Parallelwelten im Altenheim

Die Einwanderung hinterläßt ihre Spuren. In dem Maße, in dem die deutsche Gesamtbevölkerung abnimmt, steigt die Anzahl der Zuwanderer. Besonders deutlich wird dies bei den älteren Menschen. 2002 lebten 714.900 Ausländer im Alter von über 60 Jahren in Deutschland. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich diese Zahl fast verdoppelt: 1992 waren es erst rund 320.000 ältere Ausländer. 2002 waren bereits 419.000 (5,7 Prozent) der in Deutschland lebenden ausländischen Staatsbürger über 65 Jahre alt und damit im Rentenalter. Auch wenn die ausländische Bevölkerung derzeit immer noch deutlich jünger ist als die deutsche, wächst der Anteil der Alten stetig. Ausländische Senioren sind mittlerweile die prozentual am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Ein Bericht der Bundesausländerbeauftragten zitierte bereits im Jahr 2000 eine Schätzung, der zufolge im Jahr 2010 über 1,3 Millionen alte Menschen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit hier leben werden. Sehr aufschlußreich sind in die Zusammenhang die sogenannte Marplan-Studie und der „Zweite Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland: Wohnen im Alter“. Diese Untersuchungen zeigen, daß ein Großteil der Integrationsbemühungen der vergangenen Jahrzehnte offensichtlich mißlungen sind. Das Institut Marplan fragte über-45jährige Ausländer nach ihren Problemen. Die Studie zeigte unter anderem, daß die familiären Bezüge ins Herkunftsland bei den Senioren noch viel stärker ausgeprägt sind als bei den jüngeren Zuwanderern. 16 Prozent haben Kinder, 33 Prozent Eltern oder Schwiegereltern und 63 Prozent Geschwister im Herkunftsland. Familiäre Bindung ins Heimatland An erster Stelle ihrer Sorgen nannten die Ausländer im Rentenalter „Trennung von der Heimat“ (25 Prozent), weiter werden „Ausländerfeindlichkeit“ und „finanzielle Probleme“ (je 21 Prozent), „zu teure Wohnung“ (20 Prozent), „die deutsche Sprache“ (18 Prozent) genannt. Deutsch sprechen können 39 Prozent gut oder perfekt, 10 Prozent wenig oder gar nicht. Deutsch lesen können 49 Prozent gut oder perfekt, 51 Prozent schlecht oder gar nicht. Die Lesefähigkeit in der eigenen Sprache schätzen 87 Prozent der Befragten als perfekt oder gut ein. Entgegen der ursprünglichen Lebensplanung wird nur ein kleiner Teil in ihre alte Heimat zurückkehren; etwa 80 Prozent werden den Lebensabend in Deutschland verbringen und zwischen hier und dem Herkunftsland pendeln. Geplant war dies früher freilich ganz anders. Noch bei den ersten Anwerbemodellen in den sechziger Jahren ging die Bundesregierung von einer Zuwanderung auf Zeit aus. Mittlerweile rechnet das Statistische Bundesamt in einer Modellrechnung damit, daß im Jahr 2030 2,8 Millionen Ausländer jenseits der 60 in Deutschland leben. Früher wurden die Älteren in den Familien versorgt. Doch auch bei den ehemaligen Gastarbeitern zerbrechen einstmals stabile Bindungen. „Es gibt immer mehr, die alleine leben“, sagt Gudrun Münchmeyer-Elis vom Bremer Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien. Auf ihre Bedürfnisse ist das deutsche Altenhilfesystem nach Auffassung der Informations- und Kontaktstelle Migration in Duisburg kaum eingestellt. Eine Anfrage in der Datenbank der Einrichtung identifiziert gerade sechs entsprechende Modellprojekte in Frankfurt am Main, Berlin, Köln, Duisburg und Bremen. „Ältere Zuwanderer dürften in steigendem Maße auf Altenhilfe-Einrichtungen angewiesen sein, die ihnen aber kulturell fremd sind und ihren Vorstellungen vom Altern widersprechen“, stellt die Medizinerin Zahra Mohammadzadeh vom Bremer Gesundheitsamt in einer Studie fest. An diesem Punkt zeigt sich das ganze Dilemma. Der Pflegesektor ist ins Straucheln geraten, die Pleite des Altenheim-Betreibers Refugium im Jahre 2002 hat die ganze Branche ins Zweifeln gebracht. Einige Einrichtungen werben nun gezielt um ausländische Menschen. Kulturelle Konflikte scheinen vorprogrammiert „Die Herausforderungen sind groß. Viele Migranten leiden nach harter Arbeit in der Industrie an chronischen Krankheiten. Die soziale Problematik ist sehr, sehr groß. Kinder können die in solchen Fällen oft notwendige professionelle Pflege gar nicht leisten, Sprachprobleme und kulturelle Unterschiede erschweren das Verständnis zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen. Das reicht von verletzten Schamgrenzen, die bei Migranten häufig niedriger anzusetzen sind als bei Einheimischen, bis zu mehr oder weniger ausländerfeindlichen Einstellungen“, sagt Mohammadzadeh. Kulturelle Konflikte scheinen dabei vorprogrammiert: „Was, wenn ein muslimischer Opa um fünf Uhr früh beten will und den Zimmernachbarn den letzten Schlaf raubt?“ fragt die integrationsfreundliche Projektgruppe Isoplan und fordert ein „Altern ohne Zwangsintegration“. Mit dem dreijährigen Pilotprojekt „Ethnischer Schwerpunkt Altenhilfe“ hat das Deutsche Rote Kreuz einen Vorstoß bei den stationären Einrichtungen gemacht. Vor einigen Jahren wurde in Duisburg das erste Altenheim gebaut, in dem das multikulturelle Element gehegt und gepflegt wird. Unter den rund neunzig Bewohnern des „Haus am Sandberg“ sind bisher sieben Türken – die sich nun in einem eigenen Wohnbereich zusammenschließen wollen. Weitere Bewerbungen soll es reichlich geben. Lange vor dem Umzug von einem baufälligen ins neue moderne Gebäude wurden die deutschen Heimbewohner auf die Ankunft der fremden Nachbarn vorbereitet. Daß sich die Heimbewohner nicht in die Quere kommen, dafür sorgt die großzügige Wahrung der Privatsphäre mit Einzel- beziehungsweise Familienzimmern und Wohngruppenbereichen. Im Keller ist eine kleine Moschee eingerichtet. Die Mitarbeiter wurden speziell für die interkulturelle Altenpflege geschult, mehrere sprechen Türkisch. Der Projektleiter spricht zwar davon, „daß Ausländer im Alter nicht mehr als Konkurrenten empfunden werden“, doch die auffällige Hektik der Experten zeigt das Dilemma: Es scheint, als ob die vielfach beklagten Parallelwelten in den vielen deutschen Städten und Gemeinden im Altenheim ihre Fortsetzung finden. Eine gelungene Integration sieht anders aus.

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