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Fawwaz Haddad
 

„Ab 2014 gibt es kein Syrien mehr“

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Fawwaz Haddad im Gespräch Foto: Billy Six

„Was in meinem Land derzeit passiert, hat unsere schlimmsten Erwartungen übertroffen“, sagt Fawwaz Haddad (geb. 1947) mit Blick auf Syrien. Vor sechs Monaten hat er, der als einer der bedeutendsten Autoren arabischer Gegenwartsliteratur gilt, „die besetzte Stadt“ Damaskus Richtung Katar verlassen.

„Ich wollte Abstand gewinnen“, sagt er heute bei seinem Deutschland-Besuch. „Schreiben bedeutet für einen Schriftsteller Leben – alles andere ist der Tod.“ Um das Sterben dreht sich auch sein jüngstes Buch, das gerade frisch unter dem deutschen Titel „Gottes blutiger Himmel“ im Aufbau-Verlag erschienen ist.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zu einer abendlichen Buchlesung geladen. Rund 120 Zuhörer sind gekommen. Alles dreht sich um die tragische Familiengeschichte eines syrischen Vaters mit linker Vergangenheit, der seinen Sohn an die Al Qaida im Irak verliert.

Er macht sich auf die Suche – nach seinem Sprößling, aber auch nach der unbequemen Wahrheit. Im Wahnsinn des Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten beginnt er zu realisieren, daß er damit gescheitert ist, die Werte von Sozialismus und Säkularismus weiterzugeben. Fawwaz spannt einen politischen Bogen. Er erläutert, wie Unerreichbarkeit der arabischen Einheit und Untergang der Sowjetunion dazu geführt hätten, daß die Orient-Jugend nun „alle Fragen auf eine religiöse Ebene“ stelle.

Grundsatzdebatte um den Dschihad

Vater und Sohn treffen aufeinander. Es entbrennt die zentrale Grundsatzdebatte um den Dschihad, den Heiligen Krieg im Islam. Sprach der Prophet von der „Verbesserung des Ichs“ oder darüber, mit der Kalaschnikow in der Hand als Märtyrer vor Allah zu treten?!

In jedem Falle fehlt es nicht an der obligatorischen Amerika-Kritik: Die Geschichte berichtet ebenfalls über einen US-Soldaten, der eine angebliche Form des christlichen Dschihad ausführt – mit dem Ziel, so viele Muslime wie möglich zu töten. „Beide Seiten glauben, in einem heiligen Krieg für Gott zu kämpfen und beide sprechen die gleiche haßerfüllte Sprache“, so Haddad, der mithilfe dieses Aspekts vom Wesen des Blutvergießens wegführt – einem Kampf zwischen Muslimen unterschiedlicher Konfession.

„Entscheidendes Signal wird von den USA kommen“

In der anschließenden Diskussion findet Fawwaz denn auch klare Worte zu den salafistischen Brigaden des Syriens-Krieges: „Der Westen hat die Fundamentalisten selbst zu verantworten!“ Im Gegensatz zu anderen Umbruchstaaten habe der Westen im Falle Syriens „von Anfang an aufs Regime gesetzt“. Diese Einschätzung entspricht nicht dem Kenntnisstand deutscher Leser, wird aber tatsächlich von den Menschen im Aufstandsgebiet geteilt.

Gleiches trifft zu auf den Gedanken vom „großen Spiel“ – einer durch USA und Israel betriebenen Verschwörung. „Neben einem jüdischen Staat“, so Fawwaz, „wird es bald einen alawitischen, sunnitischen, kurdischen und drusischen Staat geben – dann wird Israel nicht mehr allein stehen.“ Sollte der Westen nicht doch noch seine Politik grundlegend ändern, „um das Töten zu stoppen“, sei bereits im nächsten Jahr der syrische Staat Geschichte.

Als Ergänzung zu der authentischen arabischen Präsentation mit erhobenem Zeigefinger und lauter Stimme gesellt sich schließlich noch ein ruhiger Vortrag von Dr. Heinrich Kreft, im Auswärtigen Amt zuständig für Kulturdialog. Er beschreibt eine traditionelle Ausrichtung Syriens auf Deutschland – im Gegensatz zu den Golfstaaten, die sich auf den angelsächsischen Raum konzentriert hätten.

„Syrien war Schwerpunkt von Kultur- und Bildungsaustausch“, so Dr. Kreft, der darauf verweist, daß seit 2008 jährlich 60 Syrer für ein „Master“-Studium nach Deutschland eingeladen worden seien. „Die Beziehungen haben sich gerade in den letzten Jahren intensiv entwickelt.“ Was den Fortgang der Auseinandersetzungen in der Levante anbelangt, so zeigt sich der Diplomat wenig optimistisch. Der Bürgerkrieg im Libanon von 1975 bis 1990 habe gezeigt, daß am Ende der status quo ante stehe. Es sei zynisch, aber möglicherweise müßten die Konfliktparteien erst ausbluten, bevor ein Dialog möglich werde.   

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