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Tolerant und politisch korrekt: Feministische Pornos wollen die Branche verändern Foto: picture alliance/chromorange
Sexfilme

Das Private wird politisch

Das von der Frauenbewegung der 1970er Jahre entwickelte Konzept der „Politik der ersten Person“, wonach das Private politisch sei oder sein sollte, ist inzwischen vom Universitätshörsaal bis zur Dating-App in sämtlichen Winkeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens angekommen. Sogar in Bereichen, in denen man feministische Ideologie wohl am allerwenigsten vermutet hätte. So gibt es seit einiger Zeit Pornofilme, die nach politisch korrekten linksfeministischem Drehbuch produziert werden.

Haben die Frauenrechtlerinnen der Generation Alice Schwarzer mit Aktionen wie der 1987 gestarteten PorNO-Kampagne Sexfilme noch als „Propagierung und Realisierung von Frauenerniedrigung und Frauenverachtung“ gebrandmarkt und für ein Anti-Porno-Gesetz gekämpft, wollen moderne Feministinnen die Industrie im Sinne der eigenen Ideologie verändern.

Ihre These: Es gibt viele Frauen, die zwar gerne erotische Filme schauen, sich aber von dem vorhandenen frauenfeindlichen Angebot nicht angesprochen fühlen. Wäre die nach frauenfreundlichen Pornos googelnde Feministin tatsächlich ein Massenphänomen, würde sie bei ihrer Suche schnell fündig werden.

Forderung nach Filmförderung

Schließich ist die Pornobranche seit jeher vor allem eins: ein knallhart kapitalistisches Geschäft. Die Vorliebe für politisch korrekte Pornos entspricht anscheinend kaum den allgemeinen Vorlieben des Durchschnittskonsumenten. Das wissen auch die Femen-Fetischisten. Sie fordern daher, daß die Filmchen aus ihrer Lieblingskategorie subventioniert werden. So hat zum Beispiel die hessische SPD 2018 auf ihrem Landesparteitag eine Filmförderung für solche feministischen Pornofilme beschlossen.

Doch was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen einem „normalen“ und einem feministischen Porno? Diese und andere Fragen rund ums Thema Pornographie werden in Deutschland mittlerweile auf Hochschulebene erforscht. An der Freien Universität Berlin gibt es neuerdings gar ein eigenes Porno-Seminar. Angeboten werden die „porn studies“ von der 33jährigen Madita Oeming.

Die Wissenschaftlerin hat eine Mission: „Pornos dürfen kein Tabuthema sein. Meiner Meinung nach gehört Porno-Kompetenz sogar als Unterrichtsinhalt an die Schulen“, sagte sie dem Spiegel. In ihren Hochschulkursen lehrt Oeming „zum Beispiel, wie der feministische Porno mit der gängigen Bildsprache bricht. Wir behandeln Pornofilme eben wie die Literaturwissenschaften Romane.“

Die LGBTQ-Community soll vertreten sein

Laut ihren Macherinnen unterscheiden sich feministische von Durchschnittspornos vor allem durch den Verzicht auf den sogenannten „male gaze“, den männlichen Blick, mit dem Frauen nur durch die Augen eines „stereotypischen heterosexuellen Mannes“ gesehen werden. Frauen sollen nicht länger wie Gebrauchsstücke rüberkommen, die immer wollen und alles mit sich machen lassen, während Männer stets können und immer härtere Sexualpraktiken verlangen. Feministische Porno-Regisseurinnen wie die Schwedin Erika Lust wollen mit ihren Filmen „Frauen nicht aus den Pornos holen, sondern sie in die Pornos bringen“, sprich ihnen eine Stimme geben.

Außerdem sollen Menschen mit Behinderung und Übergewicht sowie die Bedürfnisse der „LGBTQ-Community“ nicht zu kurz kommen. Jede Ethnie und soziale Klasse soll widergespiegelt werden. Männer sollen die Möglichkeit erhalten, ihre sexuelle Rolle zu reflektieren, und alle an der Produktion beteiligten Personen (möglichst viele Frauen) sollen zu fairen Konditionen arbeiten. Alles solle ungezwungen und echt sein – auch die weiblichen Orgasmen.

Seit 2006 gibt es die Feminist Porn Awards, eine Art Oscar für gendergerechte Sexstreifen. Der forcierte Trend zum Frauen-Porno ist inzwischen bis nach Hollywood durchgedrungen. Die US-Schauspielerin Bella Thorne versuchte sich jüngst selbst als Porno-Regisseurin und bekam für ihren Kurzfilm „Him & Her“ prompt einen Award der Mainstream-Netzseite Pornhub (über 100 Millionen Aufrufe täglich) zugesprochen.

Es gibt auch eine Gegenbewegung

Andere Online-Plattformen wie NoFauxxx, Bright Desire oder Queerporn TV konzentrieren sich längst auf alternative Hardcore-Streifen. In Freiburg produziert das „fair-feministische“ Startup „Feuerzeug“ vermeintlich „einvernehmliche“ und „nicht gescriptete“ Szenen. Bizarrerweise bezeichnen sich aber auch (ehemalige) Darstellerinnen gewöhnlicher Erwachsenenfilme wie Sasha Grey oder Katja Kassin als Feministinnen.

Ob als durch und durch feministische Version, männerorientierter Mainstream-Sexstreifen oder als Gratis-Amateurclip auf unzähligen Internetseiten, Porno ist in den letzten Jahren immer allgegenwärtiger in unserer Gesellschaft geworden.

Eine Gegenbewegung zu dieser Entwicklung gibt es aus rechtskonservativen patriotischen Kreisen. So raten das Arcadi-Magazin und einige Protagonisten der Identitäten Bewegung dazu, auf Pornographie gänzlich zu verzichten und sich selbst auch nicht mit dem eigenen Partner beim Sex zu filmen. Sie betonen die abstumpfende Wirkung immer heftiger werdender Szenen auf die Emotionen und Sexualvorstellungen der Konsumenten und den damit verbundenen negativen Einfluß auf klassische Partnerschaften. Das Private wird zunehmend politisch.

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