Joachim Kuhs

 

Die unermüdlichen Mühlen des Terrors

Der erinnerte Schrecken soll seine volle Dimension gewinnen. Deshalb jetzt auch auf deutsch der zweite Band des „Schwarzbuchs des Kommunismus“ von Stéphane Courtois und anderen. Der erste Band, 1997 von Laffont in Paris herausgebracht und bereits im Frühjahr 1998 ins Deutsche übersetzt, gehört mittlerweile zu den Standardwerken neuhistorischer Forschung, eine penible, bis zum letzten Detail vorstoßende Chronik der unerhörten Massenverbrechen, die im zwanzigsten Jahrhundert von den Kommunisten im Namen der „Humanität“ und der „Schaffung des Neuen Menschen“ begangen wurden. Der erste Band konzentrierte sich auf die Vorgänge in der Sowjetunion, dem „Vaterland aller Werktätigen“, und wurde in der deutschen Version durch einen von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert geschriebenen Aufsatz über die DDR ergänzt. Der jetzige zweite Band widmet sich – mit gewohnter Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit – der kommunistischen Herrschaft im Baltikum und auf dem Balkan einschließlich Griechenlands und dem zwar Episode gebliebenen, doch nicht weniger terroristischen Regiment der KPI-Partisanen Togliattis in Italien nach 1945. Außerdem gibt es einen längeren Essay von Courtois über die Wirkungsgeschichte des ersten Bandes, speziell bei den Pariser Intellektuellen und in Deutschland, sowie Beiträge von Alexander Jakowlew („Der Bolschewismus, die Gesellschaftskrankheit des zwanzigsten Jahrhunderts“) und Martin Malia („Der Einsatz des Terrors in der Politik“). Auch diese, mehr zusammenfassenden als punktuell dokumentierenden, Arbeiten zeichnen sich durch jene strikte Sachlichkeit und stilistische Trockenheit aus, die schon den ersten Band des „Schwarzbuchs“ so berühmt machten, weil sie so schneidend kontrastierten zur grellen Grausamkeit und Exzeptionalität dessen, was mitgeteilt wurde. Courtois und seine Mitarbeiter kommentieren nicht und predigen nicht, sondern sie schildern Sachverhalte, und zwar nur solche, die sie genau beweisen können, für die verläßliche Unterlagen bereitliegen. Zum großen Teil sind das Protokolle der Verbrecher selbst, die nach der Wende aus den Tiefen der NKWD- und sonstigen Herrschafts-Archive ans Licht traten. Vieles liegt noch im Dunkeln, besonders was den chinesischen, koreanischen, vietnamesischen und kambodschanischen Staatsterror mit seinen Hekatomben von Opfern betrifft. Die seinerzeit genannte Zahl von mindestens achtzig Millionen Toten, die der kommunistische Terror gekostet habe, dürfte bald noch weit übertroffen werden; ein dritter Band wird wohl unabdingbar werden. Kriegsopfer, ob Soldaten oder Zivilisten, werden vom „Schwarzbuch“ nicht mitgezählt, es geht ihm nicht um Krieg, sondern um Terror, speziell um Taten, die von den Kommunisten mitten im Frieden begangen wurden. Der Schreckens-Mechanismus, der da erkennbar wird, ist faktisch stets der gleiche: Irgendein Erster Parteisekretär oder irgendein Politbüro beschließen am Grünen Tisch irgendeine neue Kampagne, etwa die „Vernichtung der Kulaken“, die „Ausschaltung der Trotzkisten“, den „Großen Sprung nach vorn“ oder „Die große Kulturrevolution“, und sofort beginnen die Mühlen des Terrors zu mahlen, werden Menschen verhaftet und zu Tode gefoltert, gedemütigt und zu irren „Geständnissen“ gezwungen, zu Tode gehungert, mit Schauprozessen überzogen oder „administrativ“ per Genickschuß erledigt, und zwar massenhaft, zehntausendfach, ohne jede Rücksicht auf Verluste an geordneten Lebens- und Arbeitsverhältnissen. Sehr deutlich wird auch, gerade im zweiten Band, die kraß imperialistische, antinationale Komponente des Kommunistenterrors. Es ging niemals nur gegen „Klassenfeinde“ und „ideologische Abweichler“, immer auch gegen „unbequeme“ Nationen mit einer Kultur, die sich nicht ins marxistische Dogma einfügen wollte. Ganze Völker wurden weggeführt, aus ihrer Heimat vertrieben, in Wüsten dem Verrotten ausgesetzt oder systematisch versklavt, in Bergwerken oder Tagebauen als Akkordarbeiter „verbraucht“. Sehr aufschlußreich der Blick des „Schwarzbuchs“ auf das Treiben der Togliatti-Partisanen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eng mit den Tito-Partisanen zusammen“arbeiteten“ und in Norditalien ein Blut-Regime errichteten, das seinesgleichen in der Geschichte sucht. Das Losungswort der Partisanenhäuptlinge lautete „Ausrottung“. Ausgerottet wurde vor allem das gehobene Bürgertum, das sich mit Mussolini arrangiert hatte. Wochen- und monatelang hallten in der Po-Ebene nach dem Abzug der Deutschen die Schüsse der Exekutionskommandos, die Schreie der vergewaltigten Frauen, das Triumphgeheul und die Rotfront-Rufe der Mordgesellen. Diese Epoche wird jetzt auch außerhalb des „Schwarzbuchs“ in Italien zunehmend erforscht. Überhaupt fällt auf, wie sehr sich das intellektuelle Klima verbessert, nämlich normalisiert hat. In dem Essay von Stéphane Courtois über die Wirkungsgeschichte seines Werkes kann man nachlesen, mit welchem heute kaum noch vorstellbaren Haß ihn damals, nach Erscheinen des ersten Bandes, die überall in Europa herrschenden Linken überzogen. In Berlin wurde er auf einer Podiumsdiskussion als „Nazi“ beschimpft und mit Sprechchören wie „Nie wieder Deutschland!“ und „Es lebe die Singularität!“ niedergebrüllt. Mit „Singularität“ war die angebliche Einzigartigkeit der während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland begangenen Verbrechen gemeint, die keinem Vergleich ausgesetzt werden dürften, auch nicht einem Zahlenvergleich. Courtois hatte das übrigens gar nicht im Sinn gehabt. Er wunderte sich, und er wundert sich heute noch. Der zweite Band des „Schwarzbuchs des Kommunismus“, schon 2002 (wieder bei Laffont) im Original erschienen, ist ein notwendiges Buch, und er kommt zu uns im richtigen Moment. „Das schwere Erbe der Ideologie“ ist sein Untertitel. Er erinnert daran, daß jede politisch-weltanschauliche Idee oder Weltanschauung, die sich absolut setzt und andere Menschen mit Druck dazu bekehren will, geradewegs in den Terror führt. Foto: Totenschädel ermordeter Kambodschaner im Tuol Sleng Museum: Stets der gleiche Schrecken Stéphane Courtois u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie. Aus dem Französischen von Bertold Galli, aus dem Russischen von Bernd Rullkötter. Piper Verlag, München 2004, 541 Seiten, gebunden, 24,90 Euro

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