Ukrainischer Genozid Carl Gustaf Ströhm

Johannes Paul II. ist trotz schwerer Leiden geistig voll präsent. Dies zeigte sich unlängst, als er eine Botschaft an die ukrainischen Kardinäle Lubomyr Husar und Marian Jaworski richtete. Anlaß war der 60. Jahrestag des „Holodomor“, der von der Sowjetführung 1932/1933 in der Ukraine absichtlich ausgelösten großen Hungersnot. Der Papst zeigte erneut, daß er ein subtiler Kenner der osteuropäischen Geschichte und ihrer düsteren Symbolik ist. Der „Holodomor“ war für das ukrainische Volk eine nationale Katastrophe ohne Beispiel. Nach vorsichtigen Schätzungen kostete sie vier bis sechs Millionen Menschenleben – meist Bauern, die sich der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft widersetzten. Doch es ging Stalin nicht alleine um die Kollektivierung, mit der das Streben des „Kulaken“ nach Privateigentum ausgerottet werden sollte. Es ging auch um die „Entukrainisierung“: die nationale Intelligenzschicht sollte dezimiert und ausgeschaltet werden. Die italienische Tageszeitung Corriere della Sera, eines der wenigen westlichen Medien, denen das Thema überhaupt einer Erwähnung wert war, bezeichnet den „Holodomor“ als „ukrainischen Genozid“. Der ukrainische Bauer, der den fruchtbaren ukrainischen „Schwarzerdegürtel“ beackerte, verschwand bis heute aus dem Gesichtskreis auch des Westens, der die Vernichtung von Millionen von Menschen reaktionslos hinnahm. Zwar gab und gibt es mehrere umfassende Bücher über die ukrainische Hungersnot. Journalisten und Diplomaten, die damals in die Sowjetunion reisten, berichteten von halbverhungerten Elendsgestalten, die auf dem Pflaster der ukrainischen Großstädte buchstäblich krepierten. Aber das alles blieb im Westen irgendwie ohne größeres Echo. Erst viel später, lange nach dem Zweiten Weltkrieg, berichtete der sowjetische Dissident Lew Kopeljew, wie er selber – damals noch fanatischer Jungkommunist – an Strafexpeditionen gegen die „Kulaken“ teilnahm. Neben den Ukrainern hat Stalin damals auch mit den Kasachen und den Völkern des Westkaukasus „abgerechnet“. Eines der Resultate dieser sowjetischen „Nationalitätenpolitik“ war, daß die derart Behandelten, wie etwa Tschetschenen und Kosaken, während des Zweiten Weltkrieges massenweise zu den Deutschen überliefen. Im Tschetschenienkrieg setzt sich die damalige Problematik noch über die Gegenwart fort. An furchtbaren Detailschilderungen fehlt es nicht. Die Moskauer Historikerin Darja Chubowa berichtet über „furchtbaren Hunger“, sogar über massenhafte Fälle von Kannibalismus. Der „Holodomor“ war auch das Startsignal für die Dezimierung ukrainischer „Nationalkommunisten“, die sich der Illusion hingegeben hatten, Stalin werde ihnen und dem ukrainischen Volk innerhalb des Sowjetsystems eine Art von „Autonomie“ einräumen. Doch die Menschen mußten nicht nur die allgemeine Sowjetisierung mitmachen, zugleich wurde ihnen auch der „ukrainische Nationalismus“ ausgetrieben. Die Ukraine, die „westlicher“ war als der Rest der damaligen Sowjetunion, mußte also doppelt büßen. Während Millionen von Menschen starben und sich die Leichenberge auftürmten, exportierte die Sowjetunion ungerührt große Mengen an Getreide ins westliche Ausland. Und die Menschen im Westen verzehrten das ukrainische Brot, ohne zu wissen, was sich dahinter verbarg – auch ein Lehrstück über westliche Ahnungslosigkeit.

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