Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs in Berlin Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa
Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Hitler, Sarrazin und Harry Potter

Mit etwa 85.000 Mitgliedern ist die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) – seit 2018 offiziell „Wissen. Bildung. Gemeinschaft“ – nach eigenen Angaben eine der größten Buchgesellschaften für Sachbücher und wissenschaftliche Literatur in Europa. Gegründet 1949, nur wenige Jahre nach dem Krieg, war es das Ziel der WBG, „das verbrannte oder sonst unerreichbar gewordene Schrifttum in Deutschland“ zurückzubringen.

Schätzungsweise 25 Millionen Bände waren laut dem Historiker René Schlott durch den Krieg in deutschen Bibliotheken zerstört worden. „Von ganzen Epochen unserer Geschichte sind die unmittelbaren Zeugnisse deutscher Kultur zerstört. Gleichzeitig wurde ein großer Teil des deutschen wissenschaftlichen Buchbestandes in öffentlichen Bibliotheken, Verlagen, Antiquariaten und Zehntausenden von persönlichen Bibliotheken vernichtet. Der deutsche Verlagsbuchhandel kann die riesige Lücke in der nächsten Zeit nicht schließen“, begründeten die Initiatoren der WBG deren Gründung.

„Rassistische oder frauenverachtende Meinungen

Knapp siebzig Jahre später hat die WBG ein weiteres Anliegen für sich entdeckt: Neben dem Zugänglichmachen von Literatur, dem Verlegen und Vertrieb von Büchern, will die Buchgesellschaft nun auch Haltung zeigen – und zwar durch das bewußte Nichtverbreiten bestimmter Werke. Denn, so die WBG, manche Bücher können auch gefährlich sein.

„Wir alle wissen“, schreibt der Kommunikationschef der Buchgesellschaft, Tom Erben, im aktuellen Monatsmagazin der WBG, „Bücher können die Welt verändern, zum Guten wie zum Schlechten. Das zeigt die Geschichte von der Bibel über Luther und Marx bis hin zu Hitler und, ja: auch Harry Potter.“ Aus diesem Grund habe man sich entschieden, zwei Titel aus der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste nicht ins Angebot aufzunehmen. Sie sind somit über die WBG nicht bestellbar.

Zur Begründung heißt es, die beiden Bücher würden „rassistische oder frauenverachtende Meinungen verbreiten“. Erben nennt keine Titel oder Autoren, doch ein Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste zeigt schnell, um welche beiden Werke es geht: Thilo Sarrazins „Feindliche Übernahme“ und die autobiographischen Ratgeber „Das ist Alpha!“ des Skandal-Rappers Kollegah.

Wer entscheidet, welche „die richtigen“ Bücher sind?

Thilo Sarrazin: „Feindliche Übernahme“. Jetzt im JF-Buchdienst bestellen

Wer Sarrazin in die Suchmaske auf der Internetseite der WBG eingibt, erhält zur Antwort: „Bei uns ist dieses Buch nicht erhältlich.“ Bei der Suche nach Kollegah erscheint der Hinweis: „Bei uns nicht erhältlich.“ Zur Erläuterung wird auf eine kritische Rezension von „Das ist Alpha!“ in der Süddeutschen Zeitung verwiesen.

Bei den WBG-Mitgliedern stößt die Bevormundung unterdessen nicht auf einhellige Begeisterung, wie ein Blick in die Kommentarspalten unter dem nicht bestellbaren Sarrazin-Buch zeigt. Von „Zensur“ ist da die Rede und von einer „politisch-korrekten Meinungsdiktatur“. Ein Kommentator fragt zudem, ob bei der WBG nur noch „die richtigen“ Bücher erhältlich seien und wer denn eigentlich entscheide, was „richtig“ sei? „Wo ist die Grenze zur Zensur, wo zur Meinungsfreiheit? Eine Klarstellung der WBG wäre wünschenswert.“

Bei der Buchgesellschaft hingegen will man sich auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT nicht weiter zu dem Boykott sowie der Kritik an der Entscheidung äußern. Darüber könne und wolle man keine Auskunft geben. Im Novembermagazin schreibt Kommunikationschef Erben lediglich, die WBG verbiete oder zensiere keine Bücher.

Sarrazin weist Vorwürfe zurück

„Wir verbreiten jedoch nur Bücher, die auf wissenschaftlich fundierter Information basieren, um eine qualitative Diskussion überhaupt erst zu ermöglichen. Wo das Gespräch endet, endet die Demokratie. Aber Hetze und Haß sind keine Gespräche, sondern Demagogie.“ Wer das anders sehe, solle es die WBG wissen lassen.

Sarrazin hingegen wirft Erben vor, sein Buch über den Islam nicht gelesen zu haben. Durch sein Verhalten blamiere der WBG-Kommunikationschef so eine einst sehr angesehene Institution, sagte der Bestseller-Autor der JF. „Kritik am Islam ist nicht rassistisch, auch enthält mein Buch keine Frauen verachtenden Äußerungen, kritisiert allerdings Frauen verachtende Tendenzen im Islam.“

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs in Berlin Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

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