsätzlichen und aktuellen Fragen.

Seit Jahren ist Klaus Motschmann auch Kolumnist und Autor der JUNGEN FREIHEIT. Auch hier widmet er sich leidenschaftlich vor allem den Zusammenhängen von Kirche und Politik. Unterstützung erfährt er auch hier von seiner Frau Dagmar. Sie hat ihrem Mann nicht nur jahrelang „den Rücken freigehalten“, sondern ist auch seine beste Mitarbeiterin.

Dr. Rolf Sauerzapf ist Kirchenrat und war bis zum Jahr 2000 Evangelischer Dekan des Bundesgrenzschutzes.

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