Die publizistische Luft wird wieder dünner

In den vom Kommunismus unterworfenen Ländern hat es über Jahrzehnte keine „konservative“ Publizistik geben können. Wenn schon „linke“ Publikationen, die nicht ins totalitäre Bild paßten, erbarmungslos unterdrückt wurden, so traf das erst recht auf liberale, christlich-konservative, nationalbetonte oder gar monarchistische Kräfte zu. Die nicht-linken Kräfte und ihre Publikationen (soweit vorhanden) wurden allerdings noch brutaler unterdrückt, weil das KP-Regime – besonders dort, wo es durch die Rote Armee installiert wurde – in den national-konservativen Kräften eine „unbekehrbare“ und daher nicht erreichbare Macht erkannte. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1990/91 erwarteten die jahrelang im Untergrund abgetauchten konservativen und nationalen Kräfte eine einmalige Chance. Das rote Regime war ja nicht nur durch soziale Unzufriedenheit, sondern auch durch das Aufbäumen des Nationalstolzes und des Nationalgefühls zu Fall gekommen. Damit hatten sich grundlegende Thesen der Konservativen bestätigt. Hinzu kam, daß ein beträchtlicher Teil der führenden Staatsmänner der ersten Stunde Persönlichkeiten waren, die nicht ins westlich-linksliberale Menschenbild paßten, sondern häufig echte „Nationalisten“ waren. Es waren Menschen, denen ihre jahrzehntelang unterdrückte Nation am Herzen lag – wie etwa Vytautas Landsbergis, zuvor Professor der Litauischen Musikakademie, der im März 1990 zum Vorsitzenden des Höchsten Rates der Republik Litauen gewählt wurde. Oder Lech Walesa, Chef der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, der mit den nationalbetonten und von der katholischen Kirche unterstützten Danziger Streiks schon 1980/81 nicht nur die totalitäre, sondern auch die westliche Welt auf den Kopf gestellt hatte. Die schrankenlose Freiheit wich der political correctness Wer nun allerdings erwartete, der Fall des Kommunismus werde zu einer Blütezeit konservativer und nationaler Publizistik in den befreiten Ländern führen, wurde bald enttäuscht. Erstens war den konservativ-nationalen Kräfte im Osten und ihren konservativen Gesinnungsfreunden im Westen Europas gemeinsam, daß sie sich in der modernen Medienwelt schlecht auskannten und daher die Rolle von Presse, Funk und Fernsehen unterschätzten. Zweitens landeten die frisch befreiten Nationen des Ostens und Südostens aus dem Totalitarismus nicht im heißersehnten „Reich der Freiheit“ – sondern bald mitten in der political correctness, in diversen Historikerstreitigkeiten der späten und früher neunziger Jahre. Bald merkten die Neuankömmlinge, daß auch im gelobten Westen die Luft der politischen Sphären ziemlich dünn sein kann. Drittens wandten sich die befreiten Nationen, die im Kampf um ihre Unabhängigkeit beträchtlichen Mut, ja sogar Todesverachtung an den Tag gelegt hatten, den scheinbar ungetrübten Freuden der glitzernden westlichen Konsumgesellschaft zu. Als besonders eklatanten Fall einer solchen Entwicklung könnte man – pars pro toto – Kroatien nennen. In der 1991 unabhängig gewordenen einstigen jugoslawischen Teilrepublik übte der titoistische Kommunismus eine doppelte Unterdrückungsfunktion aus: einmal als Ideologie, die jegliche nicht- oder gar antikommunistische Bestrebung unterband. Zweitens war der Titoismus aber auch ein „Transmissionsriemen“ zur Niederhaltung des „kroatischen Separatismus“. Die Versuche der national-konservativen HDZ-Regierung, sich einen angemessenen Einfluß auf die ab 1990 entstehende kroatische Medienwelt zu sichern, blieben halbherzig und widersprüchlich. Präsident Franjo Tudjman als gelernter Historiker erahnte zumindest die Bedeutung der Medien in der modernen Massen- und (Des-)Informationsgesellschaft. Doch es blieb bei halben Maßnahmen: etwa dem ungeschickten Versuch der bis 1999 regierenden HDZ (Kroatische Demokratische Union), sich die Mehrheit an der größten kroatischen Massenzeitung Vecernji List (Abendblatt) zu sichern. Während die westliche Welt über das „autoritäre Tudjman-Regime“ die Nase rümpfte, verfügte dieses in Kroatien kaum über eine einzige einflußreiche Tageszeitung, die der HDZ „wohlwollend“ gesonnen war. Die Malaise der konservativen Publizistik zeigte sich exemplarisch am Schicksal der in Split erscheinenden Tageszeitung Slobodna Dalmacija (Freies Dalmatien). Vor 1990 ein strammes KP-Blatt, öffnete die Zeitung nach der Wende ihre Seiten auch Kroatisch-Nationalgesinnten. 2001 – ein Jahr nach Amtsantritt der Links-Koalition in Zagreb – kam der „Gegenschlag“, die kryptokommunistischen Kräfte bemächtigten sich handstreichartig der Redaktion (siehe JF 20/01). „Nationalistische“ Autoren wurden diszipliniert oder entlassen. Ähnlich ging es Vecernji List. Mit dem Hereinholen österreichischen Kapitals – des Grazer Verlags Styria – verschärfte sich der linksliberale und kryptokommunistische Einfluß. Der „nationalistische“ Chefredakteur Branko Tudjen und Gleichgesinnte wurden vom Styria-Management gefeuert. Publizistik unter Kontrolle westlicher Medienkonzerne Inzwischen wird die kroatische Medienlandschaft von zwei ausländischen „Machthabern“ bestimmt: dem Jutarnji List (Morgenblatt) unter der Kontrolle des SPD-nahen Essener WAZ-Konzerns und Vecernji List. Daß Vecernji List seit dem Richtungswechsel beispielsweise vom Kölner Deutschlandfunk gern zitiert wird und so indirekt das Medienbild Kroatiens im Ausland mitprägt, paßt ins Bild. Heute ist Kroatien in einer grotesken Situation. Der neue HDZ-Ministerpräsident Ivo Sanader hat zwar vergangenes Jahr die Wahl gewonnen und die von den Postkommunisten dominierte Linkskoalition von der Macht verdrängt, aber er hat unter den Tageszeitungen und im Fernsehen niemand, der ihn auch nur toleriert – von Unterstützung gar nicht zu reden. Ihm bleiben bestenfalls zwei Wochenzeitungen: Hrvatsko Slovo und Fokus. Diese beiden Blätter bringen jene Themen und Meinungen, welche in den „etablierten“ Medien meist unter den Tisch fallen. Während bei Jutarnji List und Vecernji List anläßlich des Wahlsieges von Sanader und seiner HDZ vor allem die „besorgten Stimmen“ zu Wort kamen, lauteten bei Hrvatsko Slovo und Fokus die Schlagzeilen: „Kroatien ist gerettet“ oder „Kroatien hat gesiegt“. Einer der in Split bei der Zeitung Slobodna Dalmacija geschaßten jungen Journalisten, Zoran Vukman, faßt die neue Situation mit den Worten zusammen: „Ivo Sanader, der künftige Premier, weiß, was ihn erwartet. Als Erbe hat er ein moralisch und wirtschaftlich zerfasertes Land erhalten, das mit großen Schulden belastet ist und das erpreßt und gedemütigt wurde, mit verlogenen Talmi-Kulissen, hinter denen nichts steht“. Diese Analyse trifft auch auf fast alle anderen postkommunistischen Länder zu. Der Kampf um Meinungsfreiheit und Gedankenfreiheit – er hat wahrscheinlich jetzt erst richtig begonnen.

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