Von der Pflicht zum Du

In dem Städtchen Westerstede im niedersächsischen Kreis Ammerland hat der Gemeinderat jetzt eine sogenannte „Duz-Zone“ eingerichtet. Einwohner und Fremde, die diese Zone betreten, sind gehalten, sich nur noch mit „Du“ und nicht etwa mit „Sie“ anzureden, auch wenn sie sich vollkommen fremd sind und der eine vom anderen nur eine knappe Auskunft will. „Wir können das Du zwar nicht strafrechtlich erzwingen“, erklärte der Bürgermeister bedauernd, „ich möchte alle Mitbürgerinnen und Mitbürger aber doch dringend ersuchen, sich an die Regel zu halten.“ Warum sich in Westerstede plötzlich alle mit Du anreden sollen, ist nicht ganz klar. „Das Du paßt besser zum Plattdeutschen, das bei uns viel gesprochen wird“, sagen die einen. Die anderen sagen: „In der Duz-Zone stehen zwei schöne Brunnen, es ist eine wunderbare Idylle, die durch ein Sie sehr gestört würde.“ Möglicherweise wurden die Westersteder da von irgendwelchen Heimatkundlern oder Tourismus-Experten falsch beraten. Eine Anrede mit Sie ist keineswegs Idylle-feindlich, besonders am Stadtbrunnen nicht, etwa wenn dort ein schönes Mädchen sitzt, mit dem ein Fremder ins Gespräch kommen möchte, frei nach Goethe: „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Ihnen Geleit und Motorradsitz anzutragen?“ Das klingt doch hochromantisch, ist anmutig und läßt viele Möglichkeiten offen. Hingegen ein Du in solch charmanten Situationen führt leicht in grobe, mißverständliche Regionen. „Na, Schnalle, wie wird’s denn mit uns beiden? Kein Bock auf Harley-Davidson?“ Wie klingt denn so was! Nie und nimmer lassen sich die Herzenvaleurs im Umgang miteinander schön säuberlich zwischen Du und Sie aufteilen, dergestalt daß sich im Du Wärme, Zutraulichkeit und spontane Hilfsbereitschaft ausdrücken, im Sie hingegen kühle Distanz, Steifheit und Egoismus. Früher blieben manche Ehepartner oder Kinder in ihrem Verhältnis zu den Eltern ein Leben lang beim Sie, ohne daß Zuneigung und Liebe darüber Schaden nahmen. Im Gegenteil, das Sie zwischen engsten Verwandten und Freunden erwies sich oft als das beste Bindemittel. Und um auch noch dies zu sagen: Plattdeutsch ist keine Sprache, die kein Sie verträgt. Platt hat ehrwürdige Traditionen und kann genauso elegant und weltläufig klingen wie Hochdeutsch, das walte Fritz Reuter und der Norddeutsche Rundfunk. Meine Herren Räte von Westerstede, heben Sie so bald wie möglich Ihre Duz-Zone am Brunnen vor dem Tore wieder auf!

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