Polizisten sichern den Tatort des terroristischen Messerangriffs in London Foto: picture alliance/Capital Pictures
Gewalt im öffentlichen Raum

Europa 2019: Das Messer als Terror- und Alltagswaffe

Am vergangenen Freitag flohen in London und Den Haag Menschen in Panik vor Messerangreifern. In der niederländischen Stadt griff ein Obdachloser Jugendliche mit einem Messer an und verletzte drei von ihnen. Das Motiv für die Tat ist auch Tage später noch unklar. Im Gegensatz dazu soll es sich bei der Attacke in der englischen Hauptstadt um einen Terroranschlag handeln.

Der als Islamist bekannte und wegen eines geplanten Anschlags vorbestrafte Usman Khan tötete mit Messern zwei Menschen und verletzte weitere. Daß es nicht noch mehr Opfer gab, ist dem mutigen Eingreifen mehrerer Passanten zu verdanken.

Dabei spielten sich skurrile Szenen ab. Ein Mann attackierte Khan mit dem Stoßzahn eines Narwals, den er von der Wand eines historischen Gebäudes riß. Ein anderer Passant hielt den Messerstecher mit einem Feuerlöscher von weiteren Angriffen ab. Schließlich gelang es, den Islamisten zu überwältigen. Die später eintreffende Polizei erschoß ihn, weil er eine Bombenattrappe trug, die sie offenbar für echt hielten.

Messerangriffe nehmen zu

Abseits derartiger Terrorangriffe und Amoktaten schafft es die steigende Messergewalt immer seltener in die Schlagzeilen. Zu alltäglich ist sie geworden. Ausgerechnet in Großbritannien, wo seit Jahren per Gesetz gegen das Tragen von Klingen und spitzen Gegenständen vorgegangen wird, steigen die Fallzahlen jedoch. Allein im vergangenen Jahr verzeichnet die Statistik für England und Wales 40.000 Angriffe mit Messern, berichtete der Spiegel. Vier von zehn Mordopfern in den beiden Ländern starben demnach durch Messerattacken. „Die bösen Jungs halten sich nicht an die Regeln“, kommentierte ein Polizist, der anonym bleiben will, gegenüber der JUNGEN FREIHEIT das Phänomen.

Auch wenn sich die Londoner Passanten, die in den Medien als Helden gefeiert werden, selbst in Lebensgefahr brachten, hätten sie „gut reagiert“, so der Beamte. Auf diese Weise seien weitere Todesopfer vermieden worden. Gerade der Mann mit dem Feuerlöscher habe es richtig gemacht, indem er dem Angreifer durch das Einnebeln die Sicht und Luft genommen habe. In den sozialen Medien kursiert ein Video, das die entscheidenden Sekunden zeigt.

Auch in Deutschland steigt die Zahl der Messerattacken. Zwar gibt es noch keine bundesweite Statistik von Straftaten, bei denen Messern zum Einsatz kommen, doch die Daten einiger Bundesländer belegen eine Zunahme. Im September berichtete die ARD über steigende Messerattacken in Baden-Württemberg, Berlin und Thüringen und verwies auf Erkenntnisse der jeweiligen Innenministerien. In Baden-Württemberg stieg demnach die Zahl von 5.255 Fällen 2013 auf 6.073 im vergangenen Jahr. In der Hauptstadt nahm die Zahl im gleichen Zeitraum von 2.512 auf 2.795 zu. In Thüringen waren es im Vorjahr 989 Fälle, 286 mehr als noch fünf Jahre zuvor.

Polizisten belegen extra Kurse zur Messerabwehr

Die Zahlen decken sich auch mit der Erfahrung des Polizisten aus Norddeutschland. Die Täter setzten dabei auf alle Arten von Messern. „Vom Taschenmesser, dem Küchenmesser über das Cuttermesser ist alles dabei.“ Die besondere Gefahr von Angriffen mit diesen Waffen liegt laut dem Beamten darin, daß sie oft ohne Anzeichen erfolgen. „Man hat kaum Zeit zu reagieren.“ Er selbst sei innerhalb von gut einem Jahr vier mal im Einsatz mit Messern angegriffen worden.

Um besser auf diese Gefahr reagieren zu können, habe er privat bereits mehrere Kurse zur Messerabwehr belegt, erzählt der Polizist. Zwar reagiere die Polizeiausbildung mit mehr eigenen Trainings auf die Situation auf den Straßen, aber die freien Kurse seien besser strukturiert. „Die Trainer haben dort mehr Zeit, auf den einzelnen Teilnehmer und seine Fragen einzugehen.“

Auch ein anderer Gesetzeshüter aus einer deutschen Großstadt gibt gegenüber der JF an, schon solche Kurse besucht zu haben. Das liege auch daran, daß er in seiner Ausbildung „null auf solche Situationen vorbereitet wurde“. Zwar werde den Polizeischülern vermittelt, ihre Dienstwaffe zu ziehen, wenn sie mit einer Klinge bedroht werden. „Aber viele Kollegen haben Hemmungen zu schießen.“ Sie fürchteten auch eine Ächtung durch die Politik, gibt er zu.

„Die Grünen sind fern jeder Realität“

Dabei spielt auch der Fall aus Würzburg aus dem Sommer 2016 eine Rolle. Die Grünen-Politikerin Renate Künast kritisierte die Sicherheitskräfte damals, daß sie den islamistischen Terroristen, der zuvor mit einer Axt und einem Messer in einem Zug fünf Reisende verletzt hatte, nicht kampfunfähig geschossen hatten.

„Die Grünen sind fern jeder Realität“, sagt der norddeutsche Polizist. „In so einer Streßsituation muß man es erstmal schaffen, den Angreifer beispielsweise ins Bein oder die Schulter zu treffen. Das ist für Sondereinsatzkräfte möglich. Aber für einen Streifenbeamten ist das nicht machbar.“

Skepsis gegenüber Waffenverbotszonen

Von der im Zusammenhang mit Messergewalt immer wieder aufflammenden Diskussion um Waffenverbotszonen halten die beiden Beamten nichts. Derartige Forderungen seien populistisch, so der eine. „So werden die ehrlichen Menschen gezwungen, ihr Taschenmesser zu Hause zu lassen“, pflichtet ihm der andere Polizist bei. Er erinnert wieder daran, daß die Kriminellen sich ohnehin nicht an die Gesetze hielten. Einen Täter mit der Absicht, andere Menschen zu verletzten oder zu töten, werde eine Waffenverbotszone nicht von seinem Vorhaben abbringen.

In London waren glücklicherweise beherzte Passanten zur Stelle, die den Terroristen mit unkonventionellen, improvisierten Waffen und Mut stoppten. Ihre Zivilcourage rettete wahrscheinlich Menschenleben.

Polizisten sichern den Tatort des terroristischen Messerangriffs in London Foto: picture alliance/Capital Pictures

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