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Gottschalk und die Folgen

Es waren die politischen Fernseh-Aufreger der spätenachtzigerund frühen neunziger Jahre: Auftritte rechter Politiker vorderKamera.Durch die ersten Wahlerfolge der Republikaner und der DVU bei Landtagswahlen rückten die Vertreter dieser Parteien – allen voran die Vorsitzenden Franz Schönhuber und Gerhard Frey – nicht nur ins öffentliche Interesse, sondern auch vor die Objektive der Fernsehka- meras. DieobligatorischenAuftritteder rechten Parteivertreter an den Wahlabendenwurden stets von Rangeleienund Schmährufen begleitet, gelegentlich wurde ein Fernsehstudio belagert. Das alles war aber nichts gegen die Aufregung, die die Republik erfaßte, als sich Thomas Gottschalk des Themas annahm. Seit diesem Tage – dem 8. Januar 1992 – ist der Dampfplauderer des deutschen Fernsehens auffallend schmallippig, wenn er aufgefordert wird, sich zu politischen Themen zu äußern. Diese für den Moderator ungewöhnliche Zurückhaltung hat ihren Ursprung in einem Medienskandal, den die jüngsten Wahlerfolge von DVU und NPD undvorallem diemit unter äußerst schräge Begleitmusik in den Medien wieder in Erinnerung riefen. Wie heute auch stellten sich damals die Medien die Frage, wie sie mit rechten Parteien und Politiker umgehen müssen, ohne in den Verdacht zu geraten, deren Sache zu befördern. Eine Frage, die im Zusammenhang mit der PDS übrigens nur selten gestellt wurde und die sich eigentlich für einen Journalisten überhaupt nicht stellen dürfte: Berichtet wird über Ereignisse und Menschen, die wichtig sind. Und das ist der Fall bei einer Partei, die in einen Landtag gewählt wurde. An dem für Thomas Gottschalk so unerquicklichen Abend im Januar1992 war der damalige Republikaner-Vorsitzende Franz Schönhuber zu Gast in der „Late Night Show“ des Moderators auf RTL, einer ziemlich erfolglosen Vorläufersendung der Harald-Schmidt- Show. Der Auftritt zu nachtschlafender Zeit war ein Triumph für Schönhuber und ein Desaster für Gottschalk. So sahen es zumindest in den folgenden Tagen die Medien und die öffentliche Meinung. Gottschalk war nicht in der Lagegewesen,die ihm von der Medienöffentlichkeit zugeschriebene Rolle des Enthüllers auszufüllen und gewissermaßen den „Biedermann“ Schönhuber als geistigen Brandstifter zu entlarven. Der Meister des belanglosen Plauderns erwies sich dem erfahrenen Journalisten und charismatischen Politiker, dern icht plaudern wollte, sondern für seine politischen Vorstellungen warb, als völlig unterlegen. Gottschalk als Politik-Tal-ker – eine Fehlbesetzung. Ebensogut hätte man Sabine Christiansen ein Fußballspiel kommentieren lassen können. Schönhuber war zu dieser Zeit, als Sabine Christiansen noch Erich Böhme hieß und dessen Dauergäste noch Heiner Geißler und Norbert Blüm statt Guido Westerwelle und Otto Schily, in zahlreichen Talkshows dabei – nicht nur aufgrund der Wahlerfolge seiner Partei. Schönhuber wurde auch eingeladen – und eben nicht der in den Medien wenig vorteilhaftwirkende Gerhard Frey -, weil er gut reden konnte, charmant war, ja fast weltmännisch auftrat. Daß manch einer sich ein ganzklein wenig (manche auch etwas mehr) vor dem wortgewandtenRepublikaner-Füh-rer fürchtete, machte die Sache nur noch interessanter. Vielleicht wird im Rückblick der 8. Januar 1992 daher als AnfangvomEnde der Republikaner bezeichnet werden. Denn nach diesem für Schönhuber so erfolgreichem (zu erfolgreichem) Auftritt vor einem Millionenpublikum war vorbei mit den Einladungen, konnte Schönhuber seine Ausstrahlung in den Mediennicht mehrausspielen.Das lustvolle Gruseln der Fernsehmacher schlug um in panischeAngst. Schönhuber taug- nicht länger zum Enfant terrible der Talkshow-Szene, denn er hatte einen entscheidenden Fehler begangen: Er hatte sich den Journalisten für einen Augenblick überlegen gezeigt und einen der „Ihren“ politisch bis auf die Knochen blamiert. „Dabei hatte ich Gottschalk geraten, sich gut auf die Sendung vorzubereiten“, sagt Schönhuber heute. Vor diesem Hintergrund wird das viel kritisierte Verhalten der TV-Mode-ratoren am Abend der Landtagswahlen Brandenburg und Sachsen verständlicher (JF 40/04). Bettina Schausten (ZDF) und Sylvia Peuker (ARD), die NPD-Mann Holger Apfel das Wort abschnitten, sind dafür von ihren schreibenden Kollegen bis hin zur taz heftig kritisiert worden. Grund für das Verhalten der Moderatorinnen war mit Blick auf den „Fall Gottschalk“ weniger die Angst, daß die Rechten mit ihren übers Fernsehen verbreiteten Äußerungen neue Wähler rekrutieren könnten, sondern vielmehr die Furcht, daß man den pauschal als „Populisten“ bezeichneten rechten Politikern nicht gewachsen sein könnte. Wenn Sabine Christiansen von einem charmanten Gregor Gysi an die Wand geredet wird – was soll’s. Wenn aber beispielsweise der – zugegeben etwas unwahrscheinliche – Fall eintreten sollte, daß Holger Apfel Maybrit Illner mitten in Berlin ziemlich alt aussehen läßt und die Talkshow ebenso geschickt nutzen würde, um für die Politik der NPD zu werben, wie es Politiker jeglicher Couleur seit Jahr und Tag für ihre Parteien machen, dann wären Illners journalistische Tage gezählt. Thomas Gottschalk konnte sich 1992 gerade noch retten. Aber auch nur, weil er so nett lächeln kann – und um den Preis politischer Zurückhaltung. Daherist die Ankündigung vonChristiansen und Illner, keine Parlamentarier von NPD und DVU einzuladen, aus ihrer Sicht nur konsequent. Seit dem Medienbann gegen Schönhuber waren die Fernsehsender selten in die Verlegenheit gekommen, über eine Einladung an rechte Politiker nachzudenken. Kitzelte es dann doch einmal, half man sich mit Jörg Haider aus, der alleine dreimal in Sendungen von Erich Böhme eingeladen wurde – landesweite Aufregung inklusive. Nach den Wahlerfolgen von DVU und NPD hat sich die Lage nun geändert. Da beide Parteien gleichsam auf derdeutschlandweitenAnti-Hartz-Welle in die Parlamente gespült worden sind, dürfte es für die Verantwortlichen der Fernsehsender schwer werden, ihre Vertreter gänzlichvonjeglicherDiskussionsrunde fernzuhalten. Schließlich drängt sich die Frage auf, was denn NPD und DVU zu den Problemen nun zu sagen haben, denen sie ihre Erfolge letztlich verdanken. Für die Fernsehsender kommt erschwerend hinzu, daß in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit ausnahmsweise nicht in erster Linie das Thema Ausländer mit den rechten Parteien in Verbindung gebracht wird. Mit dem Verweisaufdieses ThemasinddieRech- ten in der Vergangenheit gerne vor die Tür der Studios komplimentiert worden. Zwar hat es Sabine Christiansen gegenüberderZeitschrift Super-Illu dieser Tage noch einmal versucht, indem sie sagte, „wer nur mit ausländerfeindlichen Aussagen sich lautstark Gehör verschaffen will, hat in politischen Talkshows nichts zu suchen“. Doch auch ihr dämmert wohl, daß man sich in Zeiten von Hartz IV auf diesem Wege die ungebetenen Gäste nicht mehr vom Hals halten kann. Christiansens Zusatz, daß sie – wenn sie doch einen Rechten einladen muß – „hart in den Sachfragen und unaufgeregt im Umgang“ sein wolle, provoziert die Frage: Hart in der Sachfrage – nur bei rechten Politikern? Im Gegensatz zu den beiden Polit- Talkerinnen sind sich einige Politiker nicht mehr sicher, ob die bislang beschworene und seit dem „Fall Gottschalk“ weitgehend durchgehaltene „Ausgrenzung“ rechter Politiker in den Medien wirklich der Weisheit letzter Schluß ist. Auch in den Führungsetagen der Sender beginnt man umzudenken. Schon nach der Wahlberichter- stattung hatte es empörte Reaktionen gegeben, gerade auch von Zuschauern, die DVU und NPD ablehnend gegenüberstehen. Zu offensichtlich ist die Gefahr, die Vertreter dieser Parteien durch eine ungerechte Behandlung im Fernsehen zu Märtyrern zu machen. Unterdessen versucht man den Eklat am Wahlabend mit der schlechten Vorbereitung der Moderatorinnen zu entschuldigen. Eifrig wird für die Zukunft Besserunggelobt. Ein Blick zurückzeigt, was von diesen Versprechen zu halten ist: Schon 1992 wurde Thomas Gottschalk mit dem Hinweis verteidigt, sei-ne Redaktion habe ihn schlecht auf das Interview mit Schönhuber vorbereitet.

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