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Der Pipeline-Poker geht weiter

Die schnelle Veränderung Kasachstans und seines despotischen Nachbarn Turkmenistan kann dem Westen, insbesondere aber Europa, helfen, seine Abhängigkeit vom Mittleren Osten und dem russischen Öl und Gas zu vermindern. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen diese beiden östlichen kaspischen Staaten mit den Pipelines, die nach Europa über den Südkaukasus und die Türkei führen, verbunden werden“, vermerkte vor kurzem Wladimir Sokor in einem Beitrag für das Wall Street Journal Europe. Sokor ist Mitglied der in Washington ansässigen Jamestown Foundation (die wohl als US-regierungsnah eingestuft werden kann) und publiziert unter anderem im Eurasia Daily Monitor. Analysen wie die obige belegen, daß sich der Fokus im Kampf um die Sicherung der Energiereserven dieser Region („Great Game“, siehe auch JF 23/05) seit geraumer Zeit auf die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan verlagert hat. Auf einer Konferenz in der kasachischen Hauptstadt Almaty Anfang Oktober des Jahres, an der Vertreter aller führenden Öl- und Gaskonzerne des Westens teilnahmen, rückte deshalb einmal mehr die Pipeline-Frage in den Vordergrund. Denn trotz des Baus der Erdölleitung Baku-Tiflis (Tbilissi)-Ceyhan behauptet Rußland derzeit immer noch die fast uneingeschränkte Dominanz bei denjenigen Erdölleitungsrouten, die in den Westen führen. Proamerikanische Beobachter der Szene wie Sokor beschwören deshalb die Gefahr einer doppelten Abhängigkeit Europas von Rußland: einmal von dem russischen Energieangebot und zum zweiten von den Transitrouten. Daß den Europäern unter US-Vorzeichen ähnliches droht, darüber schweigt Sokor verständlicherweise. Drei der reichsten erkundeten Erdgasvorkommen liegen derzeit in Kasachstan. Nachdem die auflandigen, gigantischen Felder bei Tengis und Karachaganak an das Netz angeschlossen worden waren, stellte sich heraus, daß das Feld bei Kashagan das größte küstennahe Ölvorkommen ist, das in den letzten 30 Jahren in der Welt entdeckt werden konnte. Bei einem entsprechenden Einsatz westlicher Technologie und Kapitals könnte die Ölproduktion Kasachstans von derzeit zirka 50 Millionen Tonnen auf zirka 150 Millionen Tonnen im Jahre 2015 gesteigert werden. In Kasachstan wurden damit Ölvorräte in einer Dimension gefunden, die in den neunziger Jahren im küstennahen Bereich von Aserbaidschan vermutet worden sind, bis heute aber nicht verifiziert werden konnten. Auf welchen Pipeline-Routen das kasachische Öl in den Westen gelangen könnte, darüber wird derzeit heftig diskutiert. Ähnlich wie beim Bau der zirka 2,5 Milliarden Dollar teuren BTC-Pipeline, hier und da als „teuerster Spielplatz, der jemals gebaut wurde“, bezeichnet, zielen die Routen, die für das kasachische Öl diskutiert werden, darauf ab, das russische Pipeline-Monopol zumindest zu lockern, wenn nicht zu durchbrechen. Ein Szenario läuft darauf hinaus, einen Teil des Öls mit Tankern über das Kaspische Meer zu bringen und in Baku in die BTC-Ölleitung zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan einzuspeisen. USA und Rußland wetteifern um Ex-Sowjetrepubliken Der Löwenanteil müßte aber aus der Sicht der internationalen Ölkonzerne und auch Kasachstans weiter über russische Routen in den Westen transportiert werden. Hier wird insbesondere der Route Tengis-Noworossijsk eine erhöhte Bedeutung zukommen. Die Aufnahmekapazität des russischen Schwarzmeerhafens soll nach Angaben von Sokor von derzeit 28 bis 30 Millionen Tonnen auf zirka 60 Tonnen jährlich gesteigert werden; vorausgesetzt allerdings, man einigt sich mit Moskau über die entsprechenden Gebühren. Die Amerikaner präferieren den Transport des Großteils des kasachischen Öls über eine transkaspische Pipeline nach Baku. Von dort könnte ein Teil in die Pipeline nach Ceyhan gepumpt werden (die dann überhaupt erst wirtschaftlich arbeiten dürfte, wird man hier wohl hinzufügen dürfen) und ein anderer über georgische Schwarzmeerhäfen nach Europa verschifft werden. Hiervon könnten Staaten wie die Ukraine und Polen profitieren, reicht doch das kasachische Öl alleine aus, um die ukrainische Erdölleitung Odessa-Brody und ihre Weiterverzweigungen nach Polen wirtschaftlich arbeiten zu lassen. Sokor zufolge bevorzugt Kasachstan derzeit die Verschiffung von 20 Millionen Tonnen Erdöl jährlich nach Baku (und von dort aus über die BTC-Pipeline westwärts), wofür fünf 60.000-Tonnen-Tanker gebaut werden sollen. Ist es Zufall, daß diejenigen Staaten, die in diese Szenarien involviert sind, durch amerikanisches Betreiben nicht nur dem russischen Einfluß entwunden worden sind, sondern zum Teil auch Standorte für US-Bodentruppen geworden sind? Daß Rußland und auch die Islamische Republik Iran derartige Pläne nicht goutieren, liegt auf der Hand. Rußland hat bereits gegen eine transkaspische Erdgasleitung von Turkmenistan heftig opponiert, erreichen doch die Gasvorkommen der einstigen Sowjetrepublik in etwa das Volumen, das für ganz Rußland geschätzt wird. Moskau wird alles daran setzen, sein Pipeline-Monopol zu verteidigen. Sokor ist der Meinung, daß die EU auch deshalb endlich einen Politikansatz entwickeln müsse, der einen direkten Zugriff auf die ostkaspischen Öl- und Gasreserven ermögliche. Dieser Ansatz sei angeblich im gemeinsamen ökonomischen und strategischen Interesse der „euro-atlantischen Gemeinschaft“, was Washington (natürlich) schon längst begriffen habe. Hinter dieser Einlassung verbirgt sich bei Lichte betrachtet nichts weniger als die Forderung nach einer angemessenen finanziellen Beteiligung der EU an den Kosten, die der USA in Zusammenhang mit dem „Great Game“ um die Öl- und Gasvorkommen entstehen. Der steigende US-Einfluß in der Region wird aber zunehmend kritisch gesehen. So heißt es im Sobaka Magazine unter dem Titel „American guns, spies and oil in Azerbaijan“, daß sich der Kaukasus mehr und mehr zum „neuen Mittelamerika“ entwickele; zu einem Ort, an dem „CIA-Agenten“ und andere „zweifelhafte Charaktere“ mithülfen, zwei der repressivsten Regime der Region zu stützen, nämlich diejenigen in Georgien und Aserbaidschan. Nur Israel erhielt von den USA unter dem Deckmantel „antiterroristischer Operationen“ in den letzten zwölf Jahren mehr Hilfe als Georgien, kritisieren die Autoren. Angesichts des geschilderten Szenarios und weiter steigender Öl- und Gaspreise könnte also auch hinter dem Streit um die geplante Ostsee-Pipeline (Vyborg-Greifswald, JF 38/05) mehr stecken als die Sorge Litauens um eine Umweltgefährdung und der Ärger Polens um entgangene Transitgebühren. Die direkte Verbindung zwischen Deutschland und Rußland paßt sicher manchem Geostrategen nicht ins Konzept. Foto: Erdölleitung Tengis-Noworossijsk: Kampf um Zugriff auf die ostkaspischen Öl- und Gasreserven

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