Ein Hüter der Hoffnung

Als Wolfgang Mattheuer 18 Jahre alt war, im April 1945, wurde er bei Brünn in den Krieg geschickt. Das Kriegsende erlebte er schwer verwundet in einem Lazarett in Prag, wo verspätete tschechische Helden von draußen durch die Fenster schossen. Kurz darauf marschierten die Russen ein. Sie brachten ihn in ein Gefangenenlager ins schlesische Sagan, von wo aus die Zwangsarbeitertransporte in die Sowjetunion abgingen. Er blieb verschont, weil eine russische Ärztin ihn als „Invaliden“ einstufte. Er wußte, ein zweites Mal würde er dieses Glück nicht haben. Mit einem Kameraden flüchtete er nach Hause, ins vogtländische Reichenbach. Seine Grenzerfahrungen haben ihn geprägt, ließen ihn zu einem Mann mit Urteilskraft, Eigensinn und Mut reifen. Ohne sie lassen sich weder seine Kunst noch seine politischen Entscheidungen verstehen. Reichenbach blieb – neben Leipzig – bis zum Schluß sein Lebensmittelpunkt. Geschlagen von deutschen Katastrophen, begriff Mattheuer sich als deutscher Künstler, der bewußt in der DDR lebte. Der hier errichtete Sozialismus, hoffte er, würde eine Humanisierung der Menschen in Gang setzen, die eine Wiederholung überstandener Schrecken ausschloß. Daß der real existierende Sozialismus ein weiterer Jahrhundertbetrug war, der den Menschen nur neues Leid aufbürdete, erkannte er immer klarer. Das Wissen und die Trauer darum wurden das Thema seiner Kunst. Am stärksten hat er es in der Bronzeplastik „Jahrhundertschritt“ ausgedrückt: Eine deformierte männliche Gestalt hat die Linke zur Faust geballt – das Symbol des revolutionären Proletariats – und die Rechte zum Hitler-Gruß ausgestreckt. Die zwei Großideologien, die in Deutschland und Europa gewütet haben, sind hier in ihrem siamesischen Charakter erkannt und dargestellt. Selbstbewußt hat Mattheuer geäußert, ein anderes, vergleichbares Werk gäbe es in Deutschland nicht. Die Plastik darf nicht als eine prinzipielle Ablehnung utopischer Hoffnungen verstanden werden. Mattheuer hat noch nach 1989 an der Überzeugung festgehalten, daß der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte markieren dürfe. Um seine Haltung zu verstehen, muß man die Variationen betrachten, die er zum „Jahrhundertschritt“-Thema angefertigt hat. Auf dem Bild „Verlorene Mitte“ streben Arme und Beine der Figur auseinander, der Leib hat sich aufgelöst. Das Bild und sein Titel erinnern an Hans Sedlmayers Schrift „Verlust der Mitte“ (1948), in der für die totalitären Verirrungen des Utopismus eine überschießende, 1789 begonnene Moderne verantwortlich gemacht wird. Diese habe den Menschen durch die Trennung seiner Rückbindung an Gott dehumanisiert. Den stärksten Ausdruck der Entmenschlichung sah Sedlmayer in der modernen, abstrakten Malerei. Mattheuer hielt entsprechend an der gegenständlichen und figürlichen Kunst fest. Damit saß er zwischen den Stühlen. Denn auch die DDR-Opposition hatte die im Westen dominante Überzeugung verinnerlicht, daß die freie, wahre Kunst sich in der Abstraktion ausdrücke, die realistische Malerei dagegen die Diktatur verherrliche. Unsinniger ging es kaum! Denn was konnte die DDR-Führung anfangen mit einem Gemälde wie der „Ausgezeichneten“: Eine alte Frau, offenkundig aus ihrem Betrieb verabschiedet, sitzt deprimiert an einem Tisch, der das Bild horizontal zerschneidet und wie ein Leichentuch wirkt. Nach 1989 galt Mattheuer den Alt-68er-Kunstbeamten plötzlich als „DDR-Staatskünstler“. In der Ausstellung „Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land“ im Berliner Gropius-Bau 1997 wurde er in die Besenkammer verbannt. Ihr Leiter schrieb, Mattheuers Bilder hätten „die gesellschaftlichen Konflikte im ‚real existierenden Sozialismus‘ auf die metaphorische Ebene biblischer und mythologischer Gleichnisse verschoben, um so das kritische Potential, das im Publikum seiner Ausstellungen vorhanden war – wenn auch in Parabeln verschlüsselt -, zu artikulieren und dadurch von realen Protestaktionen abzulenken“. Läßt man die politische Ahnungslosigkeit und den syntaktisch-semantischen Unsinn beiseite, bleibt der Vorwurf, daß Mattheuer sich in der DDR als Künstler und nicht als politischer Partisan betätigt hatte – ein Beispiel arroganter Siegermentalität. Mattheuer hatte nie behauptet, ein Widerständler zu sein. Er entschied sich für seinen eigenen Weg, indem er als Künstler das Ethos des Widerstehens verkörperte und die Hoffnung auf Veränderbarkeit wachhielt. Er war der Meinung, sein „Jahrhundertschritt“ gehöre in den Reichstag. Die „Kunst im Reichstag“ wird zur Zeit von Gerhard Richters nichtssagend-banalen Glastafeln in Schwarz-Rot-Gold und von Hans Haackes Installation „Der Bevölkerung“ bestimmt, die den 1989er Ruf „Wir sind das Volk“ konterkariert (die JF berichtete). Bevor Mattheuers Großplastik den Platz einnehmen kann, den sie verdient, muß noch viel geschehen in Deutschland. Sie stünde dann als ein Zeichen, daß dieses Land halbwegs gesundet und endlich wieder ernst zu nehmen ist. Ein Mann von Mattheuers Lebenserfahrung bedurfte keiner Ratschläge von Patentdemokraten, um seine Rolle als Citoyen zu definieren. Warum nicht zugeben, daß die Redaktion der jungen freiheit stolz darauf war, daß Mattheuer die Zeitung las und schätzte? Sie kümmere sich ums Nationale, äußerte er, anders als die Parteien der Mitte, „die nur den einen Wunsch haben, das aufkeimende Nationalgefühl zu unterdrücken. Und die Neue Mitte ist die peinlichste von allen Mitten.“ Als 1999 eine Zeit-Journalistin ihn durch Leipzig begleitete, kaufte er die Zeitung demonstrativ am Kiosk und erklärte, in Deutschland würde rechts stets mit Faschismus gleichgesetzt. „Das ist doch nicht normal.“ In der DDR sei es verboten gewesen, Westzeitungen mitzubringen, und bei Hitler, Radio London zu hören. „Und jetzt, in der Demokratie mit Meinungsfreiheit, heißt es, die junge freiheit liest man nicht. Ich gestatte aber niemandem, mir vorzuschreiben, was ich lesen darf.“ Der Künstler Wolfgang Mattheuer war unerbittlich, aber nicht bitter, er war illusions-, aber nicht hoffnungslos. Kurz vor seinem Tod antwortete er auf die Frage, ob er mit seinem Leben zufrieden sei: „Es wäre undankbar, es nicht zu sein. Ich habe einen guten Sohn, seit 58 Jahren eine wunderbare Frau neben mir …“ Am 7. April, an seinem 77. Geburtstag, ist Wolfgang Mattheuer in Leipzig an Herzversagen gestorben. Die Bewunderer seiner Kunst und unter ihnen vor allem diejenigen, die schon in der DDR mit ihr gelebt und daraus die Hoffnung geschöpft hatten, daß noch nicht aller Tage Abend ist, haben die Todesnachricht mit einem tiefen, scharfen Schmerz empfangen. Fotos: Wolfgang Mattheuer (1927-2004) am Schreibtisch in seiner Wohnung: „Er bedurfte keiner Ratschläge von Patentdemokraten“ / „Jahrhundertschritt“, 1987: Ein vergleichbares Werk gibt es nicht

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