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Vom Lausbuben zum Alpenkönig

Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden“, prophezeite eine wie immer aufgeregte Ulrike Meinhof 1961 in der seinerzeit von der SED genährten Zeitschrift Konkret. Nicht zum einzigen Mal in ihrer abwechslungsreichen Karriere als Journalistin und Terroristin ließ sie sich durch ihre apokalyptische Ader dazu verleiten, einen ridikülen Irrtum zu formulieren. Franz Josef Strauß ist nämlich mitnichten ein zweiter Hitler geworden, und wer sich nicht vom Dachschaden einer ganzen Generation anstecken ließ, die es lässig fand, anderes zu unken, konnte in ihm zu jedem Zeitpunkt seines Wirkens einen stinknormalen Politiker der Bundesrepublik erkennen. Einen Politiker zudem, dem es dann letztlich auch an Format mangelte, sich zu jener Bedeutung aufzuschwingen, die etwa einem Willy Brandt oder einem Helmut Kohl für die Nachkriegsgeschichte zu konstatieren ist. Kein Kind dürfte daher seine Eltern heute ausgerechnet nach Franz Josef Strauß fragen. Er ist vielmehr zu Recht weitgehend in Vergessenheit geraten – wenn man von einigen sentimentalen, konservativen Greisen sowie von CSU-Traditionalisten absieht, die seine Fähigkeit, einen komplizierten Satz korrekt zu Ende zu führen, wehmütig an der peinlichen und entlarvenden Rhetorik seines Epigonen Edmund Stoiber messen. Den Bedarf an einer wissenschaftlichen Biographie, den Stefan Finger behauptet, mag es somit unter Historikern geben, die Öffentlichkeit verspürt ihn nicht. Amüsant ist dabei, daß Finger den Anspruch, den er großspurig erhebt, nicht einmal ansatzweise einlöst. Ehrlicherweise legt er aber immerhin die Fährte zu der eigentlichen Motivation, die ihn dazu getrieben haben mag, dieses an Umfang reiche und an Substanz arme Machwerk zu verfassen: Otto Finger, der Papa, war Anfang der sechziger Jahre zum Cheffahrer von Strauß aufgerückt, nachdem sich der glücklose Amtsvorgänger allerlei medienwirksamer Verfehlungen schuldig gemacht hatte. Der Stolz, einem so hohen Herrn gedient zu haben, scheint noch den Filius zu erfüllen: Es ist die Perspektive des loyalen Fuhrknechts feudaler Zeit, aus der der kleine Finger über die imposante Gestalt und die Großtaten des Patriarchen berichtet. Das Ergebnis ist ein recht ungewöhnliches Kompendium, das unter weitgehendem Verzicht auf neue Informationen oder eigenständige Bewertungen fleißig die Vielzahl der Lobhudeleien aneinanderreiht, mit denen Strauß von Parteigängern, Lakaien und Amigos im Laufe seines politischen Lebens bedacht worden ist. Wo immer etwas schief gelaufen ist, wo immer er sich in Skandale und Skandälchen verstrickte, hat er vielleicht zu zögerlich gehandelt, in seinem naiven Grundvertrauen auf windige Gestalten gesetzt oder, seinem sympathischen Ungestüm gemäß, Regeln im Interesse eines übergeordneten Zieles mißachtet. Von fragwürdigen Machenschaften, gar von kriminellen Handlungen mag Finger jedoch nicht sprechen, nicht einmal dort, wo er eine Eloge auf die illegalen Waffenlieferungen reitet, die Strauß als Verteidigungsminister an Israel aus Beständen der Bundeswehr veranlaßte und durch fingierte Diebstahlsanzeigen zu verschleiern trachtete. Der Autor läßt nebenbei einfließen, daß die Karriere seines Forschungsgegenstandes wohl von Anfang an durch Zahlungen industrieller Gönner gefördert worden sei und er über „Reptilienfonds“ verfügte, scheint dies aber eher als Ausweis besonderer Bauernschläue denn als bedenklich anzusehen. Das unfreundliche Strauß-Bild, das zu Lebzeiten vorherrschend war, haben nach seiner Auffassung böse, linke Medien geprägt, allen voran der Spiegel, und nicht wenige von ihnen an der langen Leine der DDR. Weil er so bedeutend war, wurde er von denen bekämpft, die der Bundesrepublik nichts Gutes wollten. Und weil er so verfemt wurde, gelang es ihm nicht, Bundeskanzler zu werden, obwohl ihm doch schon Konrad Adenauer solches zugetraut haben soll. Wie tragisch. Für Strauß, für Deutschland und natürlich für Finger, denn dann wäre sein Vater sogar Kanzlerfahrer und er selber Kanzlerfahrersohn geworden. Nicht abgesprochen werden kann dem Autor ein gewisses schriftstellerisches Talent, das den Erzählstil der jeweils betrachteten Lebensphase anpaßt. Die Jahre vor 1945 konstruiert Finger als die Legende eines Mannes, der bei der Seligsprechung bislang offenbar versehentlich übergangen wurde: Strauß, der Aufrichtige, Strauß, der Kriegsunwillige, Strauß, der Mutige, ja Wider-ständler gegen das Unrecht, Strauß, der Seher, der schon ganz früh ganz genau wußte, in welchen Schlamassel die Hitlerei führt. Schon als Bub hat er den Heinrich Himmler der Lächerlichkeit preisgegeben. „Sau“ schrieb er diesem nämlich einmal auf das übel verschmutzte Auto, mit dem der herumkutschierte, der Drecksnazi. Und der Strauß senior hat den sogar wegen Hakenkreuzpropaganda des Metzgerladens verwiesen! Nur dem Hitler konnte er es nicht zeigen, denn der war schließlich Vegetarier und kaufte da folglich nicht ein. Unterhaltsam zu lesen ist dieser Reigen von grotesken Anekdoten, den Finger hier bietet – und aufschlußreich zudem hinsichtlich des Selbstbildes, das die bundesrepublikanische Prominenz mit NS-Vergangenheit von sich zeichnete oder zeichnen ließ. Etwas trockener gerät hingegen die Darstellung der politischen Karriere nach dem Krieg. Finger erzählt hier als Rahmenhandlung die Geschichte der Bundesrepublik, nicht immer korrekt und nicht immer mit akzeptabler Schwerpunktlegung, nach und flicht die Episoden ein, in denen Strauß in ihr eine mehr oder wenige gewichtige Rolle spielte. Unterschwellig vermittelt er den Eindruck, als wäre sein Titelheld, und sei es nur durch das rechte Wort zur rechten Zeit, für nahezu alle wesentlichen Weichenstellungen irgendwie mitverantwortlich gewesen. Für jene, die diese Jahre bislang als Adenauerzeit mißverstanden, ist das durchaus eine Überraschung. Ausgespart werden dabei jedoch ausgerechnet die interessantesten Fragen, die Finger möglicherweise aber gar nicht bewußt waren: Gab es tatsächlich Bestrebungen in Kreisen um Strauß, die Bundesrepublik über die bloße atomare Teilhabe hinaus zur Nuklearmacht werden zu lassen? Welche Rolle spielte er in der Einfädelung der Neuen Ostpolitik schon zu Zeiten der Großen Koalition? Mit welchen Methoden gelang es ihm, die sich immer wieder auf die politische Bühne verirrende rechte Konkurrenz zu marginalisieren? Am Schluß findet Finger zu dem elegischen Ton seiner Eingangskapitel zurück. Der eigentlich Auserwählte, den finstere Mächte von der Erfüllung seiner Bestimmung abhielten, stirbt den Märchentod auf einem fürstlichen Anwesen inmitten von Försterbuben. „Von seinem Schlage gibt es keinen mehr.“ Sei’s drum. Foto: Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß (M.) und Medienzar Axel Cäsar Springer beim Filmball in München (1967): Für nahezu alle wesentlichen Weichenstellungen irgendwie mitverantwortlich gewesen Stefan Finger: Franz Josef Strauß. Ein politisches Leben. Olzog Verlag, München 2005, 555 Seiten, gebunden, Abbildungen, 34 Euro

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