Cover der Vanity Fair: Aus Bruce wird Caitlyn Foto: picture alliance/Photoshot
Identitätswechsel

Alles nur Konstrukte

Zwei Meldungen aus den USA scheinen die Ingenieure der menschlichen Seele, die Staat, Gesellschaft, Geschlecht und Persönlichkeit für Knetmassen halten, ins totale Recht zu setzen. Rachel Dolezal, eine – wie man glaubte – schwarze Bürgerrechtsaktivistin und Professorin für Afrikastudien, stellt sich in ihrem Ursprung als ein blondes, blauäugiges, sommersprossiges Mädchen mit deutschen, schwedischen und tschechischen Vorfahren heraus. Sie hatte sich einen schwarzen Vater angedichtet, den Teint eingedunkelt, die Haare gefärbt, künstlich verlängern lassen und kraus gemacht. Auf den Vorwurf des Betrugs antwortete sie, daß sie eben von klein auf schwarz gefühlt habe.

Die zweite Meldung betrifft Bruce Jenner, den Olympiasieger von 1976 im  Zehnkampf. Jenner ist Ehemann, mehrfacher Vater und war 1982 auf dem Titelblatt der Zeitschrift Playgirl abgebildet: eine männliche Sex-ikone, an deren entblößten Oberkörper sich eine junge Frau schmiegte. Nun ist Jenner auf der Titelseite von Vanity Fair zu sehen: mit wallender Haarpracht, geschnürt und gegürtet als Eiserne Lady der Frauenemanzipation, die als Caitlyn angesprochen werden will. Die/der transsexuelle Jenner hat eine regelrechte Geschlechtsumwandlung an sich vornehmen lassen.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Während Jenners Entschluß große Zustimmung fand – sogar Präsident Obama sah sich veranlaßt, Caitlyn zu ihrem mutigen Entschluß zu gratulieren –, wurde Dolezal kritisiert, weil sie sich eine Diskriminierungsgeschichte angemaßt habe, die durch eigene Erfahrungen und Erlebnisse nicht gedeckt sei. Doch es werden auch Gemeinsamkeiten hervorgehoben: Die Fälle bestätigen angeblich, daß Geschlecht, Hautfarbe beziehungsweise Rasse lediglich soziale Konstrukte sind, die je nach Lage dekonstruiert und neu definiert werden können.

Vom Mann zur Frau, von Weiß zu Schwarz

In Wahrheit bezeugen sie in unterschiedlicher Weise das Gegenteil. Jenner hatte das Gefühl, als Frau im falschen Körper eingesperrt zu sein, wie es auch gefühlte Männer gibt, die sich im Frauenkörper wiederfinden. Da nützte es auch nichts, daß Jenners Körper besonders attraktiv war und die Frauen – gewiß auch manche Männer – ihm zu Füßen lagen.

Der Sexus widersprach dem körperlichen Anschein in so schmerzhafter Weise, daß er endlich die soziale Identität mit der sexuellen Determiniertheit in Übereinstimmung bringen wollte und dafür sogar das Risiko auf sich nahm, den Körper umzumodellieren. Er hat also keine freie Wahl getroffen, sondern seiner Triebstruktur gehorcht, die sich eben nicht durch sozialen Zwang besiegen ließ. Er repräsentiert allerdings nur einen Extremfall, dessen Häufigkeit im Promillebereich liegt.

Der Fall der Rachel Dolezal ist etwas anders gelagert. Sie ist mit fünf Geschwistern – darunter vier schwarze Adoptivgeschwister – aufgewachsen. Während des Studiums soll sie einen schwarzen Bekanntenkreis gehabt und dessen Sichtweise übernommen haben. Sie verklagte freilich auch ihre Universität, weil sie sich als Weiße diskriminiert fühlte.

Ihre Karriere als Dozentin und Bürgerrechtlerin aber baute sie auf der erfundenen schwarzen Herkunft auf und präsentierte zur Beglaubigung sogar rassistische Drohbriefe, deren Herkunft allerdings zweifelhaft ist. Mit ihrer Familie hatte sie schon vor Jahren gebrochen. Jetzt machten die Eltern ihre wirkliche Identität öffentlich. Ihre Mutter meinte im Fernsehen, daß sie psychologische Hilfe benötige.

Persönlicher Wahn trifft auf kollektives Flagellantentum

Die braucht sie bestimmt, doch zeigt der vergleichbare Fall des eingebildeten Holocaust-Opfers Binjamin Wilkomirski, daß sie ins Gegenteil umschlagen kann. Der Schweizer Wilkomirski, der in Wahrheit Bruno Dössekker heißt, hatte 1995 das Buch „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ mit vermeintlichen Erinnerungsfragmenten veröffentlicht. Er behauptete, aus Lettland zu stammen, jüdischer Herkunft zu sein und als Kind durch verschiedene KZs – darunter Auschwitz und Majdanek – geschleppt worden zu sein.

Nach dem Krieg sei er als Waisenkind in die Schweiz gekommen, wo er adoptiert und gleichzeitig gezwungen worden sei, seine traumatischen Erfahrungen zu unterdrücken und zu verschweigen. Das Buch wurde ein großer Erfolg und in neun Sprachen übersetzt.

In Wahrheit ist Dössecker das uneheliche Kind einer Schweizerin und bei einem Zürcher Arztehepaar aufgewachsen. Seine offenbar schmerzhaften Erfahrungen versuchte er unter dem Einfluß von Therapeuten dadurch zu verarbeiten, daß er sie zum großangelegten Identitätsraub stilisierte und als allgemeine Anklage gegen die Schweizer Gesellschaft richtete. Vor dem Hintergrund der gerade aufgeflammten Diskussion um eine humanitäre Ignoranz der Schweiz im Zweiten Weltkrieg war die Holocaust-Travestie dafür das sicherste Mittel: Der persönliche Wahn traf auf ein kollektives Flagellantentum.

Machtergreifungsstrategie feministischer Akteure

Auch Rachel Dolezal hat sich, um eigene Probleme zu bewältigen und öffentliche Wirkung zu erreichen, den herrschenden Opferkult und eine kollektive Neigung zur Selbstbezichtigung zunutze gemacht. Diese gesellschaftlichen Tendenzen hängen mit der Verunsicherung der europäisch geprägten Länder über die eigene Identität zusammen. Die Bindekraft von Religion, Nation und kultureller Tradition lassen als Folge absinkender Macht, von Modernisierung, Internationalisierung und quälender Selbstreflexion immer mehr nach.

Seit Sigmund Freud und dem Kinsey-Report von 1948 ist notorisch, daß auch der Sexus mancherlei Schattierungen kennt. Die fällige Ausdifferenzierung aber wird nun zu der steilen These zugespitzt, daß Identitäten gar nicht existieren respektive nur soziale Konstrukte zur Befestigung überholter Machtverhältnisse sind.

Es fällt auf, daß die Dekonstruktionen stets auf die Identitätsmuster der westlich-europäischen Welt sowie auf die Geschlechterpolarität zielen, die als Ausdruck europäisch-weißer und männlicher Diskursmacht angeprangert werden. Es handelt sich um eine Machtergreifungsstrategie feministischer und nicht- beziehungsweise antieuropäischer Diskursakteure. Was ihnen jedoch fehlt, sind vernünftige Argumente und Alternativen.

Identitätsmuster lassen sich soziologisch auch als „Basisgewohnheiten“ (Arnold Gehlen) beschreiben, welche die Motivations- und Kontrollenergien entlasten. Die so freigesetzten Energien richten sich auf die höheren Funktionen des intellektuellen und moralischen Lebens und ermöglichen die großen Kulturleistungen. Die Leistungen der Identitätszertrümmerer sind hingegen parasitärer Natur. Die wichtigste besteht im Ausbau des Kontroll- und Verwaltungsstaates mit seinen Frauen-, Ausländer- und Antidiskriminierungsbeauftragten und in der Beschneidung der individuellen Freiheiten. An diesem Punkt muß die Gegenwehr ansetzen!

JF 27/15

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