Politische Attentate haben hier Tradition

Westliche „Balkan-Experten“, von denen die meisten weder der Sprachen noch der Geschichte dieses Raumes mächtig sind, beeilten sich, den am 12. März ermordeten serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic als großen Demokraten und Reformer zu betrauern. Dieser Mann hätte Serbien in den Westen, in die EU und in den Fortschritt führen können. Doch Serbien, das orthodoxe und tief in byzantinisch-orientalischen Traditionen und Denkweisen verwurzelte Land, war niemals „Westen“ und wird es auf absehbare Zeit nicht sein. Der 50jährige Zoran Djindjic, der ein Zögling der Frankfurter Schule und des Jürgen Habermas war, ist einerseits eine äußerlich „westliche“ Erscheinung gewesen. Er sprach ein gutes Deutsch – und dennoch war auch er zutiefst in den „Balkan“ verstrickt. Sein jähes Ende war „balkanisch“ – politische Attentate haben in Serbien Tradition. „Joschka Fischers Mann in Belgrad“ Bis heute sind die Umstände seiner Ermordung ungeklärt. Trotz massiver Attentatsdrohungen und eines mißlungenen Anschlags mit einem Lkw, der im Februar in die Autokolonne des Regierungschefs hineinraste, gab es für Djindjic keinerlei verstärkten Personenschutz. Schlimmer noch: auf dilettantische Weise (oder war es gar Absicht?) ließ man ihn in eine Art Sackgasse hineinfahren, auf deren Rückseite sich ein leerstehendes mehrstöckiges Gebäude befand. Aus diesem Haus fielen die tödlichen Schüsse. Das Gebäude war offensichtlich nicht durchsucht und gesichert worden. Warum? Die westlichen Lobeshymnen auf den toten Djindjic können nicht verbergen, daß er wohl der erste serbische Regierungschef gewesen ist, der in Deutschland mehr Popularität genoß als im eigenen Vaterland. In Belgrad wurde er als „nemacki covek“ – als „deutscher Mensch“ bezeichnet. Dies aber ist angesichts der deutsch-serbischen Vergangenheit im 20. Jahrhundert nicht gerade ein Kompliment. Auffallend ist auch, daß die serbischen Behörden bereits Stunden nach dem Mordanschlag genau über Täter und Hintermänner Bescheid zu wissen schienen. Es sei der berüchtigte „Zemun“-Klan des Mafioso Milorad Lukovic (Spitzname: „Legija“ für Fremdenlegion) gewesen. Einige hundert Personen wurden verhaftet, der Ausnahmezustand über das ganze Land verhängt. Ein Gebäude des Klans wurde vorsorglich demoliert – wobei sich zeigte, wie wenig in Serbien von einem Rechtsstaat die Rede sein kann. Die Konzentration der Fahndung auf das organisierte Verbrechen sollte aber offensichtlich davon ablenken, daß in Wirklichkeit politische Motive im Spiel waren. Weite Kreise der nationalbewußten Serben nahmen Djindjic übel, wie er den Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic an das Haager Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert hat. Dies war eine traumatische, zutiefst demütigende Erfahrung, auch für jene, die Milosevic ablehnend gegenüberstanden. Was im Westen als kühne Reformprojekte von Djindjic gefeiert wurde, erscheint vielen Serben als Kette von Demütigungen und Frustrationen. Die Serben zogen 1990/91 in den Angriffskrieg gegen die slowenischen, kroatischen und bosnischen „Separatisten“ in der Hoffnung, wenn schon nicht Jugoslawien, dann wenigstens Groß-Serbien zu retten, das bis vor die Tore der kroatischen Hauptstadt reichen und den größten Teil der Adriaküste kontrollieren sollte. Statt dessen erlebten die bewaffneten Serben nur Niederlagen. Der Versuch, wenigstens das Kosovo mit Gewalt bei Serbien zu halten, endete mit dem Nato-Angriff 1999. Das Massaker von Srebrenica, wo 7.000 moslemische Männer massakriert wurden, brachte das Faß zum Überlaufen. Heute ist Serbien so reduziert und amputiert wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter osmanischer Herrschaft: das „Paschatum Belgrad“. Es war pikanterweise die Ex-FDJ-Zeitung Junge Welt, die Djindjic als „(Joschka) Fischers Mann in Belgrad“ bezeichnete und enthüllte, daß der serbische „Hoffnungsträger“ kein Kind von Traurigkeit war, wenn es galt, politische Konkurrenten – etwa seinen Rivalen Vojislav Kostunica – auszuschalten. Noch im Juli 2002 schloß der inzwischen zum Premier avancierte Djindjic Kostunicas Demokratische Partei Serbiens aus der Regierungskoalition DOS aus. Den 21 Kostunica-Abgeordneten wurden gleich auch die Mandate aberkannt und mit Djindjic-Anhängern neu besetzt. Die Junge Welt dazu die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, die unter dem Deckmantel von deutsch-serbischen Städtepartnerschaften 1999 aktiv den Machwechsel in Belgrad vorbereitet habe. Djindjic soll damals enge Kontakte zur Ebert-Stiftung, aber auch zum „PR-Berater“ und Lobbyisten Moritz Hunzinger unterhalten haben. Als Präsidentschaftskandidat wurde zunächst der gemäßigte National-Serbe Kostunica präsentiert. In einem Gespräch mit der Hunzinger-Information AG sagte Djindjic, man habe beim Sturz Milosevics jemand gebraucht, „der beim ganzen Volk Autorität besaß“. Seit langem konnte man in Belgrad hören, der kühne Taktiker Djindjic unterhalte selber Kontakte zur politischen Unterwelt. Seine Frau Ruzica habe ihn, wie Djindjic später erklärte, sogar ermutigt, mit dem angeblichen Attentäter Lukovic-Legija Verbindung aufzunehmen – der zugleich Chef der „Roten Barette“, einer in Unterweltaktivitäten verstrickten Elite-Polizeitruppe war. Frau Ruzica soll ihren Mann auch gewarnt haben, daß „Legija ihn früher oder später umbringen werde“. Letzte Woche hat sich das auf schreckliche Weise bewahrheitet. Die westlichen „Sozial-Ingenieure“, die den Balkan mit Hilfe von Leuten wie Djindjic ummodeln wollen – ohne Rücksicht auf Mentalität, Geschichte und Traditionen – sollten sich fragen, ob sie „ihren Mann in Belgrad“ nicht zu viel zugemutet und damit genau das ausgelöst haben, was sie verhindern wollten. Die Nachfolge tritt jetzt Djindjics Vertrauter aus der Demokratischen Partei, Ex-Innenminister Zoran Zivkovic, an. Ob er Serbien vor dem schleichenden Chaos bewahren und die Staatsautorität wiederherstellen kann, bleibt fraglich.

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