Sag, wo sind die Männer geblieben Carl Gustaf Ströhm

Sag mir, wo die Männer sind, wo sind sie geblieben?“ So begann die dritte Strophe eines Pete Seeger-Liedes, das Marlene Dietrich in den fünfziger Jahren sang. „Über Gräbern weht der Wind“, lautete die Antwort – der Krieg hatte die Männer verschlungen, auf die die Frauen und Mädchen vergeblich warteten. Und dann folgte die Frage: „Wann wird man je verstehen?“ Dieses Lied kam mir in den Sinn, als ich neulich die osteuropäischen Entwicklungen rekapitulierte, die zum Fall der Berliner Mauer und zum Sturz des Kommunismus führten. Doch wo sind die handelnden Personen geblieben, die vor über einer Dekade die ost- und mitteleuropäische Politszene beherrschten? Wie aus dem Verborgenen tauchten damals faszinierende, manchmal sogar große Persönlichkeiten auf, die der Entwicklung ihrer Staaten und Nationen den Stempel aufdrückten. Es waren damals schon Männer, die so gar nicht in das übliche westliche Klischee vom „Berufspolitiker“ passen wollten. Da war der im Westen – gerade wegen seiner Nicht-Anpassungsfähigkeit – viel geschmähte Kroate Franjo Tudjman. Er war Historiker, ehemaliger Partisan und nationalbewußter Kroate, der die historischen Dimensionen der Tragödie seines und der anderen Völker instinktiv und intellektuell erfaßte: ein Mann, mit dem man stundenlang über die Geschichte Mitteleuropas sprechen konnte – und der zugleich einen erfolgreichen Abwehrkampf gegen die groß-serbischen Invasoren führte! Tudjman starb in den letzten Tagen des 20. Jahrhunderts – und heute ist sein Land in mancher Hinsicht nicht mehr wiederzuerkennen. In Ungarn war es der erste nichtkommunistische Ministerpräsident József Antall: ein außergewöhnlicher Mann, der Moskau zum Gratis-Truppenabzug aus seinem Lande bewegen konnte, ohne daß die Ungarn – wie die Deutschen – horrende Summen bezahlen mußten. Auch er, ein hochgebildeter Mann, starb schon 1993 im Alter von erst 61 Jahren. In Estland prägte der polyglotte, sprach- und geschichtskundige Staatspräsident Lennart Meri den Stil der Politik. Von ihm stammt die ihm von Kanzler Helmut Kohl und anderen Etablierten übelgenommene Formulierung, Deutschland sei eine „Canossa-Republik“ und eine „Republik der Reue“. Von ihm stammt auch der Satz, viele behaupteten, der Kommunismus sei tot – aber noch niemand habe seine Leiche gesehen. Meri lebt als politischer Pensionist in seiner estnischen Heimat. Václav Havel, Janez Jansa oder Vytautas Landsbergis – die Liste der „verschwundenen“ Männer der ersten Stunde ließe sich beliebig fortsetzen. Und schließlich ist auch der bekannteste Dissident des Ostens, der russische Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, nicht mehr „gefragt“. Statt dessen beherrscht ein neuer Typ von Politikern die osteuropäische Bühne: Es sind oft stromlinienförmige, zumeist jüngere Herren (und Damen), die sehr schnell die politisch korrekten Vokabeln gelernt haben und die verstehen, daß man sich den großmächtigen Apparaturen anpassen (und unterwerfen) muß. Die heroischen Jahre des Kampfes um die Freiheit sind für sie nur noch Vergangenheit – heute ist weniger Charakterfestigkeit als vielmehr Anpassung gefragt. So ist es wohl kein Zufall, daß die Helden der ersten Stunde so rasch von den Bühnen verschwunden sind. Das aber ist der Grund, warum mir das Dietrich-Lied einfiel: „Sag mir, wo die Männer sind …!“

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