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Ostsee, Wernher und Raketen

Zwei Tage Ostsee in Trassenheide auf Usedom. Immer noch kühle Vorsaison. Die Verkäuferin in der Fischbrötchenbude klamm, die Touristen beim Strandspaziergang eingemummelt.

Geographisch ist die Ostsee ein Randmeer, geologisch so etwas wie eine Schmelzwasserpfütze der Eiszeit. Kein Vergleich mit der grandiosen Nordsee, den Gezeiten, dem Watt, dem Blanken Hans. Sie paßte zur DDR: Alles ein paar Nummern kleiner, aber immer noch groß genug, um die Arbeiterklasse eines ganzen Landes sommers mal abzuspülen. Und bei auflandigem Wind doch respektable Brecher. Während unseres Studiums waren wir hier Rettungsschwimmer in einem der zahlreichen Kinderferienlager. Ich höre noch einen blassen Jungen in Leipziger Sächsisch rufen, als er das erste Mal in die Wellen rennt: Buh, is dos Wosser hier solzisch! Wie Heme onne Gordoffeln!

Kinderferienlager gibt’s nicht mehr, jedenfalls nicht so und nicht mehr in schlichten Baracken zwischen bewaldeten Dünen. Statt dessen eine Menge Hotels mit ihren Programmen von Wellness bis SPA. Unseres ahmt nach, was man so für maritimen Stil in Blau und Weiß hält. Reetdach natürlich. Drinnen kompanieflurlange Gänge, Zimmer mit Flachbildschirmen. Ein legendäres Frühstückbüffet, eröffnen uns ein paar Berliner, die mit mehreren Familien wie in Kolonne angereist sind. Sichtlich Leistungs- und Entscheidungsträger, ihre Karossen dunkel und poliert, die Damen kosmetisch aufgebügelt, die „Kiddies“ ausnehmend cool und mit iPhone abgestöpselt. Ja, frühstücken könne man hier stundenlang, bis um elf. Bombastisches Büfett!

Bernsteinbäder, Berliner, Beton und von Braun

Während die Berliner Bourgeoisie also frühstückt und die Kiddies vom hoteleigenen Pferdehof bespaßt werden, sind wir mit den Rädern schon in Peenemünde. Peenemünde?, haben die Berliner gefragt. Wat dat denn? Wenn schon an’d Wassa, denn ja woll nach Zinnowitz, Heringsdorf, Bansin! Bernsteinbäder! – Aber wir surren unter Kiefern nach Nordwesten, dorthin, wo 1630 Gustav Adolphs Schweden anlandeten, um in den Dreißigjährigen Krieg einzugreifen, und wo gut dreihundert Jahre später unter Walter Dornberger und Wernher von Braun die „Heeresversuchsanstalt“ in den letzten Inselwinkel geklotzt wurde, die unter anderem das „Aggregat 4“ entwickelte und testete, die sogenannte V 2, jene „Vergeltungswaffe“ gegen Großbritannien, mit der technisch die Geschichte der Raumfahrt begann. Der genius loci ist immer noch spürbar. Schon weil das Dritte Reich überall, wo es ansetzte, eine Menge Beton hinterließ.

Wir sind beeindruckt von dem gigantischen Kraftwerk und dem Sauerstoffwerk, wir sprechen über all die Geschichten, die damit anfingen, daß von Braun zur Konfirmation von seiner Mutter ein astronomisches Fernrohr geschenkt bekam. Wir reden über deutsche Ingenieure, über die KZ-Außenlager, über Mittelbau Dora und darüber, wie das, was hier geschah, über Operation Overcast und Operation Paperclip beinahe nahtlos in Fort Bliss, White Sands und Huntsville seine Fortsetzung fand und, wäre es nach „Missileman“ Wernher von Braun gegangen, bis auf den Mars geführt hätte. Der Kontext, den es dazu aber braucht, umfaßt allerdings nicht weniger als das ganze letzte Jahrhundert …

Wir radeln zurück und springen vor Trassenheide ins Wasser. Eine Menge Publikum, uniformiert in THE NORTH FACE, JACK WOLFSKIN, WELLENSTEYN, schaut zu. Wenn schon Meer, dann auch schwimmen, versuchen wir uns zu erklären. Ist beinahe Mai!

„So’n Fantasy-Land, wa?“

Die Berliner sind indessen zum Mittagessen übergegangen: Na, wie wa dit nu in – Wie heeßt det noch? – Peenemünde? Och noch zu kalt, wa?Wichtiger Ort, sagen wir. Bißchen unheimlich. Aber fahrt mal hin. Da gibt’s was mit Raketen. Wäre schon richtig interessant für eure Kiddies! – Ach, sone Art Fantasy-Land, wa? – So ähnlich, ja …

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