Markus Krall Freiheit oder Untergang
Hebamme
Eine Hebamme bei der Arbeit: Kein Thema für deutsche Frauenrechtlerinnen Foto: picture alliance / ZB

Haftpflicht
 

Rettet die Hebammen

Der Berufsstand der freiberuflichen Hebammen steht gerade vor dem Aus, der Aufschrei deswegen bleibt hingegen aus. Es ist ein faktisches Berufsverbot, das sich anbahnt. Wie zahlreiche andere Berufsgruppen sind auch Hebammen gezwungen, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen, sonst dürfen sie nicht arbeiten. Nachdem sich die zu zahlenden Beiträge in den vergangenen Jahren etwa verzehnfacht haben, hat nun die Nürnberger Versicherung, über die der Hebammenbund eine Gruppenversicherung anbietet, angekündigt, ab 2015 diese Leistung einzustellen. Ohne Versicherung aber keine Arbeitsmöglichkeit, also Berufsverbot.

In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2000 kostete die Haftpflicht einer Hebamme 404 Euro jährlich, im Jahr 2014 sind es 5.091 Euro, ab 2015 gibt es gar keine Versicherung mehr. Betroffen sind Tausende, die es jetzt schon schwer haben, mit ihrer Tätigkeit über die Runden zu kommen. Viele haben schon aufgegeben. Ab 2015 müssen sie ihren Beruf einstellen, wenn die Politik sich nicht endlich bewegt.

Schadensfälle in Millionenhöhe

Daß die Beiträge so gestiegen sind, liegt übrigens nicht an der in der Regel sehr guten Arbeit der Hebammen, im Gegenteil, die Zahl der Schadensfälle ist sogar rückgängig. Gestiegen sind aber die Summen, die die Versicherungen pro Fall zahlen müssen, bei dem während der Geburt ein Kind zu Schaden kommt oder mit einer bleibenden Behinderung geboren wird. Während Versicherungen früher nur im sechsstelligen Bereich Leistungen auszahlen mußten, sind es inzwischen Millionensummen, die fließen. Also weniger, aber teurere Fälle. Dieses Kuriosum läßt man nun die Hebammen ausbaden – oder auch die Mütter, denn ihre Versorgung steht auf dem Spiel.

Protest an einer Hebammenpraxis: Hausgeburten werden unmöglich Foto: picture alliance / dpa
Protest an einer Hebammenpraxis: Hausgeburten werden unmöglich Foto: picture alliance / dpa

Seit Wochen demonstrieren bereits Hebammen und Eltern bundesweit immer wieder. Der Landtag in Stuttgart befaßte sich diese Woche ebenfalls mit dem Problem, und man war sich hier ausnahmsweise einmal fraktionsübergreifend einig, daß gehandelt werden muß. Dies kann allerdings nur Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in die Wege leiten, damit die Versicherung und damit die Berufsausübung dieser Frauen möglich wird. Schöne und verständnisvolle Worte sind von anderen Politikern vereinzelt zu hören, doch nun ist Handeln angesagt.

Hausgeburten werden unmöglich

Betroffen sind auch die sogenannten Beleghebammen, die werdende Mütter sich während der Schwangerschaft aussuchen können und die dann gerufen werden, wenn es soweit ist und die solange bleiben, bis das Kind da ist. Geburtshäuser stehen vor dem Aus, Hausgeburten werden unmöglich. Nur noch die festangestellten Hebammen in den Krankenhäusern werden arbeiten können. Hier entwickelt sich allerdings eine ganz neue Problemlage. Denn bundesweit werden immer mehr Geburtsabteilungen in Kliniken geschlossen. Schwangere müssen also immer weitere Wege fahren, wenn die Wehen kommen, nur um dann in überfüllten Abteilungen zu landen.

Da will unsere Familienpolitik also einerseits mehr Kinder im Land, gleichzeitig wird die angemessene Versorgung der Mütter aber gefährdet. Verstehen muß man das nicht. Fallen die freien Hebammen weg, so fällt auch die Vor- und Nachsorge zu Hause nach der Geburt aus. Zwar haben Mütter dafür einen Anspruch gegenüber der Krankenkasse, dieser ist allerdings schon heute manchmal nicht das Papier wert, auf dem er steht. Denn schon jetzt ist es in Großstädten oder dünn besiedelten Gebieten fast unmöglich, eine Hebamme zu finden, die sich der Schwangeren annimmt.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier einfach nur Geld gespart werden soll – auf Kosten der Mütter. Die Fragen und Sorgen der Schwangeren bleiben. An wen sollen sie sich wenden? An Kinderärzte? Sie sind erst nach der Geburt zuständig. An Gynäkologen? Sie sind für das Medizinische zuständig und vor allem an einem interessiert: alle Risiken zu benennen, um sich rechtlich abzusichern. Das trägt nicht gerade zur Beruhigung werdender Mütter bei, sondern eher zu deren Belastung.

Kein Thema für deutsche Frauenrechtlerinnen

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen „frau“ einfach nur guter Hoffnung war. Da immer mehr im relativ hohen Alter gebären, sind sie in der Regel allein schon deswegen „Risikoschwangere“ und deswegen vom ersten Tag an einer Vorsorgemaschinerie unterworfen, die wenig Raum läßt für Sorglosigkeit. Hebammen sind hier die wirklichen Profis – es gibt keinen weiblichen Nervenzustand, den sie nicht kennen und wieder ins Lot bringen.

Darstellung einer Hebamme von Eucharius Rößlin: Das Wissen rund um die Geburt lag schon immer in weiblicher Hand Foto: Wikipedia
Darstellung einer Hebamme von Eucharius Rößlin: Das Wissen rund um die Geburt lag schon immer in weiblicher Hand Foto: Wikipedia

Das Thema scheint allerdings kaum aufregend genug für deutsche Frauenrechtlerinnen zu sein, denn aus dieser Ecke hört man nichts zur Unterstützung von Hebammen – und Müttern. Aktuell wird stattdessen wieder die Frauenquote diskutiert, oder man beschäftigt sich lieber mit einem statistisch hochgerechneten Lohnunterschied zwischen Mann und Frau. Und das, obwohl hier gerade eine weibliche berufliche Domäne zusammenbricht. Die ist aber leider nicht neben einem Vorstandssessel angesiedelt, sondern am Wochenbett, deswegen fällt der feministische Aufschrei aus. Uraltes Wissen von Frauen für Frauen. Das Wissen rund um die Geburt lag schon immer in weiblicher Hand.

Hebammen sind wichtig. In der Regel sind sie die ersten, die uns in den Händen halten, wenn wir geboren werden. Sie helfen den Müttern durch eine der wertvollsten Erfahrungen, die man machen kann als Frau – jetzt müssen wir ihnen helfen, um sie zu behalten.

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Birgit Kelle ist Journalistin und Vorsitzende des Vereins Frau 2000plus sowie Mitglied der New Women for Europe.

JF 14/14

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