Joachim Kuhs

 

David wäre heute Rapper

Den europäischen Fußball-Pokal hat Bremen nicht bekommen. Dafür eröffnete aber am Tag des verlorenen Endspiels der Kirchentag in der Hansestadt an der Weser. Während der Fußball-Titel dauerhaft gewesen wäre, ist der Kirchentag nach fünf Tagen wieder vorbei. Das finden vielleicht nicht alle Bremer schlimm. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Kirchentag. Denn in beiden Fällen ziehen bunt gekleidete und mit komischen Schals behängte Fans durch die Stadt und verstopfen den Bahnhof.

Mit der aus dem 1. Buch Mose stammenden Losung „Mensch, wo bist du?“ wollten sich die evangelischen Laien und Theologen der Frage nach ihrer Verantwortung in Zeiten „globaler Krisen“ stellen. Große Aufreger bietet das Protestantentreffen schon lange nicht mehr. Selbst als bei einer Diskussionsrunde mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einige „antirassistische“ Demonstranten mit symbolischen Leichensäcken gegen die vermeintliche Abschottungspolitik der Europäischen Union protestierten, verlief dies eher ritualisiert als wirklich störend. Die Zeiten, in denen Podien gestürmt und Politiker niedergebrüllt wurden, sind passé. Bei anderen aktuellen Themen war man sich sowieso einig: etwa in der Unterstützung für die Arbeitnehmer der von Insolvenz bedrohten Autoschmiede Opel oder bei der Ablehnung des Rechtsextremismus; als die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann mehr oder weniger indirekt ein Verbot der NPD wegen deren menschenfeindlicher und antisemitischer Agitation forderte, erntete sie selbstverständlich Applaus.

Auf dem Podium der Reihe „Christen und Muslime“ stellte eine Frau mit Kopftuch – die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi aus Hannover – fest, wir alle seien aufgefordert, Gottes Schöpfung zu bewahren; und eine Frau ohne Kopftuch – die emeritierte nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter – pflichtete ihr bei. So einfach ist der interreligiöse Dialog.

Das Angebot eines „Selbstverteidigungskurses gegen Fundamentalisten“ richtete sich im übrigen nicht gegen bewaffnete Anhänger Mohammeds, sondern gegen die, die „kein offenes Ohr für kritische Bibelauslegung“ hätten. Bei Gott aber, so ein württembergischer Pfarrer, sei „nichts unmöglich“. Das gilt auch für den Kirchentag, auf dem zum Beispiel „DJ Mzuni“ ein Konzert zum Mitmachen unter dem Motto „David wäre heute ein Rapper“ anbot.

An den Ständen vor den Messehallen konnte sich die säkulare taz, die vor kurzem noch mit einem gekreuzigten Fußballtrainer Jürgen Klinsmann auf dem Titel aufgemacht hatte, genauso präsentieren wie das evangelikal ausgerichtete Magazin Idea-Spektrum: Leben und leben lassen, scheint das Motto zu sein, während die innerprotestantischen Flügelkämpfe vergangener Jahrzehnte hier offenbar keine herausragende Rolle mehr spielen.

Ein weites Betätigungsfeld bietet bei Kirchentagen stets der obligatorische „Markt der Möglichkeiten“. Dieses Jahr konnte man sich dort unter anderem das „Genderland“ der Evangelischen Jugend Dortmund anschauen, eine „Spielkette für mehr Rollenvielfalt“. Gerollt wurde nicht weit entfernt davon auch der ein oder andere Massageball – auf dem Rücken entspannungsbedürftiger Besucher. Mit einem Stand vertreten war ebenso der Sufi-Orden, über dessen Lehren wiederum die zwei Gassen weiter angesiedelte „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ – eine Art kirchlicher Verfassungsschutz – aufklärte. Das Nebeneinander ist von einer frappierenden Vielfalt, um nicht zu sagen: Unverbindlichkeit, geprägt. Da stellt der sich offen als „konservativ“ bekennende „Tempelritterorden“ genauso vor, wie der „Zentralrat der Yeziden“, steht der Luther-Bund neben den Quäkern oder den Alt-Katholiken.

Interessantes gab es ferner in der „feministisch theologischen Basisfakultät“ zu erfahren. So interpretierten die beiden Exegetik-Professorinnen Claudia Janssen (Marburg) und Luise Schottroff (Kassel) das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter neu. Ein Ergebnis der beiden Mitverfasserinnen der „Bibel in gerechter Sprache“ lautete: Jesus habe den Fragesteller, einen Tora-Gelehrten, aufgefordert, „über seine männliche Rolle nachzudenken, diese zu verändern“. Dahinter stehe „die Einsicht, daß Männer durch ihre Rolle oft gehindert sind, am Leben in seiner Fülle teilzuhaben“.

Einen der denkwürdigsten Sätze des 32. Evangelischen Kirchentages lieferte allerdings ausgerechnet ein Katholik, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige: „Nicht jeder Vogel, den jemand hat, ist der Heilige Geist.“

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