„Alteuropäisch und das mit Stolz“

Die Nachmittagssonne gleißt auf die lackierten Dachziegeln, solche, die niemals Patina anlegen werden. Frisch gepflanzte Thujabäume stecken die Grundstücksgrenze des Ein-Familien-Neubaus ab und bieten noch keinen Sichtschutz. Der Mann mit rotem Gesicht über weißem Bauch schaut wieder und wieder über den Rand seiner Lektüre und bestaunt kopfschüttelnd, was da in langen Reihen schwarzgewandet, in Knobelbechern oder hochhackigen Lederstiefeln am Gartenfleckchen vorbeipilgert. Dabei ist das Leipziger Wave-Gotik-Treffen längst Tradition: Zum zwölften Mal bereits trifft sich hier die Schwarze Szene, um über das lange Pfingstwochenende die Stadt zu verdunkeln. Jahr für Jahr finden sich hier aus ganz Deutschland und darüber hinaus Freunde dunkler, gern „neoromantisch“ titulierter Klänge, morbider Lyrik und mittelalterlichen Ambientes zusammen, um gänzlich baseballkappen- und jeansfrei vier Tage und Nächte der Dunkelhälfte des Lebens, der mystischen Welt, dem Bizarren zu frönen. Man ist unter seinesgleichen, gewissermaßen. Die Schrift (Eintrittskarten, Programmheft, Weltnetzseite) ist gotisch, die Sprache deutsch. Es gibt weder bands noch artists, auch sind keine locations ausgewiesen, man ist alteuropäisch und das mit Stolz. Daß das Pfingsttreffen ein Phänomen ohnegleichen ist, merkt der barbäuchige Häuslebauer auch daran, daß die erwartete nächtliche Randale ausbleibt. Die Schwarzen pflegen Haltung zu wahren – im allgemeinen jedenfalls. Heftige Sommergewitter am Freitag und Sonntag verwandeln den Zeltplatz an der Agra-Halle in Markkleeberg kurzzeitig in ein Schlammfeld. Die Besitzer einer Obsorgekarte zu 85 Euro – Eintritt zu sämtlichen Veranstaltungen eingeschlossen – dürfen zentral parken und auf großem Feld kampieren. Komfortabel ist das freilich nicht, Ruhe kehrt hier zu keiner Stunde ein, die ersten betten sich gegen Mitternacht, die letzten feiern noch bis sechs Uhr früh und werden dann wiederum durch lärmende Frühaufsteher gestört, die zum Absinthfrühschoppen aufbrechen. So mancher findet am Morgen ein Häuflein Erbrochenes vor seinem Zelteingang vor. Nicht immer glückt eben die Haltung. Ernsthaft trübt das keinem hier die Laune, die Schwarzen sind ein friedliebendes Volk. Bevor zum Abend hin die gefragteren Konzerte beginnen, läßt es sich in den Messehallen auf dem Agra-Gelände gut zwischen den Ständen flanieren, einen moderigen Patchouli-Duft als Räucherware oder Parfüm erwerben, Runenmagisches, kultischen Schmuck oder Lederstrapse und Korsagen für die nachmitternächtliche Fetisch-Party. Räucherware, Lederstrapse, Feuerräder, Midgardschlangen Aufrecht, fast starr sitzt die Dame in der Straßenbahn, das enge Korsett erlaubt es nicht anders. Die blutroten Lippen werden gespitzt, und mißbilligend zuckt eine der sorgfältig zum Strich gezupften und eingefärbten Augenbrauen, als der Saum des samtenen Kleides unter klobige Schnürstiefel gerät. Der Rockteil des perlenbesetzten Gewandes läßt sich nicht raffen, ein Reif spannt ihn weit in den Raum. Das Schloßfräulein ohne Lächeln hat die schwarzgefärbten Haare kunstvoll hochgesteckt, von der Stirn bis zum Nacken wurde ein Rand ausrasiert. Dort schlängelt ein tätowierter Lindwurm. Plappernd steht ein Schülerinnen-Grüppchen im Gang, die Haare rot und schwarz gefärbt und wild toupiert, bedeutungsschwere Symbole mit Henna auf die Arme gemalt, Feuerräder, Midgardschlangen, okkulte Zeichen. Am Lederrucksack der einen baumelt ein heller Teddy aus Frotteestoff mit einem Herzchen auf der Brust. Andere Fahrgäste sind schwerer zu verstehen, das Publikum scheint diesjährig internationaler denn je. Neben Amerikanern sind viele Südeuropäer auszumachen. Rund 19.000 Besucher haben sich diesmal in Leipzig eingefunden, um aus den insgesamt 150 Veranstaltungen das je passende zu wählen. Der Ratschlag der Veranstalter, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wird vom Großteil der Festival-Besucher beherzigt. Hält die Bahn an einer der Zielhaltestellen, flutet es schwarz auf die Straße. Vierzehn Veranstaltungsorte sind es diesmal, von Markkleeberg als Haupt- und Sammelplatz bis nördlich der Stadtmitte wird die Stadt geschwärzt. Düsteres Gewimmel formiert sich im Grün des Clara-Zetkin-Parks zu einer Schlange. Geduldig und diszipliniert harrt man vor der Parkbühne auf Einlaß. Doch am Sonnabend geht hier bereits am frühen Nachmittag nichts mehr: Spätabends werden Blutengel spielen und ein mystisches Feuer- und Lichtspektakel liefern. Vom zeitigen Ansturm des Publikums zur abendlichen Stehplatzsicherung profitieren die Bloodflowerz ebenso wie Bloody, Dead & Sexy, die unter praller Sonne jeweils eine Dreiviertelstunde unter schwarzem Lack und Leder schwitzend ihre Instrumente betätigen. Zum Abend hin wird für den Besucher die Wahl zur Qual. Wer die diesjährig einzige Veranstaltung in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals nicht verpassen will und gleichzeitig die großen Nummern wie Fire & Ice, VNV Nation und Laibach sehen und hören möchte, muß seinen Zeitplan eng takten und in raschem Wechsel durch die Stadt verlegen. Auf dem Parkplatz vor dem Völkerschlachtdenkmal stehen junge Männer, kräftig und kurzhaarig, um einen VW-Bus, zwei am linken, zwei am rechten Außenspiegel, einer hockt drinnen. Auf dem Boden ausgebreitet ein kleiner Kosmetikladen: Puder, Lippenstifte in verschiedenen Farben, Lidschatten, Kajal. Die ungeübte Hand braucht länger, bis das Make-up sitzt. Dann steigt die Gruppe mit schwarzgehöhlten Augen, dunkeln Lippen und bleichen Gesichtern die Treppen zur Krypta hoch. Drinnen tropft es vom steinernen Gewölbe, und wer hochschaut, dem rinnen Linien über das Pudergesicht. Arcana Obscura treten hier auf, meditative Klänge zu klassischen Frauenstimmen, ein wenig ägyptisch klingt das, und ein mitgebrachter Säugling schläft ein auf den Armen seiner Mutter. Das „Haus Leipzig“ in Innenstadtnähe ist Auftrittsort jener Gruppen, die sich unter der Gattungsbezeichnung „Neofolk“ subsumieren lassen, viel Akustikgitarre, viel Trommel. Die ungarischen Cawatana sowie Parzival aus Rußland beeindrucken hier besonders. Wo bei den Magyaren der Mann an der Trommel, gescheitelt und in Uniform, streng geradeaus blickt und immer wieder zwischen den Schlägen die Arme hebt und kreuzt, trommeln zwei Tage später die Russen vornübergebeugt und rastlos mit wilden Haaren, straffen sich dann, legen die Schlegel beiseite, um Standarten mit dem Ordenskreuz emporzuheben. Die Parzival-Lichtscheibe, vom deutschen Plattenverlag Eis & Licht herausgebracht, wandert zugleich dutzendfach über den Tisch des Verkaufsstandes. Nicht Travestie, Androgynität bestimmt das Bild Verglichen mit früheren Jahren fällt auf, daß das Bekennerische fehlt im Äußeren des Publikums. Keine Nietzsche-Zitate prangen diesmal auf Hemden, allein die rückseitige Aufschrift des Death in June-Shirts sorgt für allseitiges Rätselraten: „… der Juni trägt sich selbst!“ Daß das Treffen kommerziell geworden sei, die Besucher sich mehr über Kostüm und Tätowierung definieren denn über gedankenschwere Innerlichkeit und umfassende Weltanschauung, heißt es seit Jahren schon aus dem Mund der altgedienten Szenekennern. „Ist doch alles längst Pop hier. Masse, nichts als dumme Masse. Konsumenten wie überall“, diagnostiziert einer in hellem Hemd und grüner Hose, der sein Schwarz nach innen trägt. Problematisch wird die Situation für ein Pärchen in der Agra-Halle kurz vor Mitternacht, als ein Riesenpublikum fahnenschwenkend zur aufpeitschenden Tanzmusik der britischen VNV Nation tobt. „I’m not afraid!“ ruft der stämmige Sänger immer wieder, und seine Arme zerschneiden in demagogischer Gestik die Luft. Die beiden Gepiercten können das Bekenntis zur Angstfreiheit nicht bejahen, sie fürchten um ihre eigene Haut: Nur eine kurze Kette verbindet den Ohrring des Mädchens mit dem Nasenring des Freundes, und die Körper ringsherum zucken unberechenbar und wild. Die Stunde um Mitternacht dann gehört Laibach, der altgedienten Slowenen-Truppe in priesterlichen Gewändern mit faschistischem Anklang, die aber einmal mehr auf die aus vielen Mündern herbeigewünschte Hymne von der „Geburt einer Nation“ verzichten. Dennoch tobt die Menge. Die Luft steht, Sanitäter bekommen Arbeit. „Das war echt das Beste vom ganzen Treffen“, schwärmt später ein schwitzender Dicker im „Haus Leipzig“ euphorisch, und seine Mundart verrät die Provinz. Per Kontaktlinsen hat er seine Iris zum Verschwinden gebracht, auf den Nacken hat er sich mit Filzstift die satanische 666 schreiben lassen. Ian Read, Frontmann von Fire&Ice, neuerdings Dichter und eine Art Urgestein der Szene, hat sein Publikum mit deutschen Worten verabschiedet: „Wir befinden uns in einer Spiralbewegung abwärts. Wir können jetzt nur noch tapfer sein.“ Das hat viele beeindruckt, und noch Tage später hallt einem das Zitat von hier und dort entgegen. Abschlußtanz Montagabend bis in den Dienstag hinein in der Moritzbastei: Zu hämmernden Industrial-Rhythmen und sogenannter Electronic Body Music, einem frühen Vorläufer des Techno, zucken im Keller leichtbekleidete Körper auf schwerem Schuhwerk, wippen monströse Haarkunstwerke, recken sich Frauenarme in Netzhandschuhen lasziv zur Decke. Nicht immer sind Männlein und Weiblein zu unterscheiden; nicht Travestie, sondern Androgynität bestimmt dann das Bild. Recht statisch ist die Szene insgesamt, erhält wenig Nachwuchs. So trotzt sie den Moden von außen, bunt genug bei aller Schwärze ist sie dennoch. Und also: Nächstes Jahr, gleicher Ort, gleiche Zeit. Foto: Konzertbesucher auf dem Wave-Gotik-Treffen 2002: Die Schwarzen pflegen Haltung zu wahren / Besucherin: Friedliebendes Volk

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