Mit dem Colt ins Weiße Haus

Der Mann weiß, was er will: Sollte Michael Badnarik Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, so ließ er wissen, werde er seine Antrittsrede mit umgeschnalltem und geladenem Revolver halten. Indes, die Chancen stehen schlecht: Badnarik ist Kandidat der kleinen Libertarian Party (LP). Im Schatten des Kampfs der Giganten George W. Bush und John F. Kerry mühen sich zahlreiche Kleinstparteien um Aufmerksamkeit zur US-Präsidentschaftswahl. Das Mehrheitswahlrecht marginalisiert unabhängige Kandidaten. Höchst ungewöhnlich, daß ein Einzelkämpfer wie der Milliardär Ross Perot 1992 satte 19 Prozent der Stimmen einfahren kann. Esel und Elefant, die Maskottchen der Demokraten und Republikaner, zertrampeln in der Regel niederes politisches Gewächs. Die LP von Badnarik gehört zu den skurrilen Blüten der politischen Landschaft. Immerhin mehrere hunderttausend Wähler zeichnen traditionell ihr Kreuz bei der leicht sektiererischen Partei. Badnarik verspricht ihnen eine Rückkehr zu traditioneller amerikanischer Freiheit. Ins Visier nimmt er die Vereinten Nationen. Kernige US-Rechte fordern seit jeher einen Austritt, Badnarik verspricht „action“. Eine Woche nach seiner Wahl, konnte man bis vor kurzem auf seiner Webseite lesen, werde er das Uno-Hauptquartier sprengen. Allerdings sollten die Mitarbeiter vorher das Gebäude verlassen. Bald darauf, verspricht Badnarik, werde er die Einkommensteuer abschaffen. Zur Lösung des Problems der überbelegten und von Revolten geplagten Gefängnisse hat er einen praktischen Vorschlag parat: Verurteilte Kriminelle sollten den ersten Monat ihrer Haft rund um die Uhr liegend im Bett verbringen. Ihre Muskeln würden langsam abgebaut, den Wärtern viele Mühen erspart. Die 1971 aus der Taufe gehobene LP hat durchaus eine konsistente Philosophie. Sie fordert maximale Autonomie für den Bürger, Freiheit von Bürokraten, Steuerhäschern, Gedankenwächtern und politisch korrekten Schulmeistern, gleichzeitig tritt sie für Drogenliberalisierung, freie Abtreibung und Schwulenehe ein. Die Partei kritisiert Bushs Krieg im Irak, die Einschränkung von Freiheitsrechten durch den „Patriot Act“, eine angeblich drohende Kontrolle von Handfeuerwaffen. Doch die Demokraten seien keinen Deut besser, heißt es in Badnariks Fernsehspots, in denen Bushs und Kerrys Köpfe zu einer einzigen teuflischen Fratze verschmelzen. Die Mehrzahl der Libertären sitzt im Schoß der republikanischen Partei und prägt deren Wirtschafts- und Sozialpolitik. Bekannteste Adresse der etablierten Libertären ist das seit 1977 bestehende Cato-Institut in Washington. Eine kleine Minderheit der Libertären dagegen hält zur Libertarian Party. Die Konsequenz, mit der die US-Libertären ihren freiheitlichen Ansatz verfolgen, ist geradezu atemraubend. Geistig überregulierten Europäern ist ihre Mischung aus Steuerverweigerung und Sezessionismus, Waffenfestigkeit und moralischem Relativismus schwer vermittelbar. Wie so oft liegen auch bei der Libertarian Party Genie und Wahnsinn nah beisammen. Der hoffnungsvolle Aufbruch verhedderte sich im Zuge der Nachwirkungen von 1968 im ideologischen Gestrüpp der Kulturrevolution. Politiker der LP saßen bald in einem Zelt mit Hippies und Aussteigern, sexuell Befreiten und LSD-Erleuchteten. Die merkwürdige Allianz aus Linksanarchisten und Rechtslibertären wirkte nur auf wenig Wähler anziehend. John Hospers, erster Präsidentschaftskandidat der LP und im Hauptberuf Philosophieprofessor der Universität von Southern California, scheiterte grandios. Seitdem fristete die Partei ein Schattendasein. Bei den Präsidentschaftswahlen 1996 und 2000 warb Harry Browne um enttäuschte Republikaner. Er kam auf magere 0,5 beziehungsweise 0,36 Prozent der Stimmen. Doch Browne, wie sich herausstellte, war nicht nur ein Freigeist, sondern auch freizügig im Umgang mit Parteigeldern. Nach Recherchen der Zeitschrift Liberty steckte der Kandidat 1996 bei einem Gesamtbudget von 1,4 Millionen Dollar ganze 8.840 Dollar in die Wahlwerbung. Den Rest der Finanzen verschlangen Brownes Reisen und Beraterverträge mit Freunden. Dieses Jahr schienen die Sterne der LP günstiger zu stehen. Erstmals seit langem interessierten sich größere Medien für die eigenwillige Truppe. Zudem glaubte man endlich vorzeigbare Kandidaten gefunden zu haben: Hollywood-Produzent Aaron Russo, der 1998 in einer republikanischen Vorwahl zum Gouverneur von Nevada respektable 26 Prozent errungen hatte. Oder Radiomoderator Gary Nogan, der ein flottes Mundwerk führt. Allein, das Schicksal wollte es anders. Aus einer Laune heraus katapultierten die rund 700 LP-Delegierten den völlig unbekannten Paradiesvogel Michael Badnarik an die Spitze. Bald darauf verschwanden von dessen Webseite die provokanten Ansichten zu UNO und Gefangenentherapie. Badnarik, abgebrochener Meeresbiologie- und Chemiestudent, hat nach eigenen Angaben bislang in verschiedenen Kernkraftwerken sowie der Montage des Stealth Bombers gearbeitet. Später zog er nach Texas, der dortigen liberaleren Waffengesetze wegen. Mit der Justiz steht der 50jährige im Dauerkonflikt. Er fährt gerne Auto, weigert sich aber, die für den Führerschein nötigen Fingerabdrücke abzugeben. Strafzettel der Polizei ignoriert er grundsätzlich. An der Seite Badnariks kandidiert Richard Campagna für das Amt des Vize-Präsidenten. Der Anwalt mit einem Doktorgrad vom „American College von Metaphysical Theology“ hat sich als juristischer und psychologischer Berater für Transsexuelle hervorgetan.

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