Der russische Ratzinger

Die für den 28. Januar angesetzte Kür des neuen Patriarchen von Moskau und ganz Rußland als Nachfolger des am 5. Dezember verstorbenen Alexij II. ist nicht nur eine theologische, sondern auch eine immens politische Weichenstellung. Schließlich ist spätestens seit der Ära Putin offenkundig, welch große Beachtung die Haltung der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) in allen zentralen gesellschaftlichen Fragen findet und wie sehr sie selbst – in Fortsetzung alter Traditionen im Zarenreich – zu solchen „politischen“ Einflußnahmen bereit ist. Daß 1997 mit der Weihe der nahe des Kreml rekonstruierten Christus-Erlöser-Kathedrale die größte russisch-orthodoxe Kirche der Welt nach ihrer Sprengung 1931 wiederauferstand, ist ein architektonisches Sinnbild des neuen Einvernehmens. Anläßlich der Amtseinführung von Präsident Wladimir Putin versprach Alexij II. im Jahr 2000, daß „die Russisch-Orthodoxe Kirche der weltlichen Macht unabdingbar in den Unternehmen helfen wird, die auf die Wiedergeburt des Heimatlands gerichtet sind“. Der Staat revanchiert sich mit Millionen für Kirchenrestaurierungen und -neubauten. Diese Symbiose ist für beide von Vorteil: Der Politik gibt sie ein wirksames ideelles Instrument, um der totalen Sinnentleerung und Zerstörung des Gemeinwesens infolge der kommunistischen Diktatur entgegenzuwirken – und der Kirche die Möglichkeit, sich von der sowjetischen Unterdrückung zu erholen. Inzwischen bezeichnen sich laut Meinungsumfragen wieder zwischen 40 und 50 Prozent aller 142 Millionen Einwohner der Russischen Föderation als orthodox. Seit dem Umbruch stieg die Zahl der orthodoxen Gemeinden in Rußland von 6.000 auf rund 20.000, die der Klöster von 16 auf 700 und die der theologischen Lehranstalten von fünf auf 200. Es ist keineswegs unüblich, daß neuerrichtete Regierungsgebäude, repräsentative Schiffe oder moderne Panzer von orthodoxen Priestern geweiht werden. 1999 segnete der Patriarch höchstpersönlich einen atomar angetriebenen Kreuzer. Auch Putin zeigt sich häufig öffentlich als praktizierender orthodoxer Christ. Das im Moskauer Danilow-Kloster residierende Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche gilt zwar nicht als unfehlbar, jedoch steht der Patriarch der Heiligen Synode vor, die alle wichtigen Entscheidungen des Kirchenlebens trifft. Für internationale Diskussionen sorgte gleichwohl die Person des verstorben Patriarchen – den einen galt er als Verkörperung der Wiedergeburt der ROK, den anderen als „kommunistische Altlast“. Alexius II., wie er sich nach kirchenslawischer Diktion nannte, hieß mit bürgerlichem Namen Alexij Michailowitsch Ridiger (Rüdiger), er kam 1929 im estnischen Reval (Tallinn) zur Welt. Seine deutschstämmigen Vorfahren lebten im baltischen Kurland. Manche taten sich als Generäle in der russischen Armee hervor; Fjodor Wassiljewitsch (Theodor) von Rüdiger erhielt 1847 sogar den Grafentitel. Zur Orthodoxie ist offenbar erst der Großvater Alexijs übergetreten. Sein Vater wurde noch in fortgeschrittenen Jahren orthodoxer Priester und spielte 1944 eine wichtige Rolle bei der erneuten Angliederung der Orthodoxen Kirche Estlands (die in der Zwischenkriegszeit Konstantinopel unterstand) an das Moskauer Patriarchat. Alexij Ridiger wirkte als Priester im estnischen Dorpat (Tartu) und stieg 1961 zum Metropoliten von Reval und Estland auf. In den späten fünfziger Jahren soll er, wie der estnische Historiker Indrek Jürjo 2005 in seinem Buch „Aruanded Riikliku Julgeoleku Komitee“ (Die Akten des KGB) nachweist, unter dem Decknamen „Drozdov“ als Spitzel für den KGB gearbeitet haben. Der Geheimdienst habe den Priester, der neben Russisch auch Estnisch und Deutsch sprach, sogar als „gute Quelle“ eingeschätzt. Diese Verstrickung, die ihm den Aufstieg in der Kirchenhierarchie ebnete, empfand speziell das unabhängige Estland, das ihm 2003 noch das Marienkreuz erster Klasse verliehen hatte, als Skandal. Im eigenen Land war der Moskauer Patriarch dagegen kaum öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. In den ersten drei Tagen nach seinem Tod defilierten über 80.000 Menschen an seinem in der Christus-Erlöser-Kathedrale aufgebahrten Sarg vorbei. Beim Begräbnisgottesdienst war neben Putin, Präsident Dmitri Medwedew und ausländischen Staatsoberhäuptern wie Boris Tadic (Serbien) oder Alexander Lukaschenko (Weißrußland) auch Großfürstin Maria als Oberhaupt der Romanow-Dynastie anwesend. Aus russischer Sicht geht es heute vor allem darum, die Stellung der Kirche als wohl wichtigste Integrationskraft einer auf Sinnsuche befindlichen Gesellschaft zu wahren und das neue Rußland möglichst konfliktfrei wieder in die über Jahrhunderte gewachsenen geistesgeschichtlichen Traditionen des Landes einzufügen. Nicht von ungefähr ließ sich Alexij II. in der Moskauer Jelochow-Kathedrale der Erscheinung des Herrn – gegenüber den Gräbern des Patriarchen Sergej und des Moskauer Metropoliten Alexij aus dem 14. Jahrhundert – beisetzen, in einer Kirche, die selbst in den Bürgerkriegsjahren nach der Oktoberrevolution und unter Stalin nie geschlossen worden war und damit die Kontinuität der russisch-orthodoxen Kirche symbolisiert. Der für die Nachfolge Alexijs II. favorisierte Metropolit Kyrill von Smolensk und Königsberg (Kaliningrad) wirkt mit seinen 62 Jahren in der Greisen-Riege der russisch-orthodoxen Kirchenführer zwar vergleichsweise jugendlich, dennoch steht auch er vor allem für Kontinuität. Der gebildete, fleißige und energische Kyrill war nicht nur ein Schüler und Weggefährte Alexijs und Verfasser des am Ende der Gorbatschow-Ära erlassenen Gesetzes über Religionsfreiheit, sondern gilt mit seiner Prinzipientreue und Mediengewandtheit schon seit Jahren als Vordenker und eigentlicher Kopf der ROK. Im Frühjahr 2006 äußerte er im Zuge einer von der russisch-orthodoxen Kirche angestoßenen „Wertedebatte“, daß die säkularen und liberalen Werte des Westens nicht als universell gelten könnten und Rußland einen eigenständigen Weg zu gehen habe. In mancherlei Hinsicht könnte man ihn den „Ratzinger Rußlands“ nennen. Kyrills herausragender Bedeutung haben die anderen Metropoliten bereits am Todestag des alten Patriarchen Rechnung getragen, indem sie Kyrill übergangsweise zum Statthalter (locum tenens) erklärten. Vieles spricht dafür, daß dies die vorweggenommene Wahl zum neuen Patriarchen von Moskau und ganz Rußland war.

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