Erste Scharmützel

Gewiß könnte man den Kampf um die Deutungshoheit über Islamkritik und Feminismus, wie er derzeit im Feuilleton tobt, als eine weitere skurrile Marginalie betrachten, an denen der Feminismus nicht gerade arm ist. Wer interessiert sich schon für die Meinung von Birgit Rommelspacher, einer Berliner Psychologieprofessorin mit den Schwerpunkten Interkulturalität und Geschlechterstu-dien, welche unter dem Banner einer „Kritik des kolonialen Feminismus“ gerade in der taz gegen die türkischstämmigen Frauenrechtlerinnen Seyran Ateş und Necla Kelek ins Feld zieht? Bei genauerer Betrachtung wirft diese Debatte allerdings einen erhellenden Blick auf den deutschen Gesellschaftszustand.

Die wichtigste Folge des Jahres 1968 dürfte zweifelsohne die Durchsetzung unserer Gesellschaft mit einem Sammelsurium an Subkulturen sein, welche im Zuge der verschiedenen Emanzipationsbewegungen aufkamen. Es gehört nun allerdings zu den weitverbreiteten Irrtümern, daß mit diesen auch eine neue Gesellschaftsform entstanden sei. Tatsächlich kam an sozialen Ideen praktisch nichts hinzu. Die verschiedenen Subkulturen – allen voran der Feminismus – konnten sich nur auf Kosten der Gesellschaft insgesamt entwickeln, zu deren Sicherung sie ihrerseits nichts beitrugen.

Ganz im Gegenteil gewannen die meisten Subkulturen gerade in Konfrontation mit der überkommenen Gesellschaftsform ein identitätsstiftendes Moment. Ob man diese nun als „paternalistisch“, „faschistisch“, „rassistisch“ oder dergleichen mehr kriminalisierte, war schlußendlich egal und nur der jeweiligen Ideologie geschuldet. Was zählte, war allein der gemeinsame Kampf gegen das „System“. Jeder Verbündete kam hier gerade recht – und wenn man ihn erst importieren mußte. Ohne diesen Zerstörungstrieb wäre die massenhafte Einwanderung aus dem islamischen Raum niemals durchsetzbar gewesen.

Das Problem ist natürlich, daß der Islam die Einladung zur Schaffung von „Freiräumen“ zwar gerne angenommen hat – allerdings nur mit der Absicht, in diesen die eigene Ordnung durchzusetzen, bis sie irgendwann einmal für alle verbindlich ist, auch für die Subkulturen. Der Platz, den man hier beispielsweise Frauen zuweist, hat bei manchen Feministinnen in den letzten Jahren Denkprozesse ausgelöst – bei Rommelspacher ganz offensichtlich nicht. Für sie dürfte das „Patriarchat“ noch immer Deutschland heißen.

In ihrem taz-Artikel geißelt Rommelspacher den europäischen Chauvinismus, der „nicht mehr so sehr das Argument ‘rassischer’ Überlegenheit“ benutze, wohl aber seine „zivilisatorische Funktion“. Wie bereits „zu Zeiten des Kolonialismus“ besteht diese auch in der Durchsetzung von Frauenrechten. „Wer jedoch zögert, die Machtanmaßungen des Kolonialismus mit Feminismus zusammen zu denken, der sollte wissen, daß auch im Nationalsozialismus Frauen ihre ‘rassische’ Überlegenheit mit ihrem Einsatz für die Gleichstellung von Mann und Frauen begründeten“: der altbekannte Manichäismus, dem zufolge alle unsere Werte irgendwie im Nationalsozialismus wurzeln.

„Differenz wird hier mit Haß und Feindseligkeit aufgeladen“, wettert Rommelspacher gegen feministische Islamkritik.  „Aus diesem Grunde geht es in erster Linie um repressive Maßnahmen wie das Kopftuchverbot, Einwanderungsbeschränkungen und Gesinnungsprüfungen.“ Das Peinliche ist nur diesmal, daß Rommelspacher diese Vorwürfe explizit gegen Ateş und Kelek richtet.

Rommelspacher habe sich „stets nachdrücklich für Toleranz im Zusammenleben mit Menschen anderer kultureller Herkunft und gegen jegliche Diskriminierung Andersdenkender eingesetzt“, hieß es in der Laudatio, als sie vergangenes Jahr mit der Louise-Schroeder-Medaille des Berliner Abgeordnetenhauses ausgezeichnet wurde. „Mit ihrem Engagement vermittelt sie zwischen den unterschiedlichen Kulturen und arbeitet gegen Diskriminierung und Gewalt, gegen Fremdenhaß und Rechtsextremismus.“

Ateş hat keine Medaille des Abgeordnetenhauses erhalten, sondern nur 1984 als Mitarbeiterin einer Kreuzberger Beratungsstelle für türkische Frauen einen Schuß durch die Halsschlagader – von einem Mann „anderer kultureller Herkunft“, dem Rommelspacher wohl noch nicht die „Wege zu einer gewaltfreien friedlichen Gesellschaft“ aufzeigen konnte.

Rommelspacher falle nicht auf, daß sich die muslimischen Frauenrechtlerinnen „in eigener Sache einmischen“ schreibt Regina Mönch in ihrer scharfen Replik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für sie seien es keine mutigen Kritikerinnen an „unhaltbaren Zuständen in unserer Gesellschaft“ und an einer Religion, die Individualität und Selbstverantwortung ablehnt. „Nein, für Rommelspacher handelt es sich hier um die neuen Feinde.“

Gerade türkische Frauen gingen zu Vorträgen von Ateş und Kelek, berichtet Mönch. „Vielleicht beunruhigt manche ja gerade das.“ Möglicherweise dürfte es wirklich der Kontrast mit jenen in der Tat mutigen Frauen sein, welcher Rommelspacher zur Weißglut treibt. Denn Anspruch und Wirklichkeit könnten kaum weiter auseinanderklaffen. Aber vielleicht dürfte es darüber hinaus noch eine andere Ursache für jene nach Hysterie klingenden Äußerungen geben.

„Unter dem Feldzeichen des Feminismus marschiert eine Armee, die noch nie auf einen Gegner getroffen ist“, spottete einst Focus-Redakteur Michael Klonovsky. Nun aber sind die ersten Vorposten dieser Armee bereits in Scharmützel verwickelt, und der Tag ist abzusehen, an dem es zur Entscheidungsschlacht kommen muß. „Immer häufiger machen Feministinnen mit Rechten gemeinsame Sache“, schreibt Rommelspacher empört.

Beispielsweise kämpfte die Schweizer Feministin Julia Onken erfolgreich mit der rechtskonservativen SVP für das Minarettverbot. „Feministinnen müßten inzwischen auch mit den Rechten koalieren, so argumentierte kürzlich die Publizistin Halina Bendkowski in einer Rundfunkdiskussion, da die Linken sich aus Angst vor den Muslimen nicht mehr trauten, sich für die Gleichberechtigung der Frauen einzusetzen.“

Man kann es auch anders sehen. Wenn man nur gegen die deutsche Gesellschaft ankämpft und ihr die Lebensgrundlage entzieht, dann wird man irgendwann feststellen müssen, daß dieses „Patriarchat“ mitsamt seinem „maskulin-repressiven Polizeiapparat“ auch die Frauenrechte schützte. Und daß es Männer waren, die durch ihr „männliches Dominanzverhalten“ sexuelle Übergriffe auf Frauen abwehrten. Nicht nur für die muslimischen Frauen, sondern für alle wäre es überaus wertvoll, wenn Ateş, Kelek und andere einen reflexiven Erkenntnisprozeß in Gang bringen sollten. Die Zeit jedenfalls drängt.

Foto: Verschleierte Muslimin: Der Platz, der im Islam den Frauen zugewiesen ist, hat nicht bei allen Feministinnen Denkprozesse ausgelöst

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