Pankraz, G. Hüther und das kleine Auswärtsspiel

Alles, was ich will, alles, was ich will, / Ist verboten, macht dick oder kostet zuviel./ Alles, was ich will, alles, was ich will, / Das bist du und ab und zu ein kleines Auswärtsspiel.“ So singt – in dröger, nicht enden wollender Wiederholung – eine Gruppe Kölscher Jungs im gegenwärtigen Karnevalsgeschehen, nicht  gerade auf den großen Prunksitzungen, aber doch auf so manchem „Divertissimentchen“, so daß der Song gut unter die Leute kommt. Auch auf „center-tv“, dem Kölner Lokalsender, soll er zu hören sein.

Die Leute hören’s offenbar gerne, aber jubeln tut niemand, warum auch? Sowenig Schwung und Begeisterung hat noch kein Karnevalslied ausgestrahlt, und daß es ganz junge Kerle sind, die das singen (wobei sie sich kaum bewegen und ein bekümmertes Gesicht vorzeigen), macht die Sache fast unheimlich. Wo sind wir hingekommen?

„Die Begeisterung“, so lehrt der populäre Göttinger Hirnforscher und Neurologe Gerald Hüther, „ist der entscheidende Anstoß zur Entwicklung des menschlichen Bewußtseins.“ Ohne Begeisterung geht gar nichts. Vor allem Kinder und Jugendliche begeistern sich normalerweise  tagtäglich für dieses und jenes, und eben dadurch entwickelt sich ihr Gehirn. Nicht die Eingabe von Ritalin oder anderen Medikamenten, sagt Professor Hüther, sei das probate Mittel gegen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche (ADHS), sondern das Aufwecken und Wachhalten von Begeisterungsfähigkeit – kein medizinisches, sondern ein pädagogisches Problem.

Normalerweise ist ADHS bei Kindern verbunden mit sogenannter Hyperaktivität, einem diffusen Herumzappeln à la Zappelphilipp, einer Achterbahn der Gefühle, in der der Benutzer keinen Fokus auszumachen vermag. Aber die Kölner „Alles, was ich will“-Gruppe ist über diesen Urzustand gewissermaßen schon hinaus. Es hat sie in der Grundschulzeit niemand für ein echtes Ziel begeistern können oder wollen, es wimmelte da geradezu von gutmenschlichen Verbotstafeln, und im übrigen sollte alles nur „cool“ bleiben, also anstrengungslos, mit der linken Hand zu erledigen, beliebig und gleichgültig.

So landeten sie schließlich beim „kleinen Auswärtsspiel“, der Generalmetapher für das, was übrigbleibt, wenn alle Begeisterungsfähigkeit aberzogen ist. Wohlgemerkt, man „will“ kein glorioses Auswärtsspiel, nicht einmal eins, in dem die eigene Mannschaft gewinnt und man mit sattem Punktekonto nach Haus fahren kann. Man ist schon voll zufrieden mit einem „kleinen“ Spiel, klein, kleiner geht’s nicht. „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles!“ (Rainer Maria Rilke). Hauptsache, der 1. FC Köln bleibt gerade noch in der ersten Bundesliga.

Wichtiger als das Drinbleiben ist sowieso die Stunde des emphatischen, grölenden Zusammenseins, die das Auswärtsspiel mit sich bringt und die genau jener Achterbahn der Gefühle entspricht, vor der die Eltern frisch eingeschulter Sprößlinge Angst haben. ADHS ist nicht nur ein Synonym für Konzentrationsschwäche, sondern auch für Bindungsschwäche. Über das „Du“, das man laut Liedtext neben dem Auswärtsspiel ja ebenfalls noch haben will, wird bezeichnenderweise kein einziges Wort verloren. Und das läßt ziemlich tief blicken.

Gewiß, der ADHS-Patient braucht dieses Du, um angesichts der vielen Verbotstafeln überhaupt etwas zu finden, das er wollen darf und das weder dick macht noch viel kostet. Es ist billig, man muß nicht viel investieren, es steht immer zur Verfügung. Und um sich von ihm zu erholen, gibt es eben das kleine Auswärtsspiel, das ja keineswegs stets und exklusiv auf dem Fußballfeld stattfinden muß. Der „Alles, was ich will“-Song ist frei von jeglicher Du-Romantik, wie sie an sich sonst in jedem populärem Schlager  zu vernehmen ist. Auch hier fehlt jegliche Begeisterung. Die Sänger wissen gar nicht mehr, was Begeisterung ist.

Wissen es wenigstens noch einige andere in Merkelland? Zu spüren ist gegenwärtig davon nichts. Das alberne „Cool bleiben“-Pathos hat tatsächlich jede jugendliche Begeisterungsfähigkeit hinweggespült. Junge Leute begeistern sich heute nicht einmal mehr für neue Automodelle, höchstens noch für diesen und jenen neuen Handy- oder Internet-Trick. Bei den höheren Kulturtechniken sieht es zappenduster aus. Politiker oder Nachdenker, die es wagen, sich begeistert in eine Sache hineinzuknien, sind in den Augen der Medien „Fundamentalisten“ und werden mit Mord und Totschlag in Verbindung gebracht.

Professor Hüther, seitdem er empfohlen hat, ADHS-gefährdete Schüler statt mit Ritalin lieber mit einer diffizilen Pädagogik aus Begeisterungsweckung und Begeisterungspflege zu behandeln, gilt nun in weiten Kreisen als „pädagogischer Fundamentalist“; ganze große Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Jugendpsychiatrie (und selbstverständlich die Pharmaindustrie) warnen vor ihm. Daß er in einer Langzeitstudie Laborratten mit Ritalin und anderen Methylphenitaten fütterte und damit schwere Bewegungsstörungen bei ihnen hervorrief, der Parkinsonschen Krankheit beim Menschen ähnlich, wurde einfach ignoriert. Der Mensch ist keine Ratte, hieß es.

Letzteres stimmt zwar, doch man kann daraus durchaus verschiedene Schlußfolgerungen ziehen. Begeisterung ist ein genuin menschliches Phänomen. Tiere reagieren, nach allem, was wir zu wissen glauben, lediglich auf existentielle Bedürfnisse, ihr Gehirn befriedigt Bedürfnisse. Aber die Begeisterung des menschlichen Gehirns erzeugt Bedürfnisse, und es entwickelt sich dadurch weiter, bringt sich in Schwung, entfaltet ungeahnte Potentiale, die bis dahin möglicherweise brachgelegen haben. Dazu benötigt es weder Ritalin noch das Risiko, später an Parkinson zu erkranken.

Man kann es auch folgendermaßen ausdrücken: Tiere haben in ihrem Verhalten immer Heimspiel, der begeisterte Mensch hingegen hat immer Auswärtsspiel. Es ist aber nie ein kleines Spiel, es ist immer ein großes Spiel, auch wenn man dabei manchmal ohne Sieg bleibt.

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