Aufstand unter dem schwarzen Turban

Der Irak war noch nie ein leichtes Pflaster für Besatzungssoldaten. Die Briten können davon ein Lied singen: Kaum hatten sie den aus dem Leichnam des untergegangenen Osmanenreiches herausgeschnittenen Ölstaat in Besitz genommen, mußten sie sich auch schon mit einem Volksaufstand herumschlagen, dem ersten in ihren arabischen Territorien. Das war 1920, und die Aufständischen waren südirakische Schiiten. Muqtada al Sadr sieht sich gern in dieser Tradition, auch wenn die historische Parallele hinkt. Schließlich ist die von ihm angezettelte Erhebung kein spontaner Ausbruch von Volkszorn, sondern ein genau kalkulierter Schachzug im Kampf um die Machtverteilung im Zweistromland nach dem Abzug der US-geführten Invasionstruppen. Bitterer noch als die hohen Verluste der vom Aufstand kalt überraschten Besatzungsarmee muß für die Verantwortlichen die Einsicht sein, daß der unabhängige „neue“ Irak in jedem Fall anders aussehen wird, als die Grüntischler im Pentagon und Weißem Haus das ausgerechnet haben: Ob die US-Truppen im Juni, September oder noch später abziehen, ob sie Sadr festsetzen, liquidieren oder mit ihm Frieden schließen – am Ende werden sie aus einer brutalen, aber säkularen arabischen Militärdiktatur einen schiitischen Gottesstaat gemacht haben: aus der Traum vom westlich-demokratischen Musterländle im Mittleren Osten. Damit hat die Kette der US-Versäumnisse, Fehlbeurteilungen und Selbstüberschätzungen im Zuge der Eroberung und Besetzung des Irak ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Schon die Erwartung, die von Präsident Saddam Hussein unterdrückte schiitische Bevölkerung werde winkend und mit Blumengrüßen am Straßenrand stehen, wenn die US-Truppen einmarschierten, war naiv: Die schiitischen Führer erinnerten sich nur zu gut daran, wie US-Präsident George Bush senior sie im zweiten Golfkrieg 1991 erst in den Aufstand gehetzt und dann im Kugelregen der Saddam-treuen Garden hatte stehenlassen. Dem Feldzug des Bush-Sohnes begegneten sie mit abwartendem Mißtrauen. Die demokratische Inszenierung eines „Regierungsrats“ durch den US-Zivilverwalter Paul Bremer wurde von der Mehrzahl der Schiiten in der unausgesprochenen Erwartung mitgetragen, aufgrund der Bevölkerungszahl werde ihnen die Macht ohnehin zufallen. An Drohungen für den Fall, daß die Amerikaner diese Erwartung nicht erfüllen würden, fehlte es nicht. Der Widerstand gegen eine allzu föderale und säkulare Übergangsverfassung war ein Warnsignal: Nach der Machtübergabe würde die schiitische Mehrheit den Irak nach ihren Vorstellungen umgestalten. An der hohen schiitischen Geistlichkeit führt im Irak heute schon kein Weg vorbei. Die schiitischen Mitglieder des Regierungsrates konsultieren in allen wichtigen Fragen die beiden Großajatollahs der Schiiten-Metropole Nadschaf, Muhamad Said al Tabatabai al Hakim und Ali al Sistani. Al Hakim, enger Verwandter des letzten Sommer ermordeten Muhammad Baqir al Hakim und dessen Bruders und aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Abdalziz al Hakim, ließ wenige Wochen vor Losbrechen des Aufstands Klartext sprechen: „Bleiben die Besatzer lange, muß es negative Reaktionen des besetzten Volks gegenüber den Besatzern geben.“ Der Aufstand des radikalen Predigers Muqtada al Sadr wird von den Ajatollahs, die dem theologisch ungebildeten Sohn und Erben des von Saddam ermordeten Großajatollahs Muhammad Sadeq al Sadr skeptisch gegenüberstehen, nicht unterstützt. Aber er kommt ihnen gelegen, weil er den Druck auf die US-geführte Besatzungsmacht erhöht, das Schicksal des Landes in die Hände der „gemäßigten“ Schiiten zu legen. Deshalb zögert Großajatollah al Sistani kalkuliert lange, ein Machtwort zu sprechen und al Sadr zu bremsen. Zu lange darf er ihn freilich nicht gewähren lassen, soll der fanatische Bartträger mit dem Kindergesicht und den stechenden Augen nicht zuviel Ansehen gewinnen und die Machtübergabe am 30. Juni gefährden. Muqtada al Sadr hat für seinen Aufstand den idealen Zeitpunkt gewählt. Die US-Truppen, die erhebliche Kräfte zur Niederschlagung des Sunnitenaufstands im Raum Falludscha gebunden hatten, sind dadurch in einen Zweifrontenkrieg geraten. Klug begründet al Sadr seine Erhebung nicht religiös, sondern mit Appellen an den irakischen Nationalstolz, die auf den Schulterschluß sunnitischer und schiitischer Besatzungsgegner zielen. Offenbar hat er Unterstützung im Ausland – in einer Rede bezeichnete er seine 10.000 Mann starke Miliz als „schlagenden Arm der (libanesischen) Hisbollah und der (palästinensischen) Hamas im Irak“. Ein weiterer Faden führt nach Teheran, das von den Amerikanern wegen seines Atomprogramms unter Druck gesetzt wird. Erst im Februar hatte Staatspräsident Rafsandschani gedroht, Iran habe die Mittel, um das US-amerikanische Schlamassel im Irak noch zu verschlimmern. Durch seinen Aufstand bringt sich Muqtada al Sadr als ernsthafter Spieler im Streit um die Macht im Irak nach Besatzungsende ins Spiel. Zugleich rettet er so seine Organisation, deren Zerschlagung die Besatzungsmacht mit dem Verbot seiner Zeitung und der Verhaftung eines engen Vertrauten in Angriff genommen hatten. Eine Verhaftung des Predigers, gegen den ein Haftbefehl wegen Verdachts auf Beteiligung an der Ermordung des gemäßigten Schiitenführers Abdel Madschid al Choi vor einem Jahr besteht, ist um so unwahrscheinlicher, je länger der Aufstand andauert. Seine Miliz hat al Sadr in seinen „besatzungsfreien“ Hochburgen, der heiligen Stadt al Kufa und dem Bagdader Elendsviertel „Sadr City“, dessen zwei Millionen Einwohner den Vater Sadrs wie einen Heiland verehren, konsequent aufgebaut. Sie ist nicht die einzige schiitische Miliz im Irak. Auch die rivalisierende Partei „Hoher Rat der islamischen Revolution im Irak“ (SCIRI) unterhält ihre Badr-Brigaden. Weil die US-Besatzungsmacht den Kurden ihre Peschmerga nicht nehmen wollte, verzichtete sie auf die ursprünglich geforderte Auflösung aller Milizen. Zieht sie nicht wie vereinbart am 30. Juni ab, droht ihr ein allgemeiner Aufstand der Schiitenmilizen. Für den Fall ihres Abzugs stehen die potentiellen Bürgerkriegsarmeen schon hochmotiviert unter Waffen. Für die USA zeichnet sich das Scheitern einer Mission ab, die der Oberbefehlshaber voreilig für erfüllt erklärt hat. Nicht nur Senator Edward Kennedy, prominenter Mitstreiter des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry, verkündet, der Irak sei „Bushs Vietnam“. Auch Bush-treue Medien üben sich in Skepsis. Zwar ist der Irak-Krieg weder an Opferzahlen noch an Dauer bislang dem Indochina-Desaster vergleichbar. Die Wahl scheint zunehmend, entweder mit einem oder zwei blauen Augen herauszugehen oder ein „Vietnam in the sand“ zu riskieren. Vielleicht hätten die US-Amerikaner ihren Gefangenen Saddam Hussein fragen sollen, wie man den Irak regiert. „Es gibt keine loyalen Iraker“, soll der einmal lachend festgestellt haben, als man ihm einen Polizeioffizier als ergebenen Diener des Regimes vorstellte. Die US-Besatzer, scheint es, sind gerade dabei, diegleiche Erfahrung zu machen. Mancher im Weißen Haus wünscht sich im stillen wohl wieder einen schnauzbärtigen Diktator, mit dem man einfach nur Ölgeschäfte machen könnte, statt sich mit intriganten Großajatollahs und eifernden Predigern herumzuschlagen. Der Zug ist freilich abgefahren. Foto: Kundgebung für den irakischen Schiitenführer al Sadr: Statt Saddam Hussein nun intrigante Großajatollahs und eifernde Prediger

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