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Die Geburt eines Giganten

Als am Sonntagabend die neue Sat.1-Sendung „Talk der Woche“ erstmals lief, brachte Moderatorin Bettina Rust das Gespräch auf Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und Sabine H., die im Verdacht steht, neun Neugeborene umgebracht zu haben. Wie in allen anderen Zeitgeist-Medien auch überboten sich die Gäste, Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Moderator Harald Schmidt, mit Kritik an den Äußerungen des brandenburgischen Innenministers zu den Kindermorden. Besonders bemerkenswert war die Äußerung Harald Schmidts über das von Schönbohm verwendete Wort von der „Proletarisierung“. Hier vollziehe sich ein Skandal, wie er inzwischen alle vier Wochen stattfinde, sagte Schmidt. Er verwies dann auf den SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler, der wenige Wochen vor Schönbohm für Aufregung gesorgt hatte, als er die CDU-Forderung „Vorfahrt für Arbeit“ mit Parolen der Nationalsozialisten verglichen hatte. Es entsteht ein gewaltiger Medien-Trust „Das geht immer nach ein und demselben Muster: Der Gescholtene erklärt, er bleibe bei seiner Äußerung. Dann gibt es Druck von oben. Und schließlich entschuldigt er sich für seine Äußerungen.“ Soweit Harald Schmidt, der bei Sat.1 zu einer Kreativitätspause „überredet“ wurde, kaum daß Haim Saban die Kontrolle über den Sender erlangte hatte. Inzwischen ist Schmidt das TV-Comeback bei der ARD gelungen. Und auch bei Sat.1 – genauer gesagt: der gesamten Senderfamilie – hat sich einiges verändert. Der Springer-Konzern übernimmt die ProSiebenSat.1-Gruppe und wird dadurch zu einem gewaltigen privaten Medien-Trust aus TV-Sendern und Zeitungen. Wenn man den Gegnern dieser Megafusion Glauben schenken darf, dann wird das von Schmidt kritisierte, ohnehin schon recht muffige Meinungsklima in Deutschland nun noch weiter eingeengt. So kündigte der Holtzbrinck-Verlag (Zeit, Handelsblatt) an, beim Kartellamt gegen die Übernahme vorgehen zu wollen. Axel-Springer hätte nach der Fusion mit ProSiebenSat.1 neben dem Print-Marktführer auch die größte TV-Gruppe in der Hand, so die Warnung aus Stuttgart. Dies sei eine große Medienmacht – publizistisch und auf dem Werbemarkt. Stimmt. Aber nur, weil die mißvergnügten Springer-Konkurrenten unterschlagen, daß es auch ein öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt, das weit höhere Marktanteile hat als alle Privatsender zusammen. Beim staatlichen Rundfunk wird seitdem auch auf allen Hörnern zum Kampf gegen die Firmenfusion geblasen. In einer Magazinsendung am Tag der Bekanntgabe des Handels betonte eine Moderatorin: „Deswegen ist ein unabhängiges öffentlich-rechtliches Fernsehen jetzt besonders wichtig.“ Konsequenterweise will die ARD-Spitze beim Kartellamt klar Stellung gegen Axel Springer beziehen. Weitere Anti-GEZ-Kampagnen von Bild werden dann wohl nicht lange auf sich warten lassen. Neben dem Kartellamt muß die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) als zweite staatliche Instanz über die Fusion beratschlagen. Die Kommission betrachtet dabei weniger die wirtschaftlichen Daten, sondern die Frage nach der „vorherrschenden Meinungsmacht“. Die Aufgabe dieser Behörde besteht darin, zu überprüfen, ob eine „vorherrschende Meinungsmacht“ besteht. Die kaufmännischen Daten des fusionierten Unternehmens sehen so aus: Gemeinsam kommt der fusionierte Konzern auf 4,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. 364 Millionen Euro beträgt der summierte Jahresgewinn. Die Zahl der Mitarbeiter beträgt 13.400. Zu ProSiebenSat.1 gehören noch die Sender Kabel1 und N24 sowie die Internetportale wetter.com und Oktoberfest.de. Auf dem Fernsehmarkt belegt die Sendergruppe ProSiebenSat.1 hinter der ARD und RTL Platz drei. Zum Axel-Springer-Konzern dagegen gehören insbesondere folgende Zeitungen und Zeitschriften: Bild, Welt, Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, BZ, Hörzu, Funk Uhr, Yam!, Popcorn, Maxim, Mädchen. ARD-Chef warnt vor der Macht Springers „Gegen Bild, BamS und Glotze“ könne man keine Politik machen, hat der Bundeskanzler einmal gesagt. Darauf berufen sich jetzt Springer-Gegner: Alleine die Bild erreicht täglich 11,8 Millionen Deutsche. Ausgerechnet der ARD-Chef Jobst Plog warnte davor, daß Springer-Chef Matthias Döpfner jetzt noch mehr Macht als Bertelsmann habe. Und auch die ersten Reaktionen der (Nicht-Springer-) Tageszeitungen lauteten sinngemäß: Jetzt greift Springer Bertelsmann an. Diese Darstellung vom großen Showdown zweier Mediengiganten auf dem zweitwichtigsten Medienmarkt der Welt ist so nicht haltbar. Erstens kann sich Springer aufgrund des hohen Kaufpreises gar keinen Kampf auf Leben und Tod mit Bertelsmann leisten. Döpfner habe folgerichtig auch nur Sekt geordert, als die Fusion bekanntgegeben wurde. Champagner gibt es frühestens, wenn die Kartellbehörde zugestimmt habe, will der Spiegel herausgefunden haben. Nur das stimmt: Bertelsmann und Axel Springer sind beides Medien-Konzerne. Aber sie sind längst nicht auf Augenhöhe und besetzen ganz unterschiedliche Marktsegmente. Bertelsmann lebt vom Verlagsgeschäft mit Büchern. Die Verlagsgruppe Random House, die zu 100 Prozent zu Bertelsmann gehört, ist Weltmarktführer. Dafür sorgen 100 Buchverlage in 16 Ländern. Die Tochter Gruner + Jahr produziert dagegen Magazine wie Stern und Geo. Bei BMG sind die Aktivitäten der Musikbranche gebündelt. BMG hat Stars wie Avril Lavigne und Britney Spears unter Vertrag. Arvato macht Geld mit Logistikgeschäften bis hin zur Abwicklung von Handy-Reparaturen für Vodafone, Eplus und T-Mobile in eigenen Fabriken. Die Direct Group organisiert den Vertrieb an den Endkunden – beispielsweise durch den Bertelsmann Buch Club. Einzig und allein die RTL Group konkurriert mit der Tochter RTL auf dem Fernsehmarkt direkt mit dem neuen Springer-Konzern, nämlich mit Sat.1, ProSieben und gegebenenfalls auch Kabel1. Trotzdem: Bertelsmann macht 17 Milliarden Euro Umsatz und hat 76.000 Mitarbeiter. Springer und Bertelsmann sind sehr ungleiche Konkurrenten. So ist der einzige wirkliche Gewinner dieses Handels Haim Saban, der vor zwei Jahren wie aus dem Nichts auf der Bildfläche erschien und die marode Kirch-Tochter übernahm. Er soll inzwischen gesagt haben, er sei dankbar, daß alle deutschen Milliardäre auf diese Chance verzichtet hätten. Sabans Investorengruppe bekommt 2,47 Milliarden Euro für ihre ProSiebenSat.1-Aktien. Ob er bei dieser Übernahme nur der Strohmann für Matthias Döpfner und Friede Springer und das Ganze von langer Hand geplant war, werden vielleicht Historiker eines Tages ans Tageslicht bringen. Das Zusammenspiel von Saban, Döpfner und Deutsche-Bank-Chef Breuer hat jedenfalls optimal funktioniert, als es darum ging, Leo Kirch auszubooten. Und Saban hat den größtmöglichen Reibach in denkbar kürzester Zeit gemacht.

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