Isabell Horn
GZSZ-Darstellerin Isabell Horn: 6.000 und kein Ende in Sicht Foto: dpa

„Gute Zeiten, schlechte Zeiten“
 

Die Anti-Lindenstraße

In Folge 5.988 thematisierten die Macher von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ die neuerdings stark gestiegene Zahl von Trickbetrügen und Einbrüchen in Berlin: Ein Mann im Overall, der sich als Stromableser vorstellt, verschafft sich Zugang zur Wohnung von Hauptfigur Jasmin Flemming und stiehlt ihren Flachbildschirm. Er versucht es zumindest.

Die aus der Dusche ins Wohnzimmer zurückkehrende Designerin ertappt ihn und verfolgt ihn auf einen U-Bahnhof. In Bademantel und Gummistiefeln. Danach ruft sie in einem U-Bahn-Waggon die Polizei, die sie verbal beknien muß, eine Streife vorbeizuschicken. So weit, so übertrieben, so Seifenoper. Und doch: Dieser Handlungsstrang zeigt, wie sehr sich die Drehbuchautoren bemühen, alltägliche Dinge in ihre Serie einzubauen.

GZSZ ist die erfolgreichste deutsche Seifenoper. Die Vorabendserie, die am Mittwoch zum 6.000sten Mal – und dann in Spielfilmlänge – über den Bildschirm flimmert, wird seit dem 11. Mai 1992 regelmäßig ausgestrahlt. Damals war ein Großteil der heutigen Fangemeinde der Serie noch gar nicht geboren. Es gibt wenige Dinge im RTL-Universum, die mehr Beständigkeit aufweisen als diese Dauerserie. Da kommt noch nicht einmal Günther Jauch heran, dessen Quotenbringer „Wer wird Millionär?“ erst 1999 an den Start ging.

Ein erfolgreiches Stück deutschen Privatfernsehen

Zum Erfolgrezept der Serie gehört, daß sie nicht so angepaßt und politisch korrekt daherkommt wie ihre Konkurrenten, vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Das extreme Gegenbeispiel zu GZSZ ist die ARD-Seifenoper Lindenstraße, die seit 1985 auf Sendung ist und vor Gutmenschentum strotzt. GZSZ ist die Anti-Lindenstraße, ein erfolgreiches Stück deutschen Privatfernsehens. Die GZSZ-Produktionskosten pro Folge liegen Branchengerüchten zufolge mit 60.000 bis 80.000 Euro deutlich unter denen der öffentlich-rechtlichen Lindenstraße (angeblich etwa 180.000 Euro).

Eigentlich ist die Serie unpolitisch. Doch immer wieder fließen aktuelle Ereignisse ins Geschehen ein, wie etwa Steuerhinterziehung, Drogenmißbrauch oder Korruption. Viele der Protagonisten sind politisch korrekt. Homosexuelle sind deutlich überrepräsentiert.

Aber es tauchen auch Figuren auf, die nicht in dieses Schema passen und trotzdem Helden sind. Da ist vor allem Jo Gerner, der von Beginn an zum Interieur der Serie gehört. Er ist ein auf deutsche Verhältnisse zusammengeschrumpfter Bösewicht vom Schlage des „Dallas“-Ölmillionärs J. R. Ewing.

Politisch unkorrekte Botschaften

Geschäftsmann und Waffenbesitzer Gerner fährt gern schnelle Wagen, kandidierte mal für eine Art CDU in Berlin-Mitte als Bezirksbürgermeister und hat für Taugenichtse nur Verachtung übrig. Er verbindet knallharte Profitmaximierung mit einem hohen sozialen Engagement, denn er betätigt sich immer wieder als Mäzen und Wohltäter, was so gar nicht in das Profil des hartherzigen Reaktionärs paßt. Auch andere Figuren transportieren politisch unkorrekte Botschaften: Vor allem die ausländischen Charaktere der  Serie werden von den Drehbuchautoren mit Bezug auf das Tagesgeschehen in die Spur gesetzt.

So knurrte der türkische Kioskbesitzer Tayfun Badak 2011 – mitten in einer Welle von linksradikalen Auto-Brandstiftungen in Berlin – über vermeintliche Feuerteufel „Solche Idioten!“. Seine damalige Freundin Ayla beklagte seinerzeit bei der Suche nach ihrer ersten eigenen Wohnung, sie würde überall hinziehen, „sogar nach Neukölln“, was nicht gerade einer netten Charakterisierung des Brennpunktbezirks gleichkommt.

Zugpferd für RTL

Als mehrere jugendliche Hauptfiguren einmal Ärger mit einer Straßengang hatten, schlossen sie sich zusammen. Sogar der damals im Rollstuhl sitzende Leon Moreno war dabei, als sie sich zur Keilerei mit der Bande trafen – im Dunkeln mit Schlagstöcken bewaffnet. Die Deutschen und die gut integrierten Ausländer gegen eine Gruppe von asozialen Migranten der Marke Intensivtäter. Die Einheimischen vertreiben die Ausländergang schließlich aus ihrem Viertel. Bei zeitgeistigen Drehbuchautoren wäre so eine Handlung und ein solches „Happy End“ undenkbar.

Bei der Zielgruppe kommt GZSZ an. Die Serie ist auch im 25. Jahr erfolgreich, wenngleich die Einschaltquote seit einigen Jahren so wie die von RTL rückläufig ist.
Der Marktanteil des Senders sank laut Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung um vier auf knapp zehn Prozent. Die Einschaltquote von GZSZ sank in dieser Zeit ähnlich stark, lag vor einer Woche bei mehr als zehn Prozent. In der Zielgruppe der 14- bis 49jährigen Zuschauer gar bei 17 Prozent. Sie ist ein Zugpferd und eine Milchkuh von RTL.

Politiker wie Gerhard Schröder oder Klaus Wowereit nutzten die Popularität der Serie und verschafften sich mit ihren Gastauftritten (1998, 2002) Zugang zum jugendlichen TV-Publikum, das sie sonst eher nicht erreicht hätten.

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