Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Original

Jörg Haider war ein politisches Talent, wie es die Zweite Republik sonst nur mit Bruno Kreisky aufzuweisen hatte. Beiden ist es gelungen, weit über die Wertigkeit des neutralen Kleinstaats Österreich hinaus politisch Furore zu machen. Der langjährige SPÖ-Chef und Bundeskanzler Kreisky wurde im Rückblick immer in einem Atemzug genannt mit Willy Brandt und Olof Palme, als Vorzeigefiguren einer Sozialdemokratie, die sich von marxistischen Dogmen gelöst hatte. Unter dem Etikett „sozial-liberal“ waren alle drei pragmatisch, gewerkschaftsnah und offen für die Impulse, die von der 68er-Bewegung ausgingen. Auch Haider wird meist in einem Atemzug mit einer Reihe anderer europäischer Politiker genannt, den sogenannten Rechtspopulisten. Daran ist zweifelsohne richtig, daß Haider ihr Aushängeschild war, zumal seit er seine Partei im Februar 2000 in einer österreichischen Bundesregierung unter Wolfgang Schüssel (ÖVP) verankerte. Dabei war Haider nicht bloß Aushängeschild, sondern Pionier dieser Bewegung — und als Vorläufer damit auch etwas qualitativ anderes. Als die „Rechtspopulisten“ in das Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit traten, wurden sie vor allem, ja fast ausschließlich mit einem Thema assoziiert, mit dem Problem der Zuwanderung und seinen Folgen — darunter auch dem Kompetenz- und Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten Arbeiterparteien. Eine Erbschaft sicherte ihm finanzielle Unabhängigkeit Für Haider war das allerdings erst die zweite Stufe seines Aufstiegs. Er hatte in den achtziger Jahren begonnen als Kämpfer gegen ein verfilztes Establishment, das nicht imstande war, den Zeitgeist zu erkennen, der rechts wehte — rechts nämlich im Sinne von Margaret Thatcher und Ronald Reagan, im Sinne einer konservativen Politik, die sich vom Schmusekurs der Konsenspolitiker abhob und nicht darauf beschränkte, „Sozialismus minus 20 Prozent“ zu praktizieren. Haider hatte seinen europäischen Epigonen zudem etwas voraus: Er gründete keine neue Bewegung, er übernahm mit den Freiheitlichen eine schon bestehende Partei. Die FPÖ war zwar eine kleine Partei, dafür aber eine etablierte und weitgehend anerkannte Schwesterpartei der FDP. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Als die FDP mit der sozialliberalen Koalition 1969 nach links abbog, schloß sich ihr rechter Flügel einfach der CDU/CSU an. Die eingefahrenen Lagerstrukturen der österreichischen Innenpolitik ließen dies nicht zu. Der rechte FPÖ-Flügel blieb und eroberte seine Partei zurück — auf dem berühmten Innsbrucker Parteitag 1986 wurde Haider in einer Kampfabstimmung gegen den liberalen Vizekanzler Norbert Steger mit fast 60 Prozent zum Obmann gewählt. Es heißt ihr Talent nicht verkleinern, wenn man anerkennt, daß auch überragende Begabungen von den Fehlern ihrer Gegner leben. Diese Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, war in Haiders Fall der SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, der sich über seine Partei hinwegsetzte und nach Haiders Wahl die bestehende rot-blaue Koalition aufkündigte. ÖVP-Chef Alois Mock hingegen beugte sich schweren Herzens seiner Partei und ging damals keine kleine Koalition mit der FPÖ ein. So konnte Haider Opposition gegen eine große SPÖ/ÖVP-Koalition machen, deren Zeit eigentlich schon abgelaufen war. Und Haider konnte Opposition machen. Er hatte das unbestimmte gewisse Etwas, das Politiker im Fernsehstudio wirken läßt — und auch in natura, bei Versammlungen — ein schon fast vergessenes Medium, das Haider neu belebte, und das in einem Acht-Millionen-Land natürlich mehr bewegt als in einem Achtzig-Millionen-Land. Haider war unermüdlich und energiegeladen; er pflegte dabei einen trendigen, informellen Stil, mit häufigem Kostüm- und Themenwechsel. Er erkannte Marktlücken und Schwachstellen, links und rechts, facettenreich und faszinierend, immer wieder irritierend — auch für die eigenen Leute. Er durchschaute instinktiv auch die Wirkung der Schweigespirale. „Only no news is bad news“ — seine Partei, die FPÖ, war 1986 eine Honoratiorenpartei, die es mit fünf Prozent in den Nationalrat geschafft hatte, die für ein Gros der Wählerschaft nicht einmal mehr zur Debatte stand. Haider brachte sie mit gezielten Provokationen ins Bewußtsein aller, bis sie keinen mehr kalt ließ. „Haßliebe“ kennzeichnete sein Verhältnis zu den Medien, die voll waren von Leuten, die seinen Stil bewunderten und seine Inhalte ablehnten. Alt-68er, die einst den Tabubruch zum Dogma erhoben hatten, mußten ohnmächtig zusehen, wie Haider ihre Rezepte gegen sie kehrte. Jörg Haider wurde am 26. Januar 1950 in Bad Goisern (Oberösterreich) in ein politisches Netzwerk hineingeboren: Sein Taufpate Hermann Foppa war von 1931 bis 1934 Obmann der nationalliberalen Großdeutschen Volkspartei gewesen. Ein Verwandter seiner Mutter vermachte ihm jenen Großgrundbesitz in Kärnten, das Bärental, der ihm seine finanzielle Unabhängigkeit bescherte. Sein Vater, ein Schuhmacher, der sich zum Tapferkeitsoffizier hochdiente, war Bezirkssekretär der FPÖ in Gmunden. Sein Lehrer und Chef an der Wiener Universität, Günther Winkler, war ein Verfassungsrechtler mit guten Kontakten zur ÖVP. Haider wurde von Alt-FPÖ-Obmann Friedrich Peter „entdeckt“, dann als Parteisekretär nach Kärnten geschickt. Von Kreisky wurde der 1973 promovierte Jurist anfangs als interessante Nachwuchshoffnung betrachtet. Schließlich: Ein nicht geringer Teil der gar nicht so vielen österreichischen Milliardäre zählte zu seinen persönlichen Bekannten — als „primus inter pares“ Hans Dichand, der Eigentümer der wirkmächtigen Kronen-Zeitung, wetterwendisch im Detail, aber verläßlich als Gegengewicht und Schutzschild gegen alle politisch korrekten Kampagnen des staatlichen Rundfunks ORF. Haider war kein Außenseiter, sondern ein „Insider“, den man zum Außenseiter gestempelt hatte — und der aus dieser Doppelposition das Beste machte. Haiders größter Triumph kam mit den Wahlen 1999 — im Frühjahr eroberte er das Amt des Kärntner Landeshauptmann zurück, im Herbst wurde seine FPÖ mit fast 27 Prozent knapp vor der ÖVP zur zweitstärksten Partei. Das katapultierte ihn auf die Titelseiten von Time und Newsweek. Die darauf folgende Rechtskoalition in Österreich empörte die Linke in Europa (Stichwort: Sanktionen der EU-14) — und wurde dennoch binnen kurzem in Italien, Dänemark, den Niederlanden und Portugal nachgeahmt. Freilich — die Rolle, die Haider sich selbst dabei zugeteilt hatte, vermochte er erstmals nicht auszufüllen — die eines Mannes hinter den Kulissen nämlich, im fernen Kärnten, während Kanzler Schüssel und Haiders Nachfolgerin als FPÖ-Chefin, Susanne Riess-Passer, im Wiener Rampenlicht standen. Was das ÖVP/FPÖ-Regierungsteam und ihn entzweite, waren nicht Sachfragen, sondern der Aufmerksamkeitsfaktor. Das Resultat war die unglückliche FPÖ-Delegiertenversammlung in Knittelfeld im September 2002. Haider wollte die Bundesregierung nicht sprengen, die Partei nicht spalten; aber er tat es, oder er ließ es zumindest geschehen. Die bürgerlichen Koalitionsbefürworter verziehen ihm Knittelfeld nicht — vorgezogene Neuwahlen waren die Folge. Die FPÖ-„Fundis“ verziehen Haider den Schwenk in die Gegenrichtung nicht, der zwei Jahre später folgte, als er seinen Fehler zu spät einsah und die Rumpf-Partei auf einen Pro-Regierungskurs vergattern wollte. Die darauf folgende Gründung „seines“ Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) 2005 war schlecht geplant und vorbereitet. Der Großteil der FPÖ-Basis außerhalb Kärntens blieb der „Altpartei“ treu. Überraschend führte er seine neue Partei zum Erfolg Außerhalb Kärntens schien der geniale Volkstribun sich endgültig zwischen alle Stühle gesetzt zu haben — bis er vor wenigen Wochen mit einer perfekten, genau auf die Lage und die Lücken seiner Gegner gezielten Kampagne zu einem fulminanten Comeback startete: Das BZÖ wurde mit 10,7 Prozent vor den Grünen viertstärkste Partei. Haiders Karriere endete wie sie vor 22 Jahren begonnen hatte: mit dem völlig unerwarteten Wahlerfolg einer Partei, die schon am Rande der Wahrnehmungsschwelle rangierte — und von ihm binnen weniger Wochen in zweistellige Prozentzahlen katapultiert wurde. Ein Unfalltod erscheint immer in besonderem Maße tragisch und sinnlos — und doch: In seiner aberwitzigen Kombination symbolträchtiger Elemente, so ist man versucht zu sagen, wird er der Persönlichkeit Haiders schon wieder gerecht: In der Nacht nach dem Kärntner Landesfeiertag, den er eingeführt hat (zum Gedenken an die Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 1920), auf dem Weg zum 90. Geburtstag seiner Mutter, als jemand, der alle Nachrufe Lügen gestraft, alle seine Gegner politisch überlebt hat — und dessen Abgang eine Lücke reißt, die seine Einzigartigkeit unterstreicht. Selbst im Abtreten noch das alte Motiv, wie so oft: Das macht ihm keiner nach. „We will not see his like again.“   Prof. Dr. Lothar Höbelt ist außerordentlicher Professor für neuere Geschichte an der Universität Wien. Er schrieb Beiträge und Bücher zur Geschichte der FPÖ und des deutschnational-freiheitlichen Lagers in Österreich: „Von der vierten Partei zur dritten Kraft. Die Geschichte des VdU“ (Stocker-Verlag 2002), „Republik im Wandel: Die Große Koalition und der Aufstieg der Haider-FPÖ“ (Universitas-Verlag 2001).

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