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Zum Tod von Günter Maschke: Der freie Renegat

Zum Tod von Günter Maschke: Der freie Renegat

Zum Tod von Günter Maschke: Der freie Renegat

Maschke
Maschke
Günter Maschke (1943-2022) Foto: Dieter Stein
Zum Tod von Günter Maschke
 

Der freie Renegat

Wie jetzt bekannt wurde, verstarb Günter Maschke am Anfang dieser Woche im Alter von 79 Jahren. Damit endete ein Leben, dessen erste Hälfte in politischen Turbulenzen verlief und dessen zweite Hälfte der Existenz eines „Gelehrten ohne Amt“ (Lorenz Jäger) gewidmet war. Was die eine mit der anderen Phase verband, war der Widerwille Maschkes gegen das, was man das „liberale Syndrom“ nennen könnte.

Es war ein Widerwille, der sich anfangs auch aktivistisch äußerte, aber auf die Dauer vor allem analytischen Niederschlag fand. Dazu verwandte Maschke zuerst das, was der Marxismus, dann das, was die europäische Konterrevolution an geistigen Mitteln zur Verfügung stellte. Aber im einen wie im anderen Fall ging es gegen den Liberalismus, „einst eine Epochentendenz, dann eine Partei und schließlich eine die Gesamtgesellschaft durchdringende Stimmung aus Libertinage, Komfortabhängigkeit, Friedensgier, Egoismus und Entpolitisierung, verbunden mit Emanzipationen aller Art“, die zuletzt „alle schützenden Schichten“ aus älteren Epochen abgetragen hat.

Formuliert wurde das Ende der 1980er Jahre in einer Zeit des Übergangs. Da war Maschke längst kein Unbekannter mehr. Am 15. Januar 1943 in Erfurt geboren, wuchs er als Adoptivkind in Trier heran, verließ die Schule nach der Mittleren Reife, absolvierte eine Lehre als Versicherungskaufmann und hörte gleichzeitig bei Ernst Bloch in Tübingen.

„Dutschke von Wien“

Er kam früh in Kontakt mit der „Heimatlosen Linken“, trat in die Deutsche Friedensunion – eine Ersatzorganisation der verbotenen KPD – ein, fand seine politische Heimat dann aber in den Reihen der „Subversiven Aktion“ und später dem „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS), die zu den wichtigen Wegbereitern von „68“ gehörten. Die dramatischen Ereignisse in West-Berlin und der Bundesrepublik liefen allerdings ohne seine Beteiligung ab. Maschke hatte versucht, Wehr- und Ersatzdienst nicht aus Gewissens-, sondern aus politischen Gründen zu verweigern und suchte sich der drohenden Verhaftung durch Flucht nach Paris zu entziehen.

Da Louis Althusser, Schulhaupt der strammen Kommunisten, von revolutionärer Solidarität nichts wissen wollte, kam er über Zürich nach Wien, wo er bald zu den Zentralfiguren der Neuen Linken gehörte. Nach einer Anti-Vietnam-Demonstration wurde der „Dutschke von Wien“ 1967 verhaftet. Ein Sitzstreik seiner Anhänger vor dem Polizeigefängnis verhinderte immerhin die geplante Auslieferung an die Bundesrepublik. Die österreichischen Behörden erlaubten Maschke die Abreise nach Kuba, dem einzigen Staat, der bereit war, ihm Asyl zu gewähren.

Die Armut und der totalitäre Charakter des dortigen Systems behagten Maschke aber nicht (wenngleich er sich eine lebenslange Bewunderung für Castros Widerstand gegen den amerikanischen Hauptfeind bewahrte). Wegen „konterrevolutionärer Verschwörung“ erneut inhaftiert, schob ihn die kubanische Regierung nach Madrid ab. Schließlich kehrte Maschke in die Bundesrepublik zurück und mußte die ausstehende Gefängnisstrafe wegen Fahnenfluchts antreten.

Kontroverse mit Habermas

Nach der Entlassung arbeitete er als Journalist und profitierte von jener Großzügigkeit, zu der das bürgerliche Lager seit je neigt, wenn es darum geht, über linke „Jugendsünden“ hinwegzusehen. Jedenfalls verschaffte ihm Karl Korn eine Stelle im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort räumte man ihm erhebliche Spielräume ein, beobachtete aber mit wachsender Unruhe die Neuorientierung Maschkes, der sich nur kurz irgendwo in der Mitte aufhielt, um dann ein verstörendes Interesse an den Verfemten der rechten Intelligenz zu zeigen.

Bezeichnend für seine allmählich problematischer werdende Lage war die Szene, in der er bis zum Schluß in der Redaktion blieb, um zu verhindern, daß jemand an einem ganzseitigen und recht verständnisvollen Text über den faschistischen Schriftsteller Drieu la Rochelle Änderungen oder Kürzungen vornahm.

Aber 1985, nach einer Kontroverse mit Jürgen Habermas, war seines Bleibens nicht länger. Zwischen beiden gab es eine langwierige Fehde, die Maschke darauf zurückführte, daß er Habermas als Anti-Antiautoritärer und wegen seines notorischen Interesses an der Macht-Frage immer suspekt blieb, während Habermas umgekehrt Maschke attestierte, der einzige „echte Renegat“ der APO gewesen zu sein.

„Frei und gefürchtet“

Dieses Renegatentum war am deutlichsten an der Intensität abzulesen, mit der Maschke sich in den folgenden drei Jahrzehnten zu dem Spezialisten für das Werk Carl Schmitts entwickelte und an die Wiederentdeckung des „reaktionären“ Schrifttums ging. In jener Zeit kultivierte er seine Neigung, „frei und gefürchtet“ (Maschke über Clausewitz) zu leben, spottete über oder brüskierte (fast) jeden, ließ sich von keiner taktischen Erwägung oder pädagogischen Überlegung beeindrucken und konzentrierte seine Energie darauf, immer tiefer in das Geflecht der deutschen und europäischen Geistesgeschichte einzudringen.

Zum Schluß noch das: Von den persönlichen Begegnungen mit Maschke sind mir zwei in lebhafter Erinnerung geblieben. Die erste fand unmittelbar nach dem Tod Schmitts statt. Er kontaktierte mich wegen meines Nachrufs, wir trafen uns am Rande der Frankfurter Buchmesse, gingen gemeinsam zu einer abendlichen Veranstaltung mit Gerd Bergfleth, der in einer linken Szene-Buchhandlung aus seiner „Palavernden Aufklärung“ lesen sollte.

Es war eine merkwürdig erwartungsvolle Atmosphäre, in der Maschke trotz des gescheiterten Projekts eines eigenen Verlages – die kurzlebige „Edition Maschke“ – ganz unverdrossen Pläne schmiedete und gleichzeitig von den jungen Nationalrevolutionären schwärmte, die irgendwo im Ruhrgebiet ihre Pamphlete auf dem Fotokopierer vervielfältigten.

Was folgte, war eine Zeit der Entfremdung, aber zu Beginn des neuen Jahrhunderts begegneten wir uns noch einmal am Rand einer Vortragsveranstaltung. Die Antifa heulte an den Türen, das Häuflein der Hörer im Saal war überschaubar, das Ganze alles andere als eine glänzende Sache.

Aber nach meinem Referat kam Maschke auf mich zu, ganz freundlich, lächelnd, mit seinen stets listig blitzenden Augen, die es schwer machten, zu entscheiden, ob er etwas ernst meinte, und sagte: „Ich glaube nicht, daß es Zweck hat, aber im Grunde kann man es nicht anders machen. Man muß das Richtige immer wieder sagen, immer wieder.“

Günter Maschke (1943-2022) Foto: Dieter Stein
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