Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Neurotisch

Über den Fall Hohmann zu schreiben, ist schwierig – ihn auf den Punkt zu bringen, fast unmöglich. Dafür hat die Affäre zu viele Facetten. Ein Aspekt ist der miserable, hysterische Journalismus, der hier wieder einmal praktiziert wurde. Man konnte fast stündlich verfolgen, wie Hohmanns Rede so lange verkürzt und verdreht wurde, bis am Ende die erwünschte Schlagzeile herauskam: CDU-Politiker verharmlost den Holocaust. Etwas anders näherte sich der Spiegel dem Thema. Hier ging es primär um die Abrechnung mit einem Politiker, der das Holocaust-Mahnmal ablehnt, der Friedrich Merz gegen Paul Spiegel verteidigt hat, der dem verstorbenen Erzbischof Dyba nahestand, der den rechten Flügel der CDU repräsentiert. Tangiert wird nicht zuletzt auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden. Ich mußte in diesen Tagen daran denken, wie entspannt dieses Verhältnis einmal war – und zwar bis in die siebziger Jahre. Ich war damals Autor der von William S. Schlamm herausgegebenen Zeitbühne. Abends saßen wir gerne im Grill des Münchener Hotels Conti, wo Schlamm abzusteigen pflegte, und debattierten endlos über deutsche Politik und deutsche Souveränität. Daß er Jude war, wurde nicht einmal unterbewußt wahrgenommen. Es spielte keine Rolle. „Der moderne Jude“, schrieb Schlamm einmal und hätte damit Michel Friedman meinen können, „hat sich einflüstern lassen, Konservatismus sei nicht eine der durchaus möglichen und dezenten menschlichen Haltungen, sondern eine moralische Erkrankung. Und um so fehlurteilen zu dürfen, bringen moderne Juden zunächst immer wieder die automatische Gleichsetzung von ‚rechts‘ und ‚antisemitisch‘ zustande.“ Womit wir wieder im heutigen Deutschland wären, bei seiner Heuchelei, seiner Feigheit, seinem Mangel an Streitlust. Fehlt diesem Deutschland nicht vielleicht, um Schlamm noch einmal zu zitieren, jüdischer Skeptizismus gegenüber weltlicher Macht, jüdischer Trotz gegenüber Konformismus? Schlamm, der ein brillantes Deutsch schrieb, hätte möglicherweise Hohmanns rhetorische Begabung bemängelt, aber er hätte Hohmann nie einen Antisemiten genannt. Er hielt es für ein Unglück der Juden und ihrer Freunde, „daß sie dem neurotischen Konzept von einer jüdischen Verschwörung ihr eigenes neurotisches Bild von einer antisemitischen Verschwörung entgegenstellen“. Wären wir heute so frei und unverkrampft, wie Schlamm das postulierte, dann wäre Martin Hohmann wohl kaum auf die Idee gekommen, seine Rede in Neuhof am 3. Oktober zu halten. Dr. Bruno Bandulet ist Herausgeber des „DeutschlandBriefes“ und des Finanzdienstes „G&M“.

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