Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Vergleiche

Zu den Wesensmerkmalen ideologisch verquaster Auseinandersetzungen gehört die Tatsache, daß sie nicht nur der Wirklichkeit, sondern oft genug auch den eigenen Intentionen widersprechen. Das gilt auch für die These, daß man wegen der Einmaligkeit der NS-Verbrechen keine Vergleiche oder gar Gleichsetzungen zwischen dem NS-System und anderen politischen Systemen vornehmen dürfe. Dazu ist zunächst festzustellen, daß der „Vergleich“ ein Grundelement aller seriösen Wissenschaft ist. Ob Medizin oder Jurisprudenz, Natur-, Sprach- oder Sozialwissenschaften, Theologie oder Pädagogik – immer vermittelt der „Vergleich“ die notwendigen Voraussetzungen der eigenen Fachdisziplin und bewahrt Wissenschaft und Publizistik vor dem Abgleiten in den Trichterkreis ideologischer Reduktion auf das jeweils politisch Zweckmäßige. Wer sich also gegen „Vergleiche“ ausspricht, verstößt nicht nur gegen ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch gegen das Grundgesetz, das diese Arbeit ausdrücklich schützt (Art. 5 GG). Eine ganz andere Frage ist es, welche Konsequenzen man aus den „Vergleichen“ in Literatur und Publizistik, Pädagogik und Politik zieht. Selbstverständlich bedürfen sie der Interpretation, der Kommentierung, der Exegese. Aber die Fakten müssen zunächst einmal durch „Vergleiche“ ermittelt werden und vorliegen. Sodann ist aus Gründen intellektueller Redlichkeit und politischer Glaubwürdigkeit die Frage zu stellen, warum dieser ideologische Grundsatz nicht auch im Blick auf die obligaten Vergleiche und Gleichsetzungen von demokratischen Institutionen, Parteien, Politikern und anderen Repräsentanten unseres Volkes beachtet wird. Sie gehören bekanntlich zur Grundausstattung linker Agitation gegen das „System“ – und zwar nicht erst seit 1968, sondern seit 1945. In diesem Zusammenhang werden Vergleiche mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich gerechtfertigt, um der Losung „Wehret den Anfängen“ Nachdruck zu verleihen. Ist tatsächlich schon alles vergessen, was in den vergangenen sechzig Jahren mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem verglichen und gleichgesetzt worden ist? Damit ist nicht nur an die Agitation und Kampagnen gegen die „braunen Ratten“ und den „braunen Sumpf“ am vielzitierten „rechten Rand“ zu denken, sondern vor allem an die sogenannten demokratisch drapierten Institutionen und Personen in der „Mitte“. Wie so oft, so auch hier: Es wird mal so, mal so argumentiert, je nach Zweckmäßigkeit. „Erkläret mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur.“ Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.

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