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„Einmaliger Vorgang“

In einem präzedenzlosen Brief an die Abonnenten des zweimonatlich erscheinenden Magazins Deutschland Archiv (Untertitel: „Zeitschrift für das vereinigte Deutschland“) distanzieren sich die Herausgeber, die Bundeszentrale für politische Bildung und der W. Bertelsmann Verlag, von dem im aktuellen Heft 2/2004 erschienenen Text „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ von Konrad Löw. In dem Schreiben vom 2. April wird dem Politikwissenschaftler vorgeworfen, Ansichten zum Antisemitismus im 20. Jahrhundert in Deutschland zu vertreten, „die weder mit dem Selbstverständnis der Bundeszentrale für politische Bildung noch mit dem des W. Bertelsmann Verlages vereinbar“ seien. Die Arbeit beider Institutionen würde durch „eine derartige Veröffentlichung (…) desavouiert“. Unterzeichnet ist der Brief von Jürgen Faulenbach und Manfred Eigemeier, die beide dem Redaktionsbeirat der Zeitschrift Deutschland Archiv angehören. Weiter heißt es, daß man den Vorgang „außerordentlich“ bedaure. Dieser Vorgang, der sowohl in der Geschichte beider Häuser als auch des Deutschland Archivs einmalig sei, werde sich nicht wiederholen. Weder die Bundeszentrale noch der Beirat der Zeitschrift hätten von der geplanten Veröffentlichung Kenntnis gehabt. Im nächstmöglichen Heft werde – offenbar als direkte Erwiderung – ein Beitrag von Wolfgang Benz vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung erscheinen, der Entwicklung und Bedeutung des Antisemitismus in Deutschland untersucht. Außerdem werden die Abonnenten darüber unterrichtet, daß der Rest der Auflage von Heft 2/2004 „makuliert“ wird. Im Klartext: Die Ausgabe wird aus dem Verkehr gezogen, eingestampft, vernichtet. Auf Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT verteidigte der Vizepräsident der Bundeszentrale, Bernd Hübinger, das Vorgehen seiner Behörde, die dem Bundesinnenministerium nachgeordnet ist. Löws Beitrag sei „sachlich nicht sehr fundiert“ und erwecke den Eindruck, als sei Antisemitismus in Deutschland nicht weit verbreitet gewesen, so Hübinger. In der Redaktion des Deutschland Archivs gibt man sich dagegen ausgesprochen zugeknöpft. „Ich werde dazu keine Stellung nehmen“, erklärte Chefredakteur Marc-Dietrich Ohse auf Anfrage dieser Zeitung gleich mehrfach. Der 1931 geborene Autor Konrad Löw ist Jurist und Politikwissenschaftler, seit 1975 lehrt er an der Universität Bayreuth. Zuletzt hatte er mit dem 1999 bei Langen Müller erschienen „Rotbuch der kommunistischen Ideologie: Marx & Engels – Die Väter des Terrors“ für publizistisches Aufsehen gesorgt. Über das Vorgehen der Bundeszentrale zeigte Löw sich überrascht. Bis zum Mittwochabend habe er von dem Vorgang überhaupt keine Kenntnis gehabt, niemand habe mit ihm zuvor darüber gesprochen. Gegenüber der JUNGEN FREIHEIT nannte er das Verhalten der Bundeszentrale „skandalös“. Zum Antisemitismus-Vorwurf sagte er, als Sohn eines NS-Opfers habe er keine Veranlassung, etwas zu beschönigen. In seinem Beitrag für das Deutschland Archiv wendet sich Löw gegen die Rede vom „Tätervolk“ und einer deutschen „Kollektivschuld“. Der Aufsatz mündet in ein Plädoyer für eine „fruchtbare deutsch-jüdische Symbiose“ ohne Tabus und Vergleichsverbote, auch wenn die Vergleiche anstößig sein sollten. Aus Protest gegen die Reaktion der Herausgeber sollen nach JF-Informationen bereits die ersten Abonnementkündigungen beim Deutschland Archiv eingegangen sein.

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