Die klassische Familie dominiert

Bei den Deutschen nimmt der Stellenwert der Familie zu, die Geburtenrate hierzulande steigt wieder, die Zahl der Scheidungen sinkt, ebenso die der Abtreibungen: Der „Familienreport“, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Montag vorstellte, enthält positive Nachrichten, basierend auf Daten und Zahlen, die das Statistische Bundesamt, mehrere Umfrageinstitute sowie Wissenschaftler zusammengestellt haben. Euphorie sei jedoch fehl am Platz, gab von der Leyen in ihrer Pressekonferenz zu. Denn die eingetretenen Verbesserungen bewegen sich auf niedrigem Niveau und bedeuten noch lange keine demographische Trendwende. Die wesentlichen Ergebnisse des „Familienreports“: 2006 wurden demnach in Deutschland 672.724 Kinder geboren, 2007 stieg diese Zahl auf 684.862. Im selben Zeitraum stieg die Geburtenrate pro Frau von 1,33 auf 1,37 Kinder im Durchschnitt an. Sie nahm damit 2007erstmals seit 2004 wieder zu. Allerdings war die Geburtenrate zuvor noch gefallen, der zuletzt höchste Wert von 1,38 aus dem Jahr 2000 wurde damit noch nicht wieder erreicht. Für 2008 soll sich laut Familienministerium „die positive Entwicklung“ jedoch bestätigen: „Auf Basis der bereits verfügbaren Zahlen schätzt das Statistische Bundesamt die Zahl der Geburten 2008 auf bis zu 690.000“, heißt es im Report. Vor allem sei die Zahl der Geburten bei Frauen gestiegen, die etwas älter (bis 45 Jahre) sind. Besonders stark ist die Zunahme in der Gruppe der 33 bis 37 Jahre alten Frauen. Bei Männern wie Frauen soll außerdem die als ideal angesehene Kinderzahl gestiegen sein. Umfragen ergaben, daß sich im Jahr 2006 Männer durchschnittlich 2,2 und Frauen durchschnittlich 2,3 Kinder wünschten, fünf Jahre zuvor lagen die Werte niedriger (bei 1,7 beziehungsweise 2,0). 2007 ist die Zahl der Abtreibungen im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent zurückgegangen – auf 117.000, so die offiziell erfaßte Zahl. Damit habe sich laut Ministerium die seit 2005 zu verzeichnende Abnahme fortgesetzt. 2004 wurden demzufolge noch 130.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Viele Alleinerziehende beziehen Hartz IV Für Ursula von der Leyen sind die positiven Entwicklungen ein direktes Ergebnis der Politik der Großen Koalition. „Der Umsetzung von Kinderwünschen steht heute laut Umfragen deutlich weniger Hinderungsgründe entgegen als noch vor einigen Jahren“, heißt es in einer Pressemitteilung ihres Ministeriums. Bestätigt sieht sich die Christdemokratin von aktuellen Umfragen. Laut einer Befragung des Allensbach-Instituts ist eine deutliche Mehrheit (50 Prozent) der Bürger der Auffassung, daß sich seit 2005 „die Bedingungen für Familien mit Kinder verbessert“ haben. 34 Prozent gaben an, es sei damit weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung eingetreten. Besonders positiv, vor allem unter jungen Familien mit Kindern, werde die Einführung des Elterngeldes bewertet. Erfreulich für die Ministerin scheint vor allem die Erhöhung des Anteils der Väter (auf 16 Prozent) zu sein, die sich „unterstützt durch das Elterngeld an der Betreuung des Neugeborenen beteiligen“. Mehr als drei Viertel der in Deutschland lebenden Menschen gaben laut einer im Report zitierten Umfrage an, ihnen sei die Familie „sehr wichtig“. Zwar sank in den vergangenen Jahren die Zahl der Eheschließungen weiter (379.000 im Jahr 2007), aber auch die Scheidungen nahmen seit 2005 – absolut wie relativ – ab. Statistisch sank die Zahl der Scheidungen pro 1.000 bestehender Ehen von 11,46 im Jahr 2004 auf 10,27 im Jahr 2007. Kein Wunder also, daß 90 Prozent der Deutschen (somit „mehr als je zuvor“) nach Meinung der Verfasser des Familienreports mit ihrem Familienleben „zufrieden oder sehr zufrieden“ seien. Der Anteil sogenannter „Singlehaushalte“ liegt in den letzten fünf Jahren konstant bei sieben Prozent. Die Mehrheit der Kinder in Deutschland wächst in einer klassischen Familie auf, in der beide Elternteile zusammenleben. In jedem fünften Fall ist das allerdings nicht so: 2,2 Millionen Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf. 40 Prozent dieser Alleinerziehenden – das sind 660.000 Personen mit rund einer Million Kindern – beziehen laut Familienreport staatliche Leistungen („Hartz IV“). Von der Leyens Schlußfolgerung: „Alleinerziehende brauchen spezifische Unterstützung“. Doch genau darin sehen einige Experten weniger eine Lösung als vielmehr die Ursache des eigentlichen Problems. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) stellte für die hohe Zahl armer Alleinerziehender nicht bloß soziale, sondern vor allem mentalitätsbedingte Ursachen fest (JF 27/08): „Die stetige Zunahme Alleinerziehender ist nämlich vorrangig auf bestimmte individuelle und gesellschaftliche Sicht- und Verhaltensweisen zurückzuführen, die nach einem Höchstmaß an individueller Freiheit, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit streben.“ Die Vermeidung von langfristigen Bindungen führe jedoch zu einem wirtschaftlichen Abstieg. „Denn im Vergleich zu vollständigen Familien ist der materielle Aufwand in unvollständigen Familien pro Kopf betrachtet höher.“ Wenn in der Folge das Gemeinwesen gezwungen sei, finanzielle Abhilfe zu schaffen, werde ein verhängnisvoller Teufelkreis mit fatalen Folgen in Gang gesetzt: Denn je umfassender die sozialpolitischen Alimentierungen sind, desto mehr werde der „Auflösung von Familien Vorschub geleistet“. Zur Lösung dieses Problems müßten laut IWG zunächst „Individual-, Familien- und Gemeinschaftsinteressen … wieder in ein ausgeglicheneres Verhältnis zueinander gebracht werden“. Doch gebe es nach Meinung der Bonner Forscher für einen solchen Mentalitätswandel bislang nur schwache Anzeichen. Manche davon lassen sich im aktuellen Familienreport erkennen.

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